Preis der Stadt Ludwigsburg Nazi-Gräuel zu früh für Grundschüler?
Nele Alberts erhält den Preis der Stadt Ludwigsburg. Die Erkenntnis in ihrer Masterarbeit: Heutzutage wissen Viertklässler mehr über Nazi-Verbrechen, sie brauchen Vertiefung.
Nele Alberts erhält den Preis der Stadt Ludwigsburg. Die Erkenntnis in ihrer Masterarbeit: Heutzutage wissen Viertklässler mehr über Nazi-Verbrechen, sie brauchen Vertiefung.
Früher stand eine Synagoge an der Stelle, an der Nele Alberts durch Ludwigsburg flaniert. Heute erinnern Koffer und Gedenktafeln dort an die verschleppten und vergasten jüdischen Mitbürger. Zu harter Tobak für Grundschüler? Die 24-jährige schüttelt den Kopf: „Viele Viertklässler haben schon mit ihren Großeltern darüber gesprochen oder mit Eltern Filmbeiträge angeschaut.“ Was fehle, sei das vertiefende Gespräch im geschützten Raum eines Klassenzimmers. Weil Nele Alberts darüber an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg in ihrer Masterarbeit intensiv forschte, erhielt sie den Preis der Stadt Ludwigsburg.
Eine derart hohe Auszeichnung ist alles andere als selbstverständlich. Nele Alberts ist sich bewusst, dass sie an einem Tabu rüttelt. „Die Auffassung ist weit verbreitet, dass die NS-Thematik an der Grundschule zu früh einsetzt und es die Kinder überfordert.“ Nur wenige Wissenschaftler forschten deshalb bisher darüber.
Die Lehramtsstudentin stieß ebenfalls auf Mauern. Kaum eine Schule öffnete ihr die Tore, damit sie mit den Neun- oder Zehnjährigen Interviews über deren historisches Vorwissen führen konnte. Nach acht vergeblichen Anfragen durfte die Odenwälderin aus Erbach schließlich an einer Schule im benachbarten Hessen mit Kindern reden. Die Juroren der Stadt Ludwigsburg bescheinigten ihr, die Interviews sensibel geführt zu haben und lobten ihr empirisches Vorgehen.
Und wie könnte eine Unterrichtsstunde mit den Kindern aussehen? Nele Alberts, inzwischen in Hessen im Referendariat tätig und dort vor allem mit Erst- und Zweitklässlern befasst, hat noch keinen konkreten Unterrichtsentwurf angefertigt. Aber sie glaubt, dass der Besuch von Gedenkstätten und Museen fest in eine solche Grundschuldidaktik gehören. „Für die Kinder ist wichtig, die Erzählungen aus dem Familienkreis einordnen zu können: wenn etwa die Großeltern von der Flucht im Krieg berichten.“ Das sei insbesondere durch lokalgeschichtliche und sichtbare Erlebniswelten möglich. So könnten die Kinder schon früh wirklichkeitsnahe Vorstellungen entwickeln, die das weitere Lernen in der Sekundarstufe vorbereiteten. „Diese Lernreize im Grundschulalter sind wichtig, weil die Schüler später mehr Anknüpfungspunkte haben.“
Als eine Fehldeutung der Kinder hat Nele Alberts in den Interviews den sogenannten Hitlerzentrismus bemerkt. „Sie nannten immer wieder Adolf Hitler als Alleinverantwortlichen für den Krieg und die Judenverfolgung.“ Ein Sachunterricht müsse jedoch vermitteln, dass es dafür eine ganze Gesellschaft brauchte und nicht ein Mann allein für alles verantwortlich gewesen sei. Eine weitere Erkenntnis ihrer Arbeit: In der Schulklasse müsse selbst eine vertrauensvolle, respektvolle und wertschätzende Atmosphäre vorherrschen, sonst könne ein solcher Unterricht nicht stattfinden.
Überhaupt müssten Lehrer mit viel Empathie arbeiten, um die Kinder dafür zu gewinnen, sich in die Menschen der damaligen Zeit hineinzuversetzen, erklärt Nele Alberts. Sie rät zur Arbeit mit Biografien, insbesondere mit Kindesschicksalen, weil sich die Grundschüler auf dieser Basis am besten in die Welt der Gleichaltrigen hineinversetzen könnten. Es sei wichtig, die Täter und ihre Opfer mit ihren Gefühlen, Perspektiven und Überzeugungen kennenzulernen. Das gelte besonders für Widerstandsgruppen wie die der Geschwister Scholl.
Grenzen für den frühzeitigen Geschichtsunterricht gibt es aber auch: Die Gräueltaten der Nazis dürften auf keinen Fall detailliert beschrieben werden, Lehrer sollten auf Bild- oder Videomaterial verzichten, erklärt die Preisträgerin in ihrer Masterarbeit, für die sie ein halbes Jahr bis April 2022 brauchte. An der Pädagogischen Hochschule bewertete Professorin Bettina Blanck die von ihrer Mitarbeiterin Carolin Hestler betreute Arbeit und schlug sie für die Preisverleihung vor. „Ich plädiere für eine Erinnerungsarbeit auch im Primarbereich, die klar benennt, was passiert ist“, sagt Nele Alberts, denn das außerschulisch bereits erworbene Wissen der Viertklässler sei so groß, dass dies gerechtfertigt sei. Lehrer sollten darauf achten, in einem ausgeglichenen Verhältnis zwischen den Mordtaten des NS-Regimes sowie hoffnungsspendenden Momenten und positiven Vorbildern zu berichten.
Nele Alberts blickt auf die Koffer am Ludwigsburger Synagogenplatz. Sie wünscht sich, dass solche Zeiten nie wieder zurückkehren. Der Grundschulunterricht sei für Lehrer und Eltern sicherlich mit eigenen Unsicherheiten verbunden – letztlich sollten die Bemühungen aber früh einsetzen, Menschen in jungen Jahren zu mündigen Staatsbürgern mit dem notwendigen Geschichtswissen zu erziehen.
Die PH
Die Pädagogische Hochschule der Stadt Ludwigsburg verleiht seit 1983 den Preis der Stadt Ludwigsburg jährlich an der PH. Die Hochschule würdigt damit herausragende wissenschaftliche oder künstlerische Abschlussarbeiten. Diesmal haben Nele Alberts und Ronja Kaupp den Preis mit je 750 Euro erhalten.
Die Arbeiten
Nele Alberts erhielt den Preis für Ihre Masterarbeit „Nationalsozialismus in der Grundschule – Didaktische Impulse für ein herausforderndes Thema im Sachunterricht“. Ronja Kaupp wurde für ihre Masterarbeit in der Sonderpädagogik geehrt. Sie hatte sich mit der Erweiterung des Wortschatzes beschäftigt.
Die Jury Die Jury des Preises besteht aus Mitgliedern des Lehrkörpers der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Die Juroren bewerten die Originalität sowie die erkennbare kritisch-diskursive Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema. Auch fließt ein, wie eine Vermittlungsdimension reflektiert wurde.