Stuttgart - Dirigieren. Aus dem Lateinischen: leiten, auf den rechten Weg setzen. Nicht weit entfernt von regere, regieren. Warum Menschen dirigieren? Pierre Boulez hat die Frage klar beantwortet: „Je veux dominer.“ Bestimmen. Was tut ein Dirigent? Alter jüdischer Witz: Er wackelt a bissel mit den Armen.
Teodor Currentzis, 46 Jahre alt, gebürtiger Athener, dort und in Sankt Petersburg ausgebildet, von 2004 Chefdirigent in Nowosibirsk, Begründer des Ensembles Musica Aeterna, später – und immer noch – Musikdirektor in Perm und nunmehr Chefdirigent des SWR-Symphonieorchesters, wackelt nicht. Er modelliert Musik. Die Hände sind in meist weicher Bewegung, der Schlag kommt dennoch exakt. Die Finger in Suchstellung, Kuppe für Kuppe bereit zu einem Impuls. Das Gesicht: eine weite Landschaft, nicht recht ausforschbar.
Currentzis sitzt auf der Bühne des Stuttgarter Mozartsaals zwischen zwei Flügeln, an denen später Partien des Finales der Dritten Sinfonie von Gustav Mahler abgerufen werden. Es gibt dazu, wie zum ganzen Stück, mit dem Currentzis am Donnerstagabend seine Laufbahn als Chefdirigent des SWR-Orchesters in Stuttgart beginnt, viel zu erklären. Currentzis kann das, und in Stuttgart rennt man mit Gesprächskonzerten seit Helmuth Rillings Hochzeiten eh offene Liederhallentüren ein. Volles Haus also beim „Lab“, sprich Laboratorium Currentzis, und natürlich ist die Erwartungshaltung noch einmal gestiegen, seit er vor sechs Monaten im Konzert Anton Bruckner und György Ligeti auf so wundersame Art und Weise über ein Jahrhundert hinweg verbunden hat, dass man die Komponisten fast für Brüder hätte halten können.
An Legenden mangelt es kaum, was den Dirigenten betrifft
Currentzis war sehr geschwächt seinerzeit und lag bis 16 Uhr im Krankenhaus, der Ersatzdirigent stand bereit. Die meisten Menschen haben davon nichts gewusst, aber auch nichts gemerkt. Als Currentzis da war, war er da (und eher 110 Prozent), aber natürlich bilden sich um solche Auftritte Legenden, an denen es sowieso kaum mangelt, was den Dirigenten betrifft, der nicht gerne von sich redet. Umso lieber von Musik, Mahlers Musik, mit baritonaler Stimme und klug gesetzten Spannungspausen im Mozartsaal. Currentzis hatte, nebenbei, die Hauptrolle in Ilja Chraschanowskis Film über den Physiknobelpreisträger Lew Landau.
Er weiß, wie das geht: Menschen durch Anschauen und Anschauung gewinnen, in dem er, den rechten Arm auf dem Klavier, sagt, was ihm die Musik erzählt beziehungsweise wie sich die Musik selbst erzählt: „Es kommt darauf an, was Sie aus der Aufführung mitnehmen“, sagt Teodor Currentzis werbend – und stellt in der Sekunde eine erwartungsfrohe Schicksalsgemeinschaft her. Historisch betrachtet mit einem gänzlich unmaestrohaften Satz. Hätte, nur zum Beispiel, Herbert von Karajan je an so etwas gedacht?
Die zwei Stunden im Mozartsaal – nicht ein Mensch hustet im Auditorium – gehen im Nu vorüber. Currentzis analysiert ältere Aufnahmen des Finales, die eingespielt werden, und dirigiert die beiden Pianisten, vor allem gegen Schluss, als gäbe es kein Morgen mehr, wohl aber immer wieder Fragen über Fragen. Indem er seine Wunde („da zerreißt es mir das Herz“) zeigt, lässt er Gustav Mahler sprechen, und man versteht am Ende sehr wohl, warum der Dirigent nicht so gerne über sich selber redet: Er begreift sich als Medium.
Kurze Ansagen, ergebnisorientierte Arbeit, große Ruhe im Umgang mit dem Orchester
So ähnlich hat ihn auch Jörge Becker von Anfang an verstanden, Solotrompeter im Orchester und in Mahlers Dritter Sinfonie der Posthornspieler. Ist es nicht seltsam, dass genau dieses Posthorn Anfang des 20. Jahrhunderts offiziell verstummen musste, als die Dritte Mahler in Krefeld 1902 uraufgeführt wurde? Hier jedenfalls ist er noch einmal gerettet, der Klang einer auch damals längst vergangenen Zeit, sehr eigen, sehr süß – und sehr schwer zu spielen, zumal hinter der Bühne. Becker hat das Instrument in München von seinem Instrumentenbauer anfertigen lassen (erst die sechste Version war die richtige) und ist auf einen Dirigenten gestoßen, dessen Akribie ihm entgegenkommt: keine Philosophie zur Musik, keine Metaphern. Currentzis, sagt Becker, wisse genau, was er wolle (zum Beispiel ein sehr ungestisches, sehr ziseliertes, tendenziell langsames Posthornsolo im dritten Satz).
Als Mystiker, von dem oft geraunt wird, hat Becker den Dirigenten Currentzis bei den Proben nicht kennengelernt. Eher „als Pragmatiker“. Kurze Ansagen, ergebnisorientierte Arbeit, große Ruhe im Umgang mit dem Orchester. „Ich bin hier, um Sie zu inspirieren“, waren die ersten Worte, als Dirigent und Klangkörper zusammenkamen. Currentzis übernehme die „volle Verantwortung, und er kennt jedes Detail“, sagt Becker. Freilich hält die digitale Technik ihre Tücken bereit. Weil der Monitor hinter der Bühne, wo Becker steht und spielt, einen Sekundenbruchteil später überträgt, spielt er vor dem Schlag, also „immer ein bisschen ins Blaue hinein“, wie Becker meint. Bei aller Liebe zum Detail ist das ein Satz, der Teodor Currentzis gefallen müsste. Ins Blaue. Da könnte er hinwollen.