Und so wie die Straße Geschichte und Geschichten erzählt, erzählt auch dieses denkmalgeschützte Gebäude, und vor allem der rote Backsteinbau im Hof dahinter, eine ziemlich aufregende Geschichte.
Seit 1896 vorne Strafgericht, hinten Frauengefängnis, in dem von 1933 bis 1945 Regimegegnerinnen inhaftiert waren, später unter anderem eine Landesanstalt für Lebensmittelchemie und ein Kammergerichtsarchiv, die Zellen dienten auch als Drehort für den NS-Film „Der Vorleser“ mit Kate Winslet. Und jetzt: preisgekröntes Architekturjuwel.
Auszeichnungen für den Umbau
Das Vordergebäude wird als „Amtsalon“ unter anderem für Kunstausstellung und von Galeristenfreunden als Pop-up-Store und für Ausstellungen abseits der nahe gelegenen Messe genutzt. Das ehemalige Gefängnis ist nun ein Ort, an dem Menschen freiwillig einchecken – ein Hotel.
Für den geschichtssensiblen Umbau gab es mehrere Auszeichnungen. Darunter auch den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur , weil die Nachverdichtung im Gebäudebestand mit „minimalem C02-Fußabdruck und bei gleichzeitiger Entsiegelung und Renaturierung von Flächen“ gelungen ist.
Ein eisiger Vormittag im Dezember, um 10 Uhr ist die Verabredung mit der Architektin. Frau Grüntuch-Ernst ist heute noch nicht da, sagt eine junge Dame, man möge sich in der Rezeption kurz gedulden. Sehr gern, denn es ist ein schöner Raum mit cremefarbenem Terrazzoboden, hellen Holzmöbeln, einem prächtigen weißen Tresen. Eine Rezeption, aber ganz ohne die üblichen Computer und Unterlagenkrimskrams.
Wie die Architektin später erklären wird, ist das der ehemalige Post-Tresen: „Wir haben ihn erhalten und mit einer Marmorplatte optisch aufgewertet“. Da, wo jetzt Hotelunterlagen untergebracht sind, lagerte einst Post des Gerichts. Insgesamt wirkt der Raum eher wie eine Diele in einem prächtigen Wohnhaus, während man darüber sinniert und auch darüber, ob die Architektin wohl öfter in dem von ihr umgebauten Gebäude zu Besuch ist, kommt sie schon zur Tür hinein.
Dunkles aus der hohen Stirn gekämmtes Haar, gewinnendes Lächeln, ein Bildband unterm Arm. Kurzes Gespräch mit der Dame am Empfang über einen Gästewechsel. Die Frage, warum die Architektin so oft im Wilmina ist, ist rasch beantwortet, sie ist auch die Gastgeberin des Wilmina.
Garten im einstigen Gefängnishof
Was man schon deshalb nicht erwartet hätte, weil sie eine international erfolgreiche und preisgekrönte Architektin ist, die mit ihrem Mann Armand Grüntuch seit dreißig Jahren in Berlin ein Architekturbüro mit 40 Mitarbeitern leitet, dazu Professorin in Braunschweig ist und mit ihrem Mann auch eine große Familie mit fünf Kindern hat.
Die Architektin führt durch den Gang, zeigt nach linkerhand zum Restaurant Lovis, schließt dann das Tor auf. Nicht, um Gefängnisassoziationen in Gang zu setzen, sondern um den Gästen Ruhe zu gönnen. Das Tor öffnet sich nur für Hotelgäste. „Es soll ein Rückzugsruheort sein, deshalb ist die Erschließung vom Restaurant komplett getrennt.“
Wo jetzt ein Garten ist und selbst im Winter die gefrorenen Stauden davon erzählen, wie es hier im Sommer summt und brummt, war ein nackter Hof. „Den haben wir entsiegelt und der Natur zurückgegeben“. Der kleine Eingang rechterhand für Mitarbeiter und Besucher des Gefängnisses blieb erhalten, doch ein neuer Eingang linkerhand führt nun in die Gartenlobby.
