Preis für Gedenkstätte in Vaihingen an der Enz Noch nie etwas Schauerlicheres gesehen

Von Susanne Mathes 

Die KZ-Gedenkstätte in Vaihingen an der Enz ist mit dem europäischen Kulturerbe-Siegel ausgezeichnet worden. Die ehrenamtlichen Helfer versuchen derweil Weichen zu stellen, damit ihr Anliegen – die Arbeit gegen das Vergessen – auch für die Zukunft gesichert ist.

Der KZ-Friedhof in Vaihingen: Der Gedenkstättenverein will helfen, dass niemals Gras über die Geschichte wächst. Foto: factum/Granville
Der KZ-Friedhof in Vaihingen: Der Gedenkstättenverein will helfen, dass niemals Gras über die Geschichte wächst. Foto: factum/Granville

Vaihingen/Enz - Das war hier bei uns. Das sollte man gesehen haben. Und ich finde, das geht uns immer noch was an.“ Bewegt steht die Zehntklässlerin Linea Reichert vom Bietigheimer Ellental-Gymnasium vor einem Gedenkstein und Stelen, die Hunderte Namen auflisten. Sie und ihre Freundin Milena Ilesic, die mit ihrer Religions-Klasse da sind, haben für diesen stillen Moment einen Spruch vorbereitet. „Wenn die Sonne des Lebens untergeht, leuchten die Sterne der Erinnerung“, rezitiert Ilesic. Fast obszön mutet es an, dass an dem Ort, der das Andenken an bis zu 1600 barbarisch zu Tode gekommene Menschen hochhält, jetzt Vögel arglos zwitschern und Schmetterlinge dahinflattern.

Wiesengrund: Diesen euphemistischen Namen hatten die Nazis dem Konzentrationslager gegeben. Es wurde in der Endphase des Zweiten Weltkriegs errichtet und durchlief zwei Phasen: Seit Mitte 1944 mussten Zwangsarbeiter und jüdische KZ-Häftlinge im nahe gelegenen Steinbruch für ein irrwitziges Vorhaben – eine mehrgeschossige unterirdische Fabrik für die Flugzeugwerke Messerschmitt – schuften. Angesichts der Aussichtslosigkeit des Unterfangens und der sich nähernden Front wurde es Ende 1944 in ein „SS-Kranken- und Erholungslager“ für sterbenskranke, entkräftete Häftlinge aus anderen Lagern umfunktioniert.

An Heilung war indes niemand interessiert. Sadistisches Personal sprach von „Krepierbaracke“. Die französischen Truppen fanden bei der Befreiung Massengräber vor, die Überlebenden glichen lebendigen Skeletten. Der Leutnant Roger Audibert schrieb dazu nach fast sechs Jahren Krieg: „Wir haben bis zu diesem Tag nichts Schauerlicheres gesehen.“

Eine „großartige Vermittlungsarbeit“

Dass in Zeiten, in denen ein Bundestags-Oppositionsführer die NS-Ära als „Vogelschiss“ bezeichnen darf, 60 bis 70 Schulklassen im Jahr erfahren, wie vor der Haustür ihrer Vorfahren schikaniert, gequält und gemordet wurde, ist Menschen wie Jörg Becker zu verdanken. Er widmet den Bietigheimer Gymnasiasten an diesem Tag mehrere Stunden für die Annäherung an die schrecklichen Vaihinger Geschehnisse. Der frühere Geschichtslehrer aus Gerlingen zählt zu dem gut ein Dutzend nimmermüder Ehrenamtlicher, die die Gedenkstättenarbeit am Laufen halten. „Wir tun es, weil wir dazu beitragen wollen, die Werte zu bewahren und in die Zukunft zu tragen, die damals mit den Füßen getreten wurden“, sagt Becker.

Dieser Einsatz wurde vergangene Woche gewürdigt: Die Vaihinger Gedenkstätte erhielt, ebenso wie elf weitere Erinnerungsorte in Baden-Württemberg, das europäische Kulturerbe-Siegel. Alles waren im Dritten Reich Außenlagerstandorte des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof im Elsass. Auch die Gedenkstätte in Natzweiler selbst und zwei weitere Außenlager auf heutigem französischen Gebiet erhielten die Ehrung. Für die Laudatorin Katrin Schütz, Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, erkennt die Auszeichnung die deutsch-französische Kooperation zugunsten der Erinnerung an, aber auch „in wunderbarer Weise die großartige Vermittlungsarbeit, die seit Jahren in den Gedenkstätten geleistet wird“.

