Premiere am Stuttgarter Schauspiel Ein bunter Abend auf dem Panoramadeck

Auf großer Fahrt: Valentin Richter (links) und Felix Strobel Foto: Schauspiel Stuttgart/Björn Klein

Das Stuttgarter Schauspiel geht nun auch auf Kreuzfahrt! Im Hof des Staatstheaters gibt es „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ von David Foster Wallace als cooles Bordprogramm.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Stuttgart - Ahoi! Der Schauspiel-Tanker des Stuttgarter Staatstheaters hat nach mehrmonatiger Liegezeit wieder Fahrt aufgenommen und haut auf mittelgroßer Tour zwischen Ende des Lockdowns und Anfang der Sommerpause noch jede Menge Premieren raus. Der jüngste Fall: die Zwei-Mann-Produktion und szenische Lesung „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ als Open Air im kleinen Hof zwischen Opern- und Schauspielhaus.

 

Der Kulturfreund erinnert sich: So lautet doch der Titel einer Auftragsreisereportage, die das amerikanische Schriftsteller-Genie David Foster Wallace einst für „Harper’s Magazine“ über eine siebentägige Luxuskreuzfahrt durch die Karibik geschrieben hat. Die Redaktion hätte ahnen können, dass Wallace an Bord des Schiffes namens „Zenith“ gerade all das um sich herum beobachtet, was er schon in seinem epochalen Roman „Unendlicher Spaß“ beschrieben hatte: eine turbokapitalistische Borderline-Gesellschaft, die zwischen Sucht nach ekstatischem Mitternachts-Büffettieren und depressivem Morgenkater ziellos hin und her schwankt – und gar nicht anders kann, als sich ab und zu über die Reling zu beugen und die Fische zu füttern. Wallace selbst hat dieses Grundgefühl erlitten; in tiefster Depression nahm er sich 2008 das Leben.

Wird Venedig fallen?

Die beiden jungen Stuttgarter Ensemble-Schauspieler Valentin Richter und Felix Strobel greifen nun die Kreuzfahrt-Reportage auf, um kurz nach dem zweiten Lockdown einen kleinen bunten Abend zur Stimmungslage der Stunde zu machen. Beziehungsreicher könnte ein Thema ja auch gar nicht sein: Nichts galt vor Corona einem Millionen-Touristenheer als größeres Reiseglück, als zwei, drei Wochen auf einem schwimmenden All-inclusive-Luxusdampfer zu verbringen. Nichts war nach Ausbruch von Corona ein stärkeres Symbol für die weltweit ausgebrochene Sinnkrise als jene Cruiser, die keinen Hafen mehr anlaufen durften und zum Teil wochenlang voll beladen mit Passagieren und Crew auf dem Meer in Zwangsquarantäne dümpelten.

Und nichts wird klarer nach dem Lockdown zeigen, ob die Menschheit tatsächlich etwas gelernt hat aus der existenziellen Coronakrise, als diese Frage: Wird die Armada der Kreuzfahrtschiffe den inzwischen errichteten kulturpolitisch-ökologischen Sperrgürtel an der Adria-Lagune durchbrechen und ihr Recht auf freie Fahrt nach Venedig notfalls mit Gewalt erzwingen?

Eine runde und sehr bunte Stunde lang geleiten Richter und Strobel das Publikum durch ihr Bordprogramm, mixen Textbausteine aus der Wallace-Reportage mit aktuellen Zitaten und Anspielungen, wechseln munter die Rollen, Klamotten, Perücken und Geschlechter. Zentrale Szenen des Bordlebens wie das erste Inspizieren der Kabine, das Dinner im Speisesaal, das Chillen am Pool oder ein spektakuläres Bühnen-Promi-Programm werden mit viel Liebe zum grotesken Detail ausgespielt – es ist eine Freude, den beiden Schauspielern bei dieser Parade zuzusehen. Natürlich, der ernsthafte Wallace-Fan hätte wohl mehr Tiefgang erwartet, aber Schwung und Witz der Produktion und die beiden Helden haben so viel Charme, dass keiner einen Besuch bereuen muss. Zur Not lässt man einfach die Seele baumeln.

Großer Beifall zum Schluss für die beiden Schauspieler und ihr Team. Noch hat Netflix nicht endgültig gesiegt: Die analog dargebotene Schauspielerei weiß sich zu verteidigen.

Aufführungen am 14., 19., 27. und 28. Juli

Weitere Themen