Premiere am Schauspiel Stuttgart Nichts ist gut in Troja

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Volker Lösch inszeniert in der Arena "Homers Ilias - Achill in Afghanistan" - mit jeder Menge Theaterblut und nahkampfgeeigneten Nacktstramplern.

Die Schauspieler des Schauspiels Stuttgart, (v.l) Svenja Wasser, Till Wonka, Jan Jaroszek, Bettina Wiehler und Katharina Behrens bei Homer Ilias / Achill in Afghanistan Foto: dpa 4 Bilder
Die Schauspieler des Schauspiels Stuttgart, (v.l) Svenja Wasser, Till Wonka, Jan Jaroszek, Bettina Wiehler und Katharina Behrens bei 'Homer Ilias / Achill in Afghanistan' Foto: dpa

Stuttgart - Jäh kracht eine Ladung von Stiefeln auf die Bühne. Unheil, Tod, Vernichtung besetzen die beklommene Stille nach dem Knall. Dann beginnt das Zählen und Ordnen, die Totenklage. Die Liste der in Afghanistan gefallenen Bundeswehr-Soldaten wird verlesen, Name, Dienstgrad, Alter. Paar zu Paar finden die zerstreuten Stiefel zusammen und bilden ein gespenstisch sich in Reih und Glied sammelndes Totenheer. Es ist das stärkste, wenn auch beileibe nicht das drastischste Bild in Volker Löschs „Ilias“-Paraphrase, die die mythische Urkatastrophe des trojanischen Kriegs mit der höchst realen des Krieges in Afghanistan überblendet.

Schmerzhaft konkret wird hier für einen Augenblick der kollektive Befund, den Löschs chorische Theatersprache unermüdlich beschwört: denen Ausdruck zu verleihen, die sonst nur statistisch präsent sind – den Vielen, den Soldaten, den Toten. Ihre wilden Geschichten aus den Schmerzzonen der Gegenwart sollen die lichten Meistererzählungen herausfordern, aus denen die Gesellschaft ihr kulturelles Selbstbewusstsein und ihren zivilisatorischen Dünkel bezieht. Das ist der Plan, ein Schlachtplan in diesem Fall. Aber der Krieg folgt seiner eigenen Logik.

Achill, die Tötungsmaschine

In Troja wabert das Kampfgeschehen in seinem neunten Jahr richtungslos verheerend dahin: weil sich die Götter nicht entscheiden können, weil Götter wie Krieger ihre Hormone nicht im Griff haben und weil Achill, die wohl schlagkräftigste, aber auch empfindlichste Tötungsmaschine der Literaturgeschichte, schmollt. Agamemnon macht ihm seine weibliche Kriegsbeute streitig. Achill ist für die Griechen strategisch so etwas wie der Leopard II für die deutschen Soldaten am Hindukusch. Dieser Vergleich mag in der Sache durchaus anfechtbar erscheinen, illustriert aber treffend wie hier Korrespondenzen geknüpft werden.

Das Waffensystem Achill oder der Streit, wer nun den längsten Speer habe, gibt das Signal für eines jener Statements, die das demoskopische Dramaturgieteam um Beate Seidel aus Gesprächen mit Afghanistan-Rückkehrern gesammelt hat. Und schon sind etwa die Schauspieler Till Wonka, Sebastian Kowski oder Mike Adler nicht mehr Achill, Agamemnon oder Patroklos, sondern sagen Sätze wie „Wir brauchen den Leopard II“ oder skandieren das außenpolitische Kredo der BUndeskanzelrin: Politik und Handeln anderer Nationen seien so zu beeinflussen, dass damit den Interessen der eigenen Nation gedient sei.

Macht, Ehre, Gräuel, Angst, Tod

So wird der Themenkreis des Krieges abgeschritten, Macht, Ehre, Gräuel, Angst und Tod. Die über szenische Tableaus oder chorische Rezitationen skizzierte epische Handlung liefert jeweils das Stichwort für eine zeitgenössische Entsprechung. Epos und Demos kommunizieren miteinander, hier das seinerseits von philologischem Schwulst entschlackte Korpus der Ilias-Übertragung von Raoul Schrott, dort das Material der dramaturgischen Meinungsforscher, die Lösch nach bewährtem Muster ins Feld geschickt hat. Dabei zeigt sich die Eigenart des epischen Textes, seine große objektive Distanz, zunächst durchaus der Kollektivästhetik des chorischen Berichts zugänglich. Das in den letzten Arbeiten des Regisseurs immer mehr zur Marotte erstarrte Verfahren wirkt weniger aufgesetzt und heterogen, vielleicht auch, weil diesmal Schauspieler statt Laien den Part der Chöre übernehmen.