Einblicke voller Fürsorge

Doch die Vermittlungsarbeit ist im Umbruch. Die Generation der überlebenden KZ-Häftlinge, mit denen der Vaihinger Gedenkstättenverein intensive Kontakte pflegte, und die im Land der Täter über ihr Schicksal zu sprechen bereit waren, lebt inzwischen nicht mehr – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen. Und die Generation derjenigen, die das Vermächtnis weiterträgt, wird ebenfalls älter.

„Wir sind fast alle Ruheständler“, sagt das Vorstandsmitglied Jörg Becker, dem mit dem Ruhestand allerdings mitnichten die Vitalität abhanden gekommen ist. Wie er mit den Jugendlichen über die Fundamente der ehemaligen „Bade- und Entlausungsbaracke“ geht, wie er sie fürsorglich darauf hinweist: „Wenn ihr die Multimediapräsentation mit den Bildern von den Leichen nicht ertragt, könnt ihr selbstverständlich rausgehen“, wie er den Heranwachsenden auf dem Friedhof entrüstet Fotos von Schändungen zeigt oder sich über Farid Bangs gezielte Auschwitz-Entgleisung aufregt: Becker brennt für sein Thema. „Da steckt halt noch der Lehrer in mir, der die Begegnung mit jungen Leuten schön findet“, sagt er.

Suche mit Zeitungsanzeigen

Junge Leute braucht der Gedenkstättenverein perspektivisch selbst. Er hat dafür Weichen gestellt und bildet Jugendguides aus, die Gleichaltrige oder Angehörige führen können. „Die können zwar nicht den kompletten historischen Hintergrund vermitteln, aber durchaus Biografien, Schicksale und Lebenssituationen darstellen“, sagt Becker. Viele KZ-Häftlinge waren selbst noch nicht oder gerade erst erwachsen gewesen. Doch das zarte Pflänzchen zu hegen ist aufwendig. Interessierte Jugendliche sind nach Schulabschluss in der Regel bald weg. Der Verein setzt dennoch auf die Kooperation mit dem örtlichen Friedrich-Abel-Gymnasium, dessen Schüler ein Theaterstück zum Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers entwickelten und sich zuletzt mit Fotografien an einer deutsch-französischen Gemeinschaftsausstellung beteiligten. Die Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft bescherte dem Gedenkstättenverein ebenfalls schon ein paar neue Mitstreiter. „Andere, zum Beispiel die Kollegen von der Leonberger KZ-Gedenkstätte, suchen mit Zeitungsanzeigen nach Lotsen“, erzählt Jörg Becker.

Die 16-jährige Linea Reichert und ihre Freundin stehen zwischen den vielen nummerierten Grabsteinen. Zahlreiche Opfer hatten nach der Exhumierung nicht mehr identifiziert werden können, auch die genaue Zahl der Toten steht nicht fest. „Viele Leute kennen die Gedenkstätte gar nicht“, sagen die Schülerinnen. Aber „man sollte darüber Bescheid wissen“.

Aktiv gegen das Vergessen

Konzentrationslager Das Lager in Vaihingen wurde von der Organisation Todt im Sommer 1944 zum Bau von Befestigungen und Rüstungsanlagen errichtet. Es war eines von rund 60 Außenkommandos, die dem KZ Natzweiler im Elsass unterstellt waren. Arbeiten mussten dort Fremd- und Zwangsarbeiter der Organisation Todt und jüdische KZ-Häftlinge. Ende Oktober 1944 wurden 1800 noch arbeitsfähige Häftlinge an andere Einsatzorte verlegt, das KZ wurde in ein „SS-Kranken- und Erholungslager“, das in Wirklichkeit ein Sterbelager für kranke Häftlinge aus anderen Lagern war, umgewandelt. Die genaue Zahl der Opfer ist nicht bekannt, aus Massengräbern wurden 1488 Leichen exhumiert. Am 7. April 1945 befreite die französische Armee das Lager.

Ausstellung
Anlässlich der Verleihung des europäischen Kulturerbe-Siegels zeigt der Verein der KZ-Gedenkstätte vom 14. bis 19. Juli in der Vaihinger Peterskirche die Ausstellung „Das Konzentrationslager Natzweiler und seine Außenlager auf beiden Seiten des Rheins. Ein französisch-deutsches Erinnerungsprojekt“. Gestaltet haben es Schüler und Studenten. Auch Schüler des Friedrich-Abel-Gymnasiums beteiligten sich mit Fotografien.




Veranstaltungen

Unsere Empfehlung für Sie