Premiere am Stuttgarter Ballett Der „Mayerling“ als Weckruf

Von Petra Mostbacher-Dix 

Die Geschichte ist alt und spielt in einer längst vergangenen Zeit: Der österreichische Kronprinz Rudolph scheitert an Zwängen, falschen Beziehungen und mangelnder Freiheit. Aber der Ausstatter Jürgen Rose schafft es doch, das Drama mit uns Zeitgenossen zu verknüpfen. Wie das? Er hat so seine Tricks.

Raus aus den Zwängen, rein in den Tod:  Friedemann Vogel in „Mayerling“. Foto: Stuttgarter Ballett 14 Bilder
Raus aus den Zwängen, rein in den Tod: Friedemann Vogel in „Mayerling“. Foto: Stuttgarter Ballett

Stuttgart - In der Anfangsszene liegt schon das Ende. Die einsame Beerdigung im Regen, kurz vor Tagesanbruch, deutet an, was kommen wird: Eine düstere Geschichte über Lieblosigkeit, Ränkespielen, Machtbesessenheit, Vertuschungen, Affären, Sex und Drogen – auf höchster Ebene. Geht es etwa um aktuelle Ereignisse? Falsch. Diese Geschichte ist schon älter. Sie handelt vom Kronprinzen Rudolf von Österreich-Ungarn, der 1889 auf dem Jagdschloss Mayerling bei Wien erst seine Geliebte, die 17-jährige Baroness Mary Vetsera erschoss, danach sich selbst.

„Mayerling“ heißt auch das Ballett, das der schottische Choreograf Kenneth MacMillan über die letzten Lebensjahre des Kronprinzen schuf. Uraufgeführt wurde es 1978 in London, nun hatte es beim Stuttgarter Ballett Premiere. Mit neuem Bühnenbild, Kostümen und Lichtkonzept: Intendant Tamas Detrich hat Jürgen Rose für die Neuproduktion geholt. Der 81-Jährige, der einst mit Ballettwundervater John Cranko ein kreatives Duo bildete, hat fast dreißig Jahre lang kein Ballett mehr in Stuttgart ausgestattet. Nun also „Mayerling“, über das Macmillans Witwe wacht und die keine modernere Ästhetik wollte – aus Gründen der vom Choreografen geforderten historischen Exaktheit, heißt es. So bleibt Rose im Historischen, insbesondere bei den opulenten Kostümen.

Rudolf tanzt mit einem Schädel

Während allerdings die ursprüngliche Kulisse von Nicholas Georgiadis in der kaiserlichen Pracht der 1880er-Jahre eintaucht, dort Seide- und Brokatoptik rotbraun-golden verstaubt schimmern, reduziert Rose das Ambiente auf Weiß-Grau-Schwarz-Nuancen. Er deutet nur an: Räume, Lampen, Gemälde auf Tüll gedruckt erinnern an Abbildungen einer Graphic Novel. Den materiellen Rest des Ambientes, manches auf Flohmärkten entdeckt, besorgen schwarze Kommoden, ausgestopfte Vögel, Skelette, Schädel. . . Rudolf tanzt mit einem davon wie weiland Hamlet. Er soll sich für Naturwissenschaften und Ornithologie interessiert haben – und anderes Lebloses, das nun entsprechend morbid daherkommt.

Wie der enorme schwarze Adler, der das Himmelbett des Kronprinzenpaares krönt und in seiner dunkelgrau silbernen Opulenz bei manchen Albträume auslösen mag. Vor diesem nimmt denn auch Rudolf in der Hochzeitsnacht seine ungeliebte Ehefrau Stephanie von Belgien mit Gewalt. Auf Druck seines Vaters Kaiser Franz Joseph I. und seiner Mutter Kaiserin Elisabeth „Sisi“ musste er sie ehelichen. Das zeigt MacMillan. Schon auf der Trauung flirtet er mit anderen Frauen. Und der Pas de Deux des Kronprinzen mit seiner Gemahlin, wie auch jene mit seinen anderen Gespielinnen oder die Soli der Herren, gehören mit zu dem Schwierigsten, was Ballett zu bieten hat.

