Preiskampf im Nahverkehr Verlieren im großen Buspoker die Kleinen?
Leonberg gibt den Nahverkehr an den Landkreis zurück. Das spart Geld, reduziert aber womöglich den Einfluss und könnte auf Kosten lokaler Firmen gehen
Leonberg gibt den Nahverkehr an den Landkreis zurück. Das spart Geld, reduziert aber womöglich den Einfluss und könnte auf Kosten lokaler Firmen gehen
Geht es um Busse, kennt sich Walter Kappus bestens aus. Seit 46 Jahren hält er die Fäden eines Transportunternehmens in der Hand, für das sein Vater Heinz 1949 mit der Instandsetzung eines ausgebrannten Wehrmachtsbusses den Grundstein gelegt hatte. Mittlerweile hat der Familienbetrieb mit Sitz im Leonberger Stadtteil Warmbronn eine Flotte von 22 hochmodernen Fahrzeugen, die gerne für Ausflugsfahrten gechartert werden, aber auch Schüler zum Unterricht transportieren.
Ein zentraler Pfeiler ist aber der öffentliche Nahverkehr. Sechs Linien innerhalb des Verkehrsverbundes Stuttgart bedient die Firma Kappus, die meisten von ihnen innerhalb des Leonberger Stadtgebietes. Und das wird auch noch anderthalb Jahre so bleiben. Ob danach aber „unsere Existenzgrundlage“, wie Walter Kappus sagt, weiterhin eine gesicherte Zukunft hat, daran hegt er Zweifel.
Denn die Stadt Leonberg gibt zum 1. Januar 2026 die Trägerschaft des Nahverkehrs in ihrem eigenen Gebiet an den Landkreis Böblingen zurück. Und damit endet auch die Betriebsführung durch die Leonberger Stadtwerke. Das klingt erst einmal gut, wird doch viel Geld und Arbeitsaufwand eingespart. Für die Ausschreibungen der Linien ist großes Fachwissen nötig. Das ist bei den Stadtwerken nur bedingt vorhanden.
Seit der Zwangsbeurlaubung der Ersten Bürgermeisterin Josefa Schmid (FDP) durch Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD) vor zehn Monaten steht das kommunale Unternehmen ohne Führung da. Schmid war in Personalunion die Geschäftsführerin der Stadtwerke. Dass der Betrieb neu aufgestellt werden muss, ist unbestritten: Hier sind momentan vor allem die Verlustbringer angesiedelt – von den Bäderbetrieben über die Parkhäuser bis eben zum Nahverkehr. Da passt es doch gut, wenn der Busbetrieb, für den in diesem Jahr mit einem Defizit von 845 000 Euro gerechnet wird, schon einmal wegfiele.
Doch natürlich geben die Leonberger nicht nur finanzielle Verluste ab, sie verlieren auch an Gestaltungshoheit. Und das treibt die Kommunalpolitiker um: „Welchen Einfluss haben wir dann noch auf die Linienführung?“, fragt sich der SPD-Fraktionsvorsitzende Ottmar Pfitzenmaier, der zudem mögliche Zusatzkosten befürchtet.
Die eingangs erwähnten Interessen heimischer Unternehmen hat Axel Röckle im Visier. Ob bei einer europaweiten Ausschreibung die regionalen Betriebe eine Chance hätten, will der Fraktionschef der Freien Wähler wissen. Immerhin würden diese zuhause Steuern bezahlen und Arbeitsplätze sichern. Neben Kappus ist in Leonberg das Waiblinger Unternehmen OVR unterwegs, das vom Hemminger Betriebshof aus unter anderem auch die Städte Ditzingen und Korntal-Münchingen bedient.
Bedenken, die das Landratsamt zu zerstreuen versucht: Mehrkosten entstünden nicht, das kommunale Kilometer-Kontingent könne im eigenen Stadtgebiet nach Gusto eingesetzt werden. Auch hätten regionale Unternehmen bei europaweiten Ausschreibungen gute Chancen, weit entfernte Unternehmen würden sich ohnehin nicht bewerben. Und für die großen Player wiederum wären Fahrleistungen erst ab 10 bis 20 Millionen Kilometern interessant. „Bei uns gibt es noch nicht mal eine Million Kilometer zu holen“, sagt ein Verkehrsexperte aus dem Landratsamt.
So ganz überzeugt sind die Stadträte dennoch nicht. „Wir verlieren Einfluss auf die Ausschreibungskriterien“, stellt Axel Röckle fest. Ob dieser Weg „auf Dauer der verlässlichste ist, sei dahingestellt.“ Die anderen Fraktionen sehen gleichwohl keine andere Wahl: „Bei den Stadtwerken funktioniert der Nahverkehr einfach nicht“, meint Birgit Widmaier von den Grünen. „Wir haben das Know-how nun einmal nicht“, pflichtet ihr die CDU-Fraktionschefin Elke Staubach bei.
Und auch Ottmar Pfitzenmaier ist der Meinung, dass sich die Stadtwerke auf die Geschäftsbereiche Parken und Wasser konzentrieren müssten. Bei vier Nein-Stimmen und drei Enthaltungen beschließt der Gemeinderat den Übergang des Nahverkehrs an den Landkreis zum Januar 2026. Dabei solle die Linie 747 Uni Vaihingen – Warmbronn – Renningen auf jeden Fall bleiben.
Und was sagt der Busunternehmer? Die Situation sei „vorsichtig ausgedrückt, sehr problematisch.“ Walter Kappus hegt aber die Hoffnung, dass bei einer Konzessionsvergabe „nicht nur der Preis, sondern auch die Qualität eine Rolle spielt.“ Und da sieht er die lokalen Anbieter besser aufgestellt: „Unsere Standards kann nicht jeder einhalten.“