Ein hoher heller Raum mit Sessel und schönen Leuchten. In den folgenden zwei Stunden weicht das Wundern einem Bewundern, so eloquent und begeisternd wurden einem Architektur, die Freuden des Bauens im Bestand und Verantwortung für deutsche Geschichte noch selten nahe gebracht.
Verantwortung für Geschichte
Dass die Grüntuchs jetzt auch noch Hoteliers geworden sind (zwei der Kinder arbeiten auch im Wilmina), hat sicher mit ihrer Lust an der Verantwortung zu tun. In der Familie lag der Beruf nicht, auch nicht der der Architektin – „nur mein Ur-Großvater Gottlob Schaudt war Architekt und einige meine Verwandten leben auch noch in seinen Häusern, die er auf der Weinsteige und dem Haigst gebaut hat.“ Diese Gemeinsamkeit gibt’s mit dem Wilmina – auch seine Gebäude stehen unter Denkmalschutz.
Potenzielle Bauherren hatten sich für das seit 1985 leer stehende, in Vergessenheit geratene Gebäude kaum mehr als einen Umbau in Lagerboxen vorstellen können. Aber Räume für ausrangiertes Zeug, wo jahrzehntelang Menschen lebten und litten? Das schien dem Architektenpaar nicht passend.
Der Umbau währte zehn Jahre
Kurzum boten sie und bekamen das Haus. „Die Umbauarbeiten dauerten gut zehn Jahre, weil wir weder die finanziellen Mittel noch die Zeit hatten uns vollumfänglich dem Projekt zu widmen“, berichtet Almut Grüntuch-Ernst, während sie auf ihrem Smartphone nachschaut, welches Zimmer gerade schon ausgecheckt ist.
Pünktlich zum Lockdown war alles fertig – auch das Restaurant, das da errichtet wurde, wo früher der Schleusenhof für die ankommenden Insassinnen war. Alles blieb erst einmal geschossen. „Als dann aber im Januar 2022 der BDA-Preis Berlin für das Haus kam, sagten wir uns, komm, lass es uns jetzt am 1. April aufmachen, auch ganz ohne größere Marketing- und Werbeaktion“, sagt Almut Grüntuch Ernst.
Die ersten Gäste in den 44 Zimmern seien fast ausschließlich Architekten gewesen, die von dem preisgekrönten Projekt in ihren Netzwerken erfahren hatten. Und auch solche Details zu schätzen wissen wie dieses: Das gusseiserne Treppengeländer war zu niedrig für heutige Bedürfnisse, es wurde abmontiert, Verlängerungen in die Stäbe eingeschweißt und wieder ins Haus eingebaut.
Die Architektin führt durch helle Gänge, schließt mittelblau lackierte Türen auf und zu, die nicht verbergen, was sie einmal waren, Gefängnisflure und Gefängnistüren mit Nummern nämlich. Doch welche helle Freundlichkeit, nach oben geöffnete Räume und Oberlichter lassen die Gänge erstrahlen, zudem vermitteln die meterweit von der Decke herabhängenden Leuchten wie Wasserblasen aussehend von Bocci eine spielerische Leichtigkeit in der stillen, fast klösterlich anmutenden Atmosphäre. „Die Leuchten begleiten den Blick nach oben“.
In den einstigen Zellen – einige wurden zu größeren Zimmern zusammengelegt - sind immer noch Gitter vor den Fenstern, teilweise abgesägt, dazu helle Eichenholzböden, weiße Wände, natürliche Materialien, helle Vorhänge. Ein minimalistischer Stil, dazu Bilder von Künstlern wie Hans-Christian Schick und Bernd Uhlig sowie Tanzszenenfotos ihrer Freundin, der bekannten Choreografin Sasha Waltz, an den Wänden.
Mit dem Umbau ist es gelungen, den Ort und seine Geschichte respektvoll zu begegnen und kein heimlich voyeuristisch anmutendes Gruseln aufkommen zu lassen. Die Dächer sind begrünt, das Gebäude wurde aufgestockt – samt Penthouse und Dachterrasse mit Blick auf die Dächer von Berlin. Und die historischen Ziegel, die beim Umbau abgebrochen wurden, sind als Mauer im einst asphaltierten, jetzt natürlich begrünten Garten wieder aufgebaut worden.
