Schon während seiner Schulzeit am Esslinger Schelztor-Gymnasium entstand die Idee zu einem Künstler-Netzwerk: „Shake Your Tree“ hieß die Anfang der 2000er Jahre sensationell neue experimentelle Plattform von Florian Bayer und seinen Schulfreunden, auf der zeitaktuelle schöpferische Trends und kreative Strömungen der Gegenwart reflektiert wurden. Nach dem Kommunikationsdesign-Studium machte sich Bayer einen Namen als Illustrator, seine Arbeiten wurden mit renommierten Preisen ausgezeichnet, er illustriert Reportagen für Publikationen wie „Zeit“, „Spiegel“, „Süddeutsche Zeitung“, „Guardian“ und „Wall Street Journal“. Ab dem Sommersemester übernimmt er eine Professur für Illustration an der Merz-Akademie Stuttgart. Nach elf Jahren in Berlin lebt und arbeitet der heute 41-Jährige seit zwei Jahren wieder in Esslingen. „Das Heimat- und Zuhausegefühl für Esslingen hatte über die Jahre Bestand, das hatte ich sonst nirgends“, erzählt Florian Bayer. Ein Illustrator könne überall auf der Welt arbeiten, wo er Telefon und einen Internetanschluss hat. „Esslingen und die Umgebung sind schön. Es ist ruhiger und konzentrierter hier. Und mit Stuttgart gleich um die Ecke gibt es genügend großstädtischen Input.“ Außerdem sei Inspiration nicht ortsbezogen, sie komme für einen Illustrator aus allen Kanälen: „Was man erlebt, was man sieht, was man liest, was man hört.“
Bei den kreativen Köpfen der Blumberg-Agentur für Strategie und Kommunikation im Bereich Nachhaltigkeit hat Bayer am Esslinger Georg-Christian-von-Kessler-Platz ein Studio bezogen und ist auch lokal kreativ tätig geworden: Im Team wurde der Mehrweg-Pfand-Stadtbecher entworfen, den Bayer mit einer Skyline mit Sehenswürdigkeiten vom Dicken Turm über das Alte Rathaus bis hin zum Postmichel versehen hat. Auch die Nachhaltigkeitskampagne von Stadt und Stadtwerken zieren Bayer’sche Zeichnungen. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Kommilitonen Tobias Bauer von der Firma Stuttgart Souvenirs hat er im Stile alter amerikanischer Werbeplakate eine Poster- und Puzzle-Serie entwickelt, die die Schönheit der beschützten Natur feiert: Im „Nationalpark Stuttgart“ verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fantasie. Gibt es Bären am Bärensee? Ist der Steinbock auf dem Monte Scherbelino heimisch?
Die entscheidenden zwei Sekunden
Als freiberuflicher Illustrator wird Bayer von seinen Auftraggebern als genauer Beobachter geschätzt, der sensible Themen und komplexe Aufgabenstellungen szenisch lebendig und atmosphärisch dicht ins Bild setzt. Oft grübelt Florian Bayer lange, bevor er weiß, wie er ein vielschichtiges Thema visuell einfach übersetzen kann: „Menschen gucken vielleicht zwei Sekunden auf ein Bild – mehr Zeit habe ich als Illustrator nicht. Es ist meine Aufgabe, den Betrachter in dieser kurzen Zeit in die Zeichnung zu ziehen, ihn in der Zeichnung zu halten und seinen Blick zu führen.“ Wenn er klare Vorgaben hat, so wie kürzlich bei der Illustration eines Wanderbuchs, kann er das genießen: „Landschaft, Flora, Fauna, Kultur, Wanderausrüstung, einfach zeichnen, zeichnen, zeichnen – das macht richtig Spaß.“ Viele Kunden vertrauen auf Bayers Kreativität und lassen ihm große Freiräume. „Oft wird ein Projekt thematisch nur kurz angerissen. Dann skizziere ich meinen Vorschlag grob und hoffe, dass der Auftraggeber versteht, was ich mit meinem Gekritzel meine“, grinst er, bevor er sich an die akkurate Ausarbeitung seiner Ideen macht. Wichtig sei heute immer, die Medienvielfalt mitzudenken: „Wie wirkt mein Bild auf einer Zeitungsseite, auf einem Plakat oder auf dem Smartphone? Wie sieht es auf der Webseite aus? Wie wird es auf der App dargestellt?“
Enkel des Heimatmalers und Holzschnitzers Eugen Häfele
Florian Bayer ist der Enkel des verstorbenen Untertürkheimer Heimatmalers und Holzschnitzers Eugen Häfele: „Durch ihn bin ich zum Zeichnen gekommen: Ich saß neben meinem Opa, einem wahnsinnig tollen Zeichner, und habe ihm zugeschaut.“ Mittlerweile zeichnet Florian Bayer nur noch mit Stift und Zeichenprogramm am Bildschirm. „Man kann dabei mit einem einzigen Tastendruck zwischen positiv und negativ wechseln: Ich kann etwas Neues hinzumalen oder von etwas Bestehendem etwas wegnehmen, das funktioniert analog nicht so einfach. Und Korrekturen lassen sich digital viel schneller anbringen. Zeiteffizienz spielt in meinem Beruf immer eine Rolle.“
Immer wieder wird Florian Bayer damit beauftragt, Reportagen zu illustrieren, deren Protagonisten nicht fotografiert werden dürfen oder wollen, wenn es beispielsweise um Krankheiten oder Straftaten geht. „Dann muss ich mich selbst hineindenken und recherchieren: Wie kleiden sie sich? Wie sieht ihre Wohnung aus? Meine Bilder leben von dieser Authentizität im Detail: Dass man den Figuren abnimmt, dass sie in diesen Räumen leben.“ Und grinsend gesteht er, dass er sich manchmal im Detail auch verlieren kann: „Ich war so was von happy, als ich herausgefunden habe, welche Schreibtischlampe Uli Hoeneß Anfang der 90er Jahre auf seinem Schreibtisch stehen hatte, damit ich das dann korrekt in Szene setzen konnte.“
Zeichner mit Auszeichnungen
Illustrator
Nach dem Abitur 2001 am Esslinger Schelztor-Gymnasium hat Florian Bayer in Würzburg und Berlin Kommunikationsdesign studiert, sich anschließend auf Illustration spezialisiert. Nach einer Zeit im englischen Brighton arbeitete er elf Jahre in Berlin, bevor er Ende 2019 mit seiner Familie nach Esslingen zurückgekehrt ist. Er zeichnet Reportagen, Porträts und Fiktion für Zeitungen, Magazine und Bücher. Florian Bayer ist für seine Arbeit als Illustrator ausgezeichnet mit dem German Design Award, Lead Award, European Design Award und dem World Illustration Award.
Autor und Dozent
2008 hat Florian Bayer den Interview-Band „Selbsthändig“ über die Arbeitsbedingungen von Illustratoren im Bereich Bilderbuch, Werbung, Schulbuch, Comics, Mode und Zeitschriften veröffentlicht. Er bietet regelmäßig Workshops für Illustratoren an und ist außerdem als Dozent in der wissenschaftlichen Lehre tätig. „Es ist spannend zu sehen, was die Studierenden mitbringen an Geschichten, Ideen und Umsetzungen. Das ist ein schöner Ausgleich zu meiner eigenen Arbeit, bei der alles nur um meine Bilder kreist. Und das erweitert auch meinen Blick für meinen eigenen Stil.“