An die Wände ist „Demokratie“ gekritzelt

Zeitgenössisch akrobatisch mutet es an, wie Friedemann Vogel alias Rudolf seine Gemahlin über und an sich herum windet, schleudert, über den Boden schiebt und schubst, um immer wieder in sichtlich herausfordernden, gleichwohl ästhetischen Posen zu verharren. Stets scheint der Absturz nah. Doch sie stürzt nicht, Diana Ionescu ist eine sichere Duett-Partnerin. Ähnlich wie Elisa Badenes, die seine Geliebte Mary frech aufreizend tanzt, sich furchtlos in atemberaubende Hebungen wirft. Besessen vom Kronprinzen gibt sie sich ihm im erbarmungslosen Liebesrausch hin. Er dagegen verfällt zunehmend Morphium und Irrsinn. Immer wieder fuchtelt er mit der Waffe herum und führt die Hände zum Kopf, als würde er Stimmen hören.

Vogel gibt diese tragische, kräftezehrende Figur mit Haut und Haar. Der Kronprinz soll keine tiefe Beziehung zu seinen Eltern gehabt habe, da er unter den Fittichen seiner Großmutter Erzherzogin Sophie stand. Seine Mutter verehrte, den Vater hasste er. Er suchte die Gesellschaft zu Linksdemokraten und polemisierte anonym gegen Klerus und Hof. Zu viel, um es in drei Akten zu vertanzen. Aber Jürgen Rose – MacMillans Nachlass hin oder her – bringt doch Politik ins Bild. In einer Spelunke liest man graffitiartig an den Wänden Kritzeleien wie „Demokratie“ und „Freiheit“. Während bei Hofe die Affären im strengen Reglement grautönig bleiben, kommt nun hier Farbe ins Spiel. Bestrapste Mädchen – darunter Rudolfs weitere Gespielin Mizzi Casper – mit roten Husarenhüten bieten feschen Offizieren mit sexy Posen ihre Dienste an, die ihre Männlichkeit wiederum in grandiosen Sprüngen und Drehungen unter Beweis stellen, so auch Rudolfs Privatkutscher namens Bratfisch, den Adhonay Soares da Silva großartig interpretiert.

Viel Prominenz in Nebenrollen

Der Tanz auf dem Vulkan – zu Franz Liszts Klängen lebendig intoniert vom Staatsorchester Stuttgart unter dem Gastdirigenten Mikhail Agrest – endet mit einer Polizeirazzia. Unter Kaiser Josef soll die Spitzelei zwecks Machterhalt geblüht haben. Die Monarchie ging dennoch 1918, also nur zwei Dekaden später unter. Auf der Bühne wird vor und hinter verschiedenen Vorhängen geflüstert, mal mit Passé, mal mit Pose. Neben den opulenten Hofaufmärschen und Gruppenszenen sind es auch die Details, Mimiken und kleine Episoden, die „Mayerling“ würzen, so wie der Trippelkampf auf Spitze, mit dem Sisi eine von Rudolfs intriganten Ex-Geliebten, Gräfin Larisch (wunderbar überdreht: Alicia Amatriain) aus dem Haus schmeißt. Und es gibt ein Wiedersehen mit Ikonen des Stuttgarter Balletts: In den ersten fünf Vorstellungen geben Marcia Haydée die Erzherzogin Sophie, Georgette Tsinguirides ihre Hofdame sowie Egon Madsen den Kaiser Franz Josef I.

Bleibt die Frage, ob „Mayerling“ noch zeitgemäß ist mit seinem 19. Jahrhundert-Frauenbild und der K.u.K-Ästhetik. Wenn man es als reines Adelsdrama um einen syphilitischen Frauenheld sieht, wohl nicht. Man kann es aber auch als Skizze einer verkrusteten, demokratiefeindlichen Gesellschaftsstruktur interpretieren – dann wird es zeitlos. Für das Publikum war die Sache klar: Beifall im Stehen und viele Bravos.

Wieder am 24. und 25. Mai 2019