Nach der Tour im Gemeinschaftsraum sitzend, das von einem Landschaftsbild des Fotokünstlers Hans Christian Schink (basierend auf einer Kooperation mit der Galerie Kicken Berlin) - dominiert dominiert wird, berichtet Almut Grüntuch-Ernst davon, wie sie während des Studiums in Stuttgart schon einmal ein Seminar zum Thema Gefängnis belegt hatte: „Bauen für den Strafvollzug“. Und dass ihr ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Bestand und mit der Geschichte des Hauses wichtig sei.
Umbauprojekte mit Studierenden
Mit der Autorin und Stuttgarter Cotta-Preisträgerin Ulrike Edschmid ist sie durchs Haus gegangen, sie war hier einige Wochen unschuldig inhaftiert. Mit der ehemaligen Seelsorgerin stand sie im jetzt umgebauten Apartment, wo einst die Bibeln lagen und der Andachtsraum war. „Eine Ausstellung, die sich der Geschichte des Gefängnisses zur Zeit des Nationalsozialismus in der Frauen aus dem Widerstandskreis der „Roten Kapelle“ inhaftierte waren, ist jetzt vom Senat als Dauerausstellung umgewandelt worden, das freut uns sehr.“
Mit Bestehendem umzugehen, das ist auch Thema ihrer Arbeit an der Universität Braunschweig, wo sie als Professorin am Institut für Entwerfen und Gebäudelehre mit den Studierenden Projekte erarbeitet wie Studien zur Randbebauung am Tempelhofer Feld oder auch ganz aktuell über die Nachnutzung des ehemaligen Stasigeländes.
Klingt spannend, wie so viele Projekte der Architektin. Ihre Motivation für so viel Elan? „Wir hatten es damals vergleichsweise leicht, doch angesichts der Klimakrise sind die Herausforderungen und Aufgaben für die nachfolgende Generation doch enorm. Große Bedeutung hat das Bauen im Bestand, weil der Begriff in der Entwurfslehre an der Uni aber oft eher abwertend gemeint war, spreche ich lieber vom dialogischen Entwerfen mit Bestand als Ressource.“
Und sie sucht schon seit sie die Universität beendet hat, herausfordernde Arbeiten. „Nichts gegen einen schönen Entwurf auf einer romantischen, freien Wiese. Ich liebe aber sperrige Aufgaben, möchte Kraft und Begeisterung wecken auch für die Aufgaben, die auf die nachfolgende Generation zukommen.“
Nachdem Studium lebte Almut Grüntuch-Ernst in London, ein Stipendium hatte sie dorthingeführt. Dann geschah Aufregendes in der Heimat. „Die Mauer in Berlin ist gefallen und wir sind in London? Das kann nicht sein“, sagt Almut Grüntuch-Ernst über den Grund, in die Hauptstadt zu ziehen. Sie gründete 1991 hier gemeinsam mit Armand Grüntuch ihr Büro, beide unterrichteten von Anbeginn zudem Architektur an der UdK Berlin. „Das half auch finanziell in den Anfangsjahren, als wir mit Wettbewerben und dem Büro anfingen.“
Wohnensemble nahe der Berliner Mauer
Die an allen Orten spürbare Geschichte in Berlin hat die Architekten auch schon vor dem Wilmina beschäftigt. Ihr Büro hat das ehemalige jüdischen Mädchengymnasium von Berlin in einen Ort für Kulinarik und Kunst umgebaut. In unmittelbarer Nähe zur ehemaligen Berliner Mauer in der Schwedter Straße entstand in einer Baulücke mit Marthashof ein Wohnensemble, das sich in die bestehende Stadtstruktur mit für alle begehbaren Höfen integriert.
Und selbst und ihr Mann haben mit einer Baugruppe – „lauter Menschen, die wir kennen, mit denen wir in WGs gewohnt haben, Freunde , eine Schwester, die Eltern“ - ihr sieben Einheiten umfassendes Wohn- und Geschäftshaus in der Auguststraße in Berlin Mitte gebaut. „Der Weg zur Arbeit ist damit denkbar kurz“, sagt Almut Grüntuch-Ernst, „das hilft auch beim Managen von Privat- und Berufsleben, ebenfalls, dass die Eltern im Auguststraßenhaus wohnen.“
Es wäre noch viel zu sprechen über Nachverdichtung in den Städten, umbauen im Bestand, der ihr wichtig ist, über fruchtbare Verbindungen, die Landschaft und Architektur eingehen können, worüber sie auch ein Buch geschrieben hat. Sie hat auch ihre Studierenden mit dem Architekten Stefano Boeri bekannt gemacht, der das berühmte bewaldete Hochhaus in Mailand gemacht hat. „Dort hat sich dann sogar ein steil brütendes Rotkehlchen angesiedelt.“
Fruchtbare Verbindung von Landschaft und Architektur
Auch in der Hauptstadt arbeitet das Paar mit seinem Büro an begrünter Architektur: „in Berlin wird gerade ein Rohbau für einen Stadtbaustein fertig, den man dann auch begehen kann. Auf den terrassierten Dächern entsteht ein Stadtpark.“
Ob im öffentlichen Bau oder auch beim Wohnbau, der Großstädter sehnt sich nach Natur. Damit aber nicht noch mehr Zersiedelung stattfindet, sollte der Mensch Anreize zum Bleiben bekommen, findet die Architektin: „Man muss der Sehnsucht nach einem Haus im Grünen durch naturnahe schöne Innenstadträume begegnen, damit die Landschaft nicht noch mehr zersiedelt wird.“
Ein gutes Beispiel ist da Marthashof mit offenen Höfen und Rückzugsräumen, hier gibt es einen „Privatheitsschleier aus Blauregen an Rankgerüsten“. Metallläden halbluzide, die Einsichten vermeiden, Aussichten erlauben - alles ohne lieblose kleine Balkons.
Auch in der alten Heimat entsteht Neues – und Grünes. Eine Arbeit in Neuhausen auf den Fildern nahe Stuttgart, die schon in der Planung ist, ist eine Bürolandschaft mit Gärten.
Klingt nach einem so nachhaltigen wie zukunftsfreudig stimmenden Plan: Wie Büros wie das von Almut Grüntuch Ernst und Armand Grüntuch zeigen, wenn man einen trostlosen Gefängnistrakt in einen lebenswerten Ort verwandelt, könnten auch entlang von Hauptverkehrsstraßen und Gewerbegebieten architektonisch sehens- und lebenswerte Orte entstehen.
Info
Die Architektin
Almut Grüntuch-Ernst, Jahrgang 1966, hat gemeinsam mit Armand Grüntuch ihr Architekturbüro 1991 in Berlin gegründet, das inzwischen 40 Mitarbeiter beschäftigt und international erfolgreich ist. Sie ist Professorin an der Technischen Universität Braunschweig und führt mit ihrer Familie nun auch noch das Hotel Wilmina.
Wilmina
Das Gebäude stammt aus dem vorletzten Jahrhundert - der wilhelminischen Zeit - und es sollte auch danach klingen, sagt Almut Grüntuch-Ernst. „Außerdem wollten wir einen weiblichen Namen, der Geschichte und Neuprogrammierung des Ortes aufnehmen kann und Ausdruck der Willkommenskultur ist.“
Geschichte des Gebäudes
Im ehemaligen Strafgericht und Gefängnis in Charlottenburg wurden nach der Verurteilung durch das Reichskriegsgericht nach wochenlangen Verhören, Schikanen und Verunsicherungen ein Teil der Frauen, die der Roten Kapelle zugeordnet wurden, hier eingeliefert: Elfriede Paul, Lotte Schleif, Martha Schulze, Antonie Graudenz, Rose Schlösinger, Marta Husemann, Hannelore Thiel, Erika von Brockdorf, Cato Bontjes van Beek, Eva Rittmeister, Joy Weisenborn, Ilse Schaeffer und Greta Kuckoff. Einige wurden später in Plötzensee ermordet, darunter Eva-Maria Buch, Ursula Goetze, Annie Krauss, Maria Terwiel, Oda Schottmüller, Mildred Harnack und Libertas Schulze-Boysen.