Pralinen, Schnaps und mehr Made in Berlin
Berlin steht für große Politik, Kunst, Kultur. Wer die Hauptstadt spüren will, besucht ihre Manufakturen
Berlin steht für große Politik, Kunst, Kultur. Wer die Hauptstadt spüren will, besucht ihre Manufakturen
In Berlin wird nicht nur große Politik gemacht. Es wird auch kreativ gearbeitet. Verteilt über die zwölf Bezirke gibt es viele kleine Werkstätten und Manufakturen, in denen authentische Produkte. Wir stellen vier Anlaufstellen für Genießer vor.
Christopher Peters (43) liebt Popcorn. Doch was er in Deutschland kaufen konnte, schmeckte dem gebürtigen Hamburger nicht: „Da klebte einem der Mund zu.“ Also fragte er die Betreiber seines Lieblingscafés im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, Lucie Krautien (42) und André Göbel (41), ob sie nicht ein raffiniertes Rezept kreieren könnten. Gesagt, getan. Das Geheimnis? Handarbeit, Liebe und eine besondere Maissorte, die hübsch-gleichmäßige Kugeln bildet. Die Körner werden bei 220 Grad heißer Luft ohne Fett aufgepoppt, mit Karamell und Gewürzen vermischt und im Ofen knusprig gebacken. Der klassische Kino-Snack verwandelt sich in eine Delikatesse.
Aus der spinnerten Idee wurde ein erfolgreiches Start-up: seit 2016 gibt es die Knalle Popkonditorei. „Wir haben die ersten Tüten zum Test in der Kreuzberger Markthalle 9 angeboten und waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft“, erzählt Peters, inzwischen kaufmännischer Leiter von Knalle. Passenderweise nennt er sich nicht CEO sondern „KEO“, „Knusper Executive Officer“. Butterkaramell Tahiti-Vanille, dunkle Schokolade mit gerösteten Mandeln, Trüffel-Fleur-de-Sel – die Kompositionen sind mal süß, süß-salzig oder pikant. Eine Edition entstand in Kooperation mit Sternekoch Tim Raue: „Extrakaramell Chipotle Chili Zitrone“. Inzwischen hat die Firma 23 Mitarbeiter, die Produktion wurde aus dem Café-Hinterzimmer in ein Industriegebiet nach Marzahn-Hellersdorf verlegt. In der Manufaktur entstehen im Zwei-Schicht-Betrieb mehr als 25 000 Tüten pro Woche. Das Verpacken und Versenden übernehmen die Mosaik Werkstätten für Menschen mit Behinderungen.
https://knalle.berlin
Wohlsein
Joseph Roth schrieb am liebsten in der Kneipe. Der Schriftsteller (1894–1939) war Stammgast in „Mampes Guter Stube“ am Kurfürstendamm. Die Schankstelle gehörte der gleichnamigen Berliner Spirituosenmanufaktur. Während fast jeder noch heute Marken wie Berliner Kindl oder Schultheiss kennt, waren die Schnapsbrenner mit dem putzigen Elefanten-Logo fast völlig von der Bildfläche verschwunden. „Das lag an sehr vielen sehr unglücklichen unternehmerischen Entscheidungen“, sagt Florian Löhlein. Der 44-Jährige hat die Marke 2021 gemeinsam mit Quirin Graf Adelmann und Tom Hölzner übernommen und bringt die vergessene Legende wieder ganz groß raus. Voller Begeisterung erzählt der zuvor im Gesundheitswesen tätige Betriebswirt eine Anekdote nach der anderen aus der Firmengeschichte, als habe er sein Leben lang nichts anderes gemacht.
„Alles fing mit Dr. Mampes Bitteren Tropfen an. 1831 erfunden von Carl Mampe, einem Arzt, der eine Medizin gegen die Cholera herstellen wollte“, sagt Löhlein. Heuschnupfen, Magenschmerzen, Halsweh – der bittere Schnaps auf 67 Kräutern hilft einfach gegen alles. „Nur nicht gegen Cholera.“ Und gemischt mit Orangenlikör wird sogar ein anständiger Halbbitter-Likör draus („Mampes Halb und Halb“). In der Mampe-Manufaktur, stilecht in einer alten Weißbier Brauerei im Berliner Stadtteil Kreuzberg untergebracht, kann man Destille und Markenwelt besichtigen, Tastings erleben und seinen eigenen Gin kreieren. Mampe hat Destillate und Mazerate für jeden Geschmack parat, von Rosmarin über Orange und Pomello bis hin zu Spargel oder Sprotte. Wohl bekomm’s!
https://mampe.berlin
Selbstgemachter Krokant, Haselnuss- und Mandel-Nougat, Trüffelganache und Edelmarzipan. Sorgsam geschichtet und mit Zartbitterschokolade überzogen. Das ist die Königin-Luise-Praline, einer der Bestseller von Sawade. Die älteste Berliner Pralinenmanufaktur wurde 1880 von dem Ostpreußen Ladislaus Maximilianus Ziemkiewicz gegründet. Das erste Geschäft lag prominent an der Straße Unter den Linden, Ecke Friedrichstraße. „Der Name Sawade soll sich auf die Nachbarin des Gründers beziehen, eine Madame de Savadé“, erzählt der heutige Firmenchef Benno Hübel. Dass es die süßen Köstlichkeiten überhaupt noch gibt, ist das Verdienst des Freiburgers (51) und seiner Frau Melanie (49), die als Berlinerin viele schöne Erinnerungen mit der Marke verband.
2013 übernahm das Paar das Unternehmen nach einer Insolvenz und baute es sorgsam aus. „Die Qualität hat immer gestimmt, wir mussten dafür sorgen, dass Sawade wieder bekannt wird“, sagt Benno Hübel. Behutsam und entschlossen ging es zurück zu den Wurzeln. Die Confiserie betreibt inzwischen elf edel gestaltete Läden über Berlin verteilt. Melanie Hübel, von Beruf Grafikerin, sorgt für hochwertige Schachteln. Darauf: tuschegezeichnete Berliner Sehenswürdigkeiten. „Als Logo verwenden wir den klassischen Schriftzug aus den 1930er Jahren“, erzählt Benno Hübel. Produziert wird ausschließlich in Berlin-Reinickendorf. Alles von Hand gemacht, ganz ohne modische Allüren, mit hochwertigen Zutaten und ohne Chemie. „Wir arbeiten nach altbewährten Rezepten. Und 1880 gab es eben in Deutschland kein Kokosfett oder Palmöl“, sagt Benno Hübel.
https://sawade.berlin
Aufgebrüht
Es duftet verlockend wie in einer Backstube. Wie kann das sein? „Wenn man Kaffeebohnen röstet riecht es noch nicht nach aufgebrühtem Kaffee, eher nach frischem Brot“, sagt Oliver Klitsch und öffnet einen der Jutesäcke: der Rohkaffee sieht grünlich aus und erinnert an getrocknete Erbsen. Beim Erhitzen werden die Bohnen nicht nur dunkelbraun, sondern entfalten auch ihr Bukett. Kaffee kann nach Bitterschokolade schmecken, nach Haselnüssen, schwarzer Johannisbeere, Kirsche oder Stachelbeere. „Das ist wie bei Wein, da stecken auch verschiedene Aromen drin“, sagt Oliver Klitsch. Eigentlich hat der 47-jährige Berliner Öko-Agrarmanagement studiert. Dann lernte er bei einer Australienreise in Melbourne, was richtig guter Kaffee ist, und machte sein Hobby zum Beruf.
Seit 2014 betreibt Klitsch gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin Nadine Heymann (46) eine kleine Rösterei in Berlin-Wedding. Die beiden Kaffeeenthusiasten legen nicht nur Wert auf Qualität, sie wollen auch fair und nachhaltig produzieren. Sie kennen jeden Lieferanten, fahren regelmäßig zu den Kooperativen nach Guatemala oder Honduras. „Unser Motto ist: vom Strauch bis in die Tasse“, sagt Klitsch. Die Flying Roasters produzieren im dritten Hinterhof einer kleinen Seitenstraße beim Volkspark Humboldthain. Direkt gegenüber kann man im angeschlossenen Café die Produkte probieren und Kurse buchen. Besonders beliebt: ein Seminar über die Kunst des richtigen Milchaufschäumens. Sämig-fein muss es sein, „kein Bauschaum“, erklärt Oliver Klitsch. Aufgetürmte Milchgebilde verhunzen auch den besten Kaffee.
www.flyingroasters.de
Anreise
Nach Berlin mit dem Zug, direkt oder mit Umstieg in Frankfurt oder Nürnberg, www.bahn.de .
Unterkunft
Das Hotel Das Stue befindet sich in der ehemaligen dänischen Botschaft am Tiergarten. Als Reminiszenz an diese Vorgeschichte wählte man den Namen: Stue heißt Wohnzimmer auf Dänisch. Das passt zu diesem gemütlichen Haus. Doppelzimmer ab 285 Euro, www.so-berlin-das-stue.com/ Wie ein König logiert man im Château Royal. Das Boutique-Hotel, wenige Schritte vom Brandenburger Tor entfernt, punktet mit viel Charme und ausgesuchter Kunst. Doppelzimmer ab 245 Euro, www.chateauroyalberlin.com/de.
Essen und Trinken
Gehobene Küche – im wahrsten Sinne des Wortes – gibt es in 203 Metern Höhe auf dem Berliner Fernsehturm. Sterne- und Fernsehkoch Tim Raue hat dort im Frühjahr das Restaurant Sphere eröffnet. Serviert werden gutbürgerliche Klassiker wie Königsberger Klopse, Eisbein oder Broiler, https://tv-turm.de/sphere-tim-raue/ Das Restaurant Clärchens Ballhaus lebt Nostalgie auf dem Teller. Hier serviert Küchenchef Tobias Beck Mettigel oder Wackelpudding, https://claerchensball.haus .
Allgemeine Informationen
Berlin Tourismus, www.visitberlin.de