Tragische Ironie oder was? Da schreibt also der Kafka Franz seine seltsamen Texte, die niemand interessieren, und plötzlich ist er der Superstar. Leider ist er vorher gestorben. Ein kleiner, durchaus erfolgreicher Versicherungsangestellter, den mit 40 die Tuberkulose erwürgt. Danach: Großklassiker, Goetheliga, epochal. Man nennt ihn mit Ehrfurcht.
Groß und Klein in extrem verzerrter Proportion, und dazwischen der Tod: Das Unheimlich an Kafka ist, dass die eigene Existenz samt ihres posthumen Anteils als Matrix seines Schreibens erscheint. Er ist der klassische Tragiker der Moderne. Nur dass die ewig missgünstigen Götter, die bei Aischylos und Konsorten die Schuldlosen in Schuld verstricken, untergegangen sind wie manche der trüben Funzeln, die in Alexander Müller-Elmaus Bühnenbild im Esslinger Schauspielhaus nicht mehr vom Schnürboden herabhängen, sondern wie erloschene Sterne in den Kabelsalat auf dem Boden gesunken sind. An die Stelle der Götter tritt bei Kafka ein anonymes Verhängnis, wie es die „Dreigroschenoper“ als zynischen Refrain trällert: „Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so“. Nicht so, wie sie sein sollten – aber in einem viel elementareren Sinn als bei Brecht, nämlich als Größenverhältnisse.
Sexuell aufgeladene Vernichtungsmacht
Im Romanfragment „Der Verschollene“ – bekannt geworden unter dem Titel „Amerika“ von Max Brods Erstedition – sind Frauen körperlich größer und stärker als Männer: bei Kafka kein feministisches Wunschbild, sondern eine Kastrationsdrohung. Als Regisseur seiner eigenen Bühnenfassung lockert Müller-Elmau die Geschlechternorm durch vereinzelte Trans-Partien: Der Heizer, den der junge Karl Roßmann kurz vor der Ankunft in New York in den Eingeweiden des riesigen Ozeandampfers entdeckt, wird von Sabine Bräuning gespielt. Die rätselhafte Fanny, Engelsdarstellerin beim Casting fürs „Naturtheater von Oklahoma“ und offenbar eine wiedergefundene Bekannte, gibt umgekehrt Reyniel Ostermann in martialischer Söldner-Pumphose statt Rauschgold. Die Geschlechterkampfszenen selbst bleiben indes im binären Code. Die Klara der Kristin Göpfert – eine glitzernde Kreuzung aus Distanzwaffe und Venusfliegenfalle – ringt mit ihrem durchtrainierten Körper den armen Karl nieder. Die monströse Sängerin Brunelda (Sabine Bräuning) wird ihre völlig untrainierte Fleischmasse nicht minder bedrohlich über ihn wälzen. Zusammen mit der Verführung durch ein dabei geschwängertes 35-jähriges Dienstmädchen – dem Grund seiner elterlichen Verbannung aus Europa – und zusammen mit demütigender homoerotischer Anmache formiert sich eine sexuell aufgeladene Vernichtungsmacht gegen den bourgeoisen Jüngling, die ihn sinnbildlich ganz klein schrumpfen lässt.
Abstieg durchs System der Ausbeutung und der Subalternität
Soziale und geschlechtliche Hierarchien kehren sich um – und schlagen als kapitalistische zurück. Der amerikanische Weg Karl Roßmanns ist der eines Abstiegs durch Ausbeutung und das sie regulierende System der Subalternität, das eigentlich kleine Nummern von Vorgesetzten zu strafenden Göttern macht und die Strafe aus nichtigem Anlass zu einer ungeheuren Schuldverstrickung. Karl Roßmann, der nur wegen einer angenommenen Einladung nun auch von seinem reichen amerikanischen Onkel verstoßen wird – einem Tycoon, der sich über seine unterirdischen Produktionsstätten lieber ausschweigt; Karl Roßmann, der als Liftboy gefeuert wird, nur weil er sich kurz im Dienst vertreten ließ: Daniel Großkämper spielt ihn gerade nicht als greinenden Untergeher, eher als korrekt optimistischen Stehaufmann im rotbraunen Anzug, einen Sisyphos (wie Camus meinte) des amerikanischen Traums – begleitet vom Alptraum der zwangsläufigen, doch nie vollständigen Assimilation an die Underdogs Delamarche und Robinson, deren Unterwerfungsgebaren die Hierarchien der oberen Welt wiederholt. Müller-Elmau entwickelt diese Alltagstragödien der Disproportion, der Unverhältnismäßigkeit der Verhältnisse zu beklemmender Intensität und Kenntlichkeit: Allzuviel hat sich im Buckeln nach oben und Treten nach unten, im Tandem von Arsch und Kriecher, in der nichtsnutzigen Sorge um die eigene Autorität nicht geändert.
Kabelsalat in der Kellerwelt
Die Absurdität solcher Mächte und Gewalten vollzieht sich als labyrinthische Verstrickung, aus der kein Ariadnefaden mehr herausführt. Bei Müller-Elmau ist der Faden nicht gerissen, hat sich aber zum gordischen Knoten verknäuelt – eine Wirrnis von Stromkabeln, an deren Drähten diese zwielichtige Kellerwelt der Drahtzieher wie an einem Durcheinander völlig pervertierter Nabelschnüre hängt. Als sein eigener Bühnenbildner setzt der Regisseur sprechende Bild-Signale: einen auf einen Barren montierten Hochstuhl als zu erklimmende Position der im Wortsinn Vor-gesetzten, eine reflektierende Fläche im Hintergrund, die nur fremden Glanz zu spiegeln vermag.
Müller-Elmaus trübe Unterwelt ist das Schattenreich der tragisch Scheiternden – nur nicht mehr am Schicksal, sondern am System. Deshalb geht Tragik in Groteske, der tragische Held in den komischen Pechvogel über. Die im Dunkeln sieht man hier deutlich: Es sind die immer gleichen furchtbaren und lächerlichen Wiedergänger, verkörpert durch Mehrfachrollen. Felix Jeiter als Kapitän oder Oberportier, Antonio Lallo als Onkel oder dominanter Delamarche stehen für Macht und Brutalität. Markus Michalik wechselt zwischen jammerndem Elend (Schubal, Robinson) und brüllender Autorität (Herr Green). Kristin Göpfert zeigt mit der traumatisierten Diktion der untergebutterten Therese auch die repressive Unterkante der verordneten Geschlechtsnorm.
Utopie um den Preis des Lebens
Kafkas sadistisch zugespitzte Gewalt zieht allenthalben blank in diesen Missverhältnissen. Und doch scheint der Traum des für alle zu schmiedenden Glücks am Ende wahr zu werden – im Naturtheater von Oklahoma, dem „größten der Welt“, das jede und jeden an- und aufnimmt. Ein Mysterienspiel als bürokratisiertes und doch grenzenlos großzügiges Jenseits: Utopie – aber um den Preis des Lebens. Das große Welttheater – ein Totenreich. Erlösung – eine Illusion. Bei Müller-Elmau tönt zwar nun die Geräuschmusik sakral, aber die Szenerie bleibt ein und dieselbe hermetische Unterwelt. Der Roman, der sich zwanglos