Premiere am Jungen Ensemble Stuttgart: „Dschinns“ Vier Kinder an Vater Hüseyins Grab

Szene aus „Dschinns“ Foto: Alicia Hoffmann

Das Jes in Stuttgart spielt eine deutsch-kurdische Familiengeschichte – vorwiegend mit jungen Laiendarstellern: „Dschinns“.

Ümit ist eines der Kinder von Hüseyin, und Hüseyin ist tot. Der Vater, der 30 Jahre lang in einer deutschen Fabrik arbeitete, starb an einem Herzinfarkt. Die Kinder treffen sich bei seiner Beerdigung. „Die Stille des Raums saust in seinen Ohren wie eine bedrohliche Sirene“, sagt Ümit.

 

„Dschinns“ ist der zweite Roman von Fatma Aydemir, er erschien 2022 und erzählt auf fast 400 Seiten die Geschichte einer deutsch-kurdischen Familie – eine Geschichte, die sich über 30 Jahre erstreckt und die bestimmt wird von Konflikten zwischen Kulturen und Generationen. Die Regisseurin Yeşim Nela Keim Schaub hat gemeinsam mit Alina Tammaro und ihrem Ensemble für das Jes eine Bühnenfassung des Werks erstellt, die Figuren und Motive des Romans in 60 Minuten bündelt, sich dabei auf die Sichtweisen der Kinder konzentriert.

Kein gewöhnliches Ensemble: Die Darsteller von „Dschinns“ wurden über eine Anzeige gesucht und gecastet. Foto: Alicia Hoffmann

Da stehen sie, auf einem weit ausgebreiteten Tuch, das die Bühne ganz bedeckt: Sevda, Ümit, Hakan und Peri. Einziges Requisit ist eine türkische Langhalslaute, die an der Wand lehnt und selten nur gespielt wird – Klänge, die das Spiel kurz aufbrechen, für Spannung oder Verstörung sorgen. Marthe Labes gestaltete Bühne und Kostüme, Senem Gökçe Oğultekin besorgte Musik und Choreografie.

Einige Darsteller sind Laien

Wie ein Tanz, ein sich Umkreisen, die Suche nach dem rechten Miteinander wirkt das Stück denn auch oft. Rejan Ali, Luna Sadri, M. Amin Zariouh und Roni Ünlüyol spielen die Kinder von Hüseyin und Emine. Sie sind kein gewöhnliches Ensemble: Einer der Darsteller absolviert derzeit ein Schauspielstudium, alle wurden vom Jes über eine Anzeige gesucht und gecastet, lernten sich erst im Theater kennen. Drei von ihnen verfügten über sehr geringe Schauspielerfahrungen. Alle verfügen sie aber über einen Migrationshintergrund; zwei stammen aus kurdischen Familien. Es sind Laien, die Geschichten auf die Bühne bringen, die ihre eigenen sein könnten.

Ein Sohn ist homosexuell, der andere brach die Ausbildung ab

Sie erzählen diese Geschichten sehr ernsthaft und emotional: Sevda, die mit einem Mann verheiratet ist, der nicht für sie da ist und von dem sie sich trennen will; Ümit, der homosexuell ist; Hakan, der vor seinem Vater verschwieg, dass er seine Ausbildung abbrach – „Alles ist besser, als wie so ein Esel zwischen Fernsehcouch und Fließband hin- und herzupilgern“. Peri schließlich, die in Deutschland studierte und beginnt, sich mit ihrer kurdischen Herkunft zu befassen.

Der Versuch, diese Familiengeschichte auf die Bühne zu bringen, ist anspruchsvoll, aber er gelingt, fast ohne Abstriche, da die Inszenierung sich ganz auf ihre Figuren konzentriert. Zuletzt stehen die Vier zusammen und erinnern sich auch an Civan mit dem türkischen Namen, das fünfte der Geschwister, das der Vater seinem Bruder überließ, der keine Kinder haben konnte. „Civan ist die Lücke“, sagt Peri – und „Civan“ war das letzte Wort, das der Vater aussprach, ehe er starb.

Dschinns: ab 14 Jahren. Vorstellungstermine und Infos unter www.jes-stuttgart.de

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