Praxisaufgabe in Aidlingen: In der Gemeinde droht ein Versorgungsengpass. Foto: Eibner-Pressefoto
In Aidlingen droht ein Engpass bei der medizinischen Versorgung: Hausärztin Olga Marada-Csorba gibt zum 30. Juni ihre Praxis auf. Eine Gemeinschaftspraxis soll einen Großteil der Patienten übernehmen, braucht dafür aber Platz und Personal.
Eddie Langner
17.05.2024 - 18:51 Uhr
Ab Juli wird es eng mit der medizinischen Versorgung in Aidlingen. Für die knapp 9500 Menschen in der Heckengäu-Gemeinde steht ab 30. Juni eine Hausarztpraxis weniger zur Verfügung: Die Allgemeinmedizinerin Olga Marada-Csorba hat im April überraschend angekündigt, dass sie ihre Praxis im Aidlinger Therapiezentrum im Pfarrgässle 1 aufgeben will. Mehr als 1000 Patientinnen und Patienten müssen sich jetzt nach einer Alternative umsehen.
„Das hat uns alle kalt erwischt“, sagte Bürgermeister Ekkehard Fauth in der Gemeinderatssitzung am Donnerstagabend. Das Rennen auf die beiden verbleibenden Praxen habe begonnnen. „Schon jetzt sind wir da an der Kapazitätsgrenze angekommen“, berichtete Fauth. Seitdem Olga Marada-Csorba die Praxisaufgabe verkündet hat, habe man täglich Menschen im Rathaus, die wissen wollen, wohin sie sich denn nun künftig wenden sollen.
Die Verwaltung hatte sich deshalb zuletzt mit der Leitung der nur gut 200 Meter entfernt gelegenen Gemeinschaftspraxis Aidlingen zu einer Krisensitzung getroffen, um über eine mögliche Lösung zu sprechen. Die Idee, einen Container auf dem Parkplatz vor dem daneben liegenden ehemaligen Schuhhaus Gerlach aufzustellen, habe man schnell als unpraktikabel verworfen. Am Ende einigte man sich auf den Vorschlag des Praxisteams, einen Raum so zu teilen, dass dort ein weiterer Arbeitsplatz für eine zusätzliche Medizinische Fachangestellte (MFA) und eine weitere Ärztin oder Arzt entsteht.
Malte Schaub Foto: privat
Der Gemeinderat stimmte einstimmig für den Vorschlag der Verwaltung, die Kosten in Höhe von rund 25 000 bis 30 000 Euro für diese als Provisorium angedachte Maßnahme zu übernehmen. Bis spätestens 1. September soll der Umbau fertig sein. Bürgermeister Fauth verwies darauf, dass die Unterstützung der Praxis zwar keine Pflichtaufgabe sei. „Wir sehen uns hier aber in einer moralischen Pflicht“. Jutta Kühnle sah das genauso. „Wir können es uns gar nicht leisten, dagegen zu sein“, sagte die Deufringer Ortsvorsteherin und Freie-Wähler-Rätin.
Mit der neuen Raumaufteilung ist es allerdings nicht getan. Schließlich muss die Gemeinschaftspraxis erst noch eine Verstärkung für ihr Ärzteteam finden. Bis zum 1. Juli werde man das aber kaum schaffen. „Dafür ist die Zeit einfach viel zu kurz“, sagte der Allgemeinarzt Malte Schaub, der mit seinem Kollegen Thomas Heindel im Zuhörerbereich des Ratssaals saß und vom Gemeinderat um eine Stellungnahme gebeten wurde.
Gemeinde will medizinisches Versorgungszentrum voranbringen
„Ich glaube schon, dass wir attraktiv sind für junge Kollegen“, meinte Schaub. Noch attraktiver dürfte die Praxis werden, wenn nahe der Aidlinger Ortsmitte ein seit einigen Jahren angedachtes medizinisches Versorgungszentrum Wirklichkeit wird. Auf Nachfrage von Grünen-Rätin Elke Anders teilte Bürgermeister Fauth mit, dass in dieser Sache zuletzt Grundstücksverhandlungen stattgefunden hätten und man bald den nächsten Schritt machen könne.
Fauth sagte zu, dass die schon jetzt unter recht beengten Bedingungen arbeitende Gemeinschaftspraxis in das Zentrum einziehen wird, wenn dieses einmal fertiggestellt ist. Das dürfte Malte Schaub gerne gehört haben. Der Mediziner ist familiär mit der Gemeinde verbunden. Seine Frau Susanne ist Teil des Ärzteteams und Schwiegervater Reinhold Walentin sitzt für die CDU im Gemeinderat (weswegen dieser bei der Abstimmung aus Befangenheitsgründen abrückte). Bis er mit seinem Praxisteam aber in ein neues Ärztehaus ziehen kann, wird wohl noch viel Wasser die Aid herunterlaufen.
Deshalb braucht es schon jetzt tragfähige Lösungen. Schließlich ist die Gemeinschaftspraxis mit rund 5000 Patienten im Quartal schon gut ausgelastet. Zuletzt habe man dort 500 der deutlich mehr als 1000 Menschen aus Olga Marada-Csorbas Patientenstamm übernommen. Etwa 300 bis 400 kommen laut Ortsvorsteherin Jutta Kühnle in der Deufringer Praxis von Emilie Kristen-Popa unter. Dennoch könnten ab 1. Juli noch immer einige Hundert Menschen ohne örtliche medizinische Versorgung dastehen – zumal wohl noch längst nicht alle in der Bevölkerung etwas von der Praxisaufgabe mitbekommen haben.
„Das wird sehr hart.“
Vor dem Sommer habe Malte Schaub dabei noch keine Bange. „Aber mir graust vor dem Winter“, sagt er. Insbesondere bei älteren Menschen erwartet er einen großen Andrang in der Grippe- und Erkältungssaison. „Mit 500 zusätzlichen Patienten wird das sehr hart – selbst wenn wir bis dahin einen neuen Arzt bekommen“, sagt Schaub.
Um das Patientenaufkommen überhaupt irgendwie bewältigen zu können, empfahl Fauth der Praxis, ab jetzt nur noch Menschen aus Aidlingen aufzunehmen. „Das machen wir sowieso schon“, rief Schaub nach vorne. Sehr viel entspannter wird die Lage dadurch wohl auch nicht: Als nach gut drei Stunden der öffentliche Teil der Sitzung zu Ende war, kamen zwei ältere Herren auf die beiden Ärzte zu, die bisher bei Olga Marada-Csorba in Behandlung waren – und jetzt dringend einen neuen Hausarzt suchen.