Preisträger der Berlinale Zwei Silberne Bären bleiben in Deutschland
Die Berlinale zeichnet die Schauspielerin Maren Eggert und die Regisseurin Maria Speth aus. Der Goldene Bär geht an den rumänischen Provokateur Radu Jude.
Die Berlinale zeichnet die Schauspielerin Maren Eggert und die Regisseurin Maria Speth aus. Der Goldene Bär geht an den rumänischen Provokateur Radu Jude.
Stuttgart - Berlinale-Jurys handeln nach eigenen Gesetzen, streben sie nach einer salomonischen Verteilung der Preise und achten darauf, welche Filme sie dringender brauchen, um eine Chance auf einen Kinoeinsatz zu bekommen. Das führt dazu, dass Favoriten der Festivalbeobachter oft leer ausgehen, weil ihr Start sicher ist. Diesmal betrifft das zum Beispiel Céline Sciammas wunderbares weibliches Generationendrama „Petite Maman“ und Dominik Grafs Erich-Kästner-Filmkunstwerk „Fabian“.
Umso erfreulicher: Maren Eggert, einem breiteren Publikum bekannt als Polizeipsychologin Frieda Jung im Kieler „Tatort“ (2003 bis 2010 und 2015), bekommt den Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin in Maria Schraders Zukunftsdrama „Ich bin dein Mensch“.
Die Protagonistin Alma, eine Wissenschaftlerin, probt das Zusammenleben mit einem hochentwickelten, sehr zuvorkommenden humanoiden Roboter – und Eggert verkörpert sehr tiefgründig all die Fragezeichen, die Skepsis, das Überraschtsein über dieses seltsame Maschinenwesen. Konsequent wäre es gewesen, auch ihrem Filmpartner Dan Stevens einen Bären zu geben, denn Eggerts Leistung ist gekoppelt an seine herausragende Darstellung des Androiden.
Ebenso verdient ist der Preis der Jury für die Regisseurin Maria Speth. In der mittelhessischen Industriestadt Stadtallendorf begleitet sie in ihrem Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“ den Unterricht des Lehrers Dieter Bachmann in einer maximal multikulturellen sechsten Klasse. Wie er die Kinder ernst nimmt, Vertrauen aufbaut und einen Klassenverband herstellt, ist faszinierend.
Er lebt Vorurteilsfreiheit, musiziert gern mit den Schülerinnen und Schülern, die bulgarische, türkische, kasachische, marokkanische und sardische Wurzeln haben, und er lockt sie aus der Reserve. „Herr Bachmann“ ist mit dreieinhalb Stunden nur bedingt kinotauglich – dürfte aber unter Pädagogen schnell die Runde machen als außergewöhnlich interessantes Anschauungsmaterial.
Die Entscheidung für den Goldenen Bären ist ein spezieller Fall. Radu Judes bizarre Satire „Bad Luck banging or loony Porn“ besteht streng genommen aus drei Filmen. Jude steigt ein mit dem leidenschaftlichen privaten Sexvideo einer Lehrerin, das online geht und ihr das Leben zur Hölle macht. Er vertraut nicht der Vorstellungskraft der Zuschauer, sondern zeigt fünf Minuten explizite Hardcore-Pornografie. Das wirkt weniger provokativ als kalkuliert: Jude, einst Assistent von Costa-Gavras bei „Der Stellvertreter“ (2002), wollte die Freigabe ab 18.
Die Protagonistin Ema (Katia Pascariu) eilt dann in Jacques-Tati-Manier durch die ruppige Realität im abbruchreif wirkenden Moloch Bukarest, im Mittelteil folgt ein Block mit erschreckenden satirischen Erläuterungen zu Standbildern, was Begriffe wie „Freiheit“ und „Sex“ in Rumänien bedeuten. Beim Elternabend, wegen Corona im Freien mit Abstand und Masken, schließt sich die Klammer, und Ema wird gegrillt. Die Elternschaft tut so, als würde das Sexvideo der Lehrerin die Seelen der Kinder beschädigen in einer Zeit, in der im Netz alles jederzeit frei verfügbar ist. Alle Arten von Heuchlern sitzen da, hysterische Helikopter-Mütter, Verschwörungstheoretiker und in sowjetisch anmutender Uniform sogar einer, auf den früher der Begriff „Kommisskopf“ gepasst hätte.
In Rumänien scheint nicht nur eine andere Zeitrechnung zu gelten, es herrschen dort offenbar Verhältnisse, die in Brüssel alle Alarmglocken zum Schrillen bringen müssten. Im Fazit der Jury heißt es, „Bad Luck banging or loony Porn“ fange „den eigentlichen Gehalt, die Quintessenz, Geist und Körper, die Wertvorstellungen und das nackte Fleisch unseres gegenwärtigen Augenblicks ein“. Er sei „auf beste Art ungenau. Er greift die Zuschauer*innen an, ruft Widerspruch hervor, und erlaubt doch niemandem, Sicherheitsabstand zu halten.“
Das genaue Gegenteil ist der Episodenfilm „Wheel of Fortune and Fantasy“ des japanischen Regisseurs Ryusuke Hamaguchi, ein Verehrer der Werke von John Cassavetes und Eric Rohmer. Er bekommt den Großen Preis der Jury in Gestalt eines Silbernen Bären für drei wunderbar einfühlsame Miniaturen zur Liebe.
Auch er wird an einer Stelle explizit: Eine Studentin liest einem Literaturprofessor eine erotische Passage aus dessen eigenem Roman vor, um ihn zu verführen. Dabei geht es nicht um schrille Provokation, sondern um menschliche Regungen. Er besteht darauf, seine Bürotür geöffnet zu lassen, und schließlich ist sie selbst angefasst von der Situation. Hamaguchi verhandelt alles in feinsinnig gestrickten Dialogen, deren Wirkung seine Schauspielerinnen und Schauspieler allein in Mimik und Gestik emotional ablesbar machen.
Es gehört zu dieser seltsamen Corona-Berlinale, dass die Gewinner zwar jetzt verkündet, aber noch keine Bären verteilt wurden – die Preisverleihung soll im Juni stattfinden in der Hoffnung, dass Publikum und Filmemacher dann wieder gemeinsam in einem Raum sein dürfen.
Dem Lockdown-bedingten Filmstau verdankt das Festival, dass dieser Wettbewerbsjahrgang außergewöhnlich stark und vielgestaltig war – und dass gerade der deutsche Film sich auf sehr ansprechende Weise präsentiert hat. Das wird sich irgendwann auch fürs Publikum auszahlen: Wenn die Kinos die Pandemie überleben und irgendwann wieder öffnen dürfen, wartet auf Cineasten ein großartiges Filmprogramm, das mindestens bis Weihnachten reichen dürfte.