Leidenschaft für Abenteuerromane
Simón Rico wächst im kleinbürgerlichen Viertel um die Markthalle von Sant Antoni auf, wo seine Eltern und sein Onkel und seine Tante, die aus einem Dorf im nordwestspanischen Galicien nach Barcelona gezogen sind, die Bar Baraja betreiben. Jeden Sonntag bringt ihm sein zehn Jahre älterer Cousin Ricardo, der für ihn wie ein großer Bruder ist, aus dem Bücherflohmarkt in der Markthalle ein neues Buch mit, das er zusätzlich mit geheimnisvollen Widmungen versieht wie etwa dieser: „Die Zukunft ist ein Schatz, den man suchen muss . . . Alles ist in den Büchern . . . Warte und hoffe.“ Kein Wunder also, dass Simón sich wenig für die Schule interessiert, sich lieber eine Zukunft wie in Alexandre Dumas’ Abenteuerroman „Die drei Musketiere“ erträumt: „Mit Büchern würde er ihr trotzen. Mit dem Leben verhandeln würde er auf Grundlage dessen, was er auf Papier gelesen hatte.“
Der Traum scheint wahr zu werden
Diese Euphorie von Simóns Zukunftserwartung verknüpft Otero geschickt mit der seiner Generation, die nach den glanzvollen Olympischen Sommerspielen 1992 in Barcelona sich das Leben als immerwährende Party vorstellen konnte. Simón macht tatsächlich Karriere: Er versucht das Kochen, das er im elterlichen Lokal nebenbei gelernt hat, zu seinem Beruf zu machen, und der Boom der katalanischen Sterneküche in der Nachfolge von Ferran Adrià scheint ihm recht zu geben. Mit Biel, dem Spross einer einflussreichen Familie aus Barcelona, den er während eines Praktikums in einem Sternelokal kennenlernt, unternimmt er eine Weltreise, tritt in TV-Kochshows auf und knüpft Kontakte zur katalanischen Großbourgeoisie.
Scheitern an der unromantischen Wirklichkeit
Doch als er von Biels Vater im Bett von dessen Tochter erwischt wird, kommt der Absturz; und Miqui Otero hat seinen Roman so konstruiert, dass Simóns harte Landung aus der Welt der Abenteuerromane auf dem Boden der katalanischen Klassengesellschaft mit der Finanzkrise von 2008 zusammenfällt. Wie viele junge Leute seiner Generation muss er zurück ins Elternhaus ziehen und sich als Moped- und später als Fahrradkurier über Wasser halten. Simón, dessen Leben begonnen hat wie das Märchen von einem, der auszog, mit Drachen zu kämpfen, den Schatz zu gewinnen und die Prinzessin zu heiraten, scheitert wie Lucien de Rubempré in Honoré de Balzacs „Verlorenen Illusionen“ an einer unromantischen Wirklichkeit.
Die Figuren sind nicht frei von Klischees
So weit, so bekannt, könnte man jetzt sagen. Tatsächlich macht Miqui Otero aus seinen literarischen Vorbildern kein Geheimnis, sondern hat seinem Roman sogar eine Liste der Bücher angefügt, auf die mehr oder weniger direkt angespielt wird. Ein postmoderner Roman, so könnte er argumentieren, ist immer Literatur über Literatur, so wie es im Übrigen auch schon der „Don Quijote“ war. Auch die Verknüpfung einer individuellen Biografie, von Simóns Bildungsroman, der mit der Ernüchterung des Erwachsenwerdens endet, mit dem Porträt einer ganzen verlorenen Generation ist nicht neu. Der Autor ist auch nicht frei von Klischees, was die Personen angeht, die seinen Helden umschwirren: ein Dealer und Kleinkrimineller, eine Feministin aus der alternativen Szene, eine Tochter aus reichem Haus mit schlechtem Gewissen wegen ihrer Klassenprivilegien, ein schwuler Schneider und ein Kokain schniefender Spitzenkoch – sie alle kommen uns mehr oder weniger bekannt vor.
Neuanfang mit einer Bar
Dennoch ist „Simón“ keine wütende Abrechnung mit den Zeitläuften und Barcelonas Klassengesellschaft. Er habe eine fruchtbare Hassliebe zu seiner Heimatstadt, hat Otero in einem Interview bekannt. Der Roman endet deshalb nicht mit der zynischen Botschaft, der Verlust der jugendlichen Illusionen sei eben der Preis des Erwachsenwerdens. Getreu Samuel Becketts Mantra „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern“ eröffnet Simón 2018 mit seinen Freunden in Sant Antoni eine neue Bar.
Miqui Otero und seine Heimatstadt
Autor
Der 1980 in Barcelona geborene Romancier, Journalist, Kulturorganisator und Hochschullehrer Miqui Otero hat bisher vier Romane veröffentlicht. „Simón“ wurde 2020 mit dem Preis El Ojo Crítico ausgezeichnet.
Barcelona
Auf die Aufbruchsstimmung durch die Olympischen Sommerspiele 1992 folgten die Immobilienblase, der wirtschaftliche Absturz als Folge der Finanzkrise von 2008 mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, die islamistischen Terroranschläge auf den Ramblas im August 2017 und die Spaltung der katalanischen Gesellschaft nach dem Unabhängigkeitsreferendum vom 1. Oktober 2017.
Miqui Otero: Simón.
Aus dem Spanischen von Matthias Strobel. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart. 448 Seiten, 25 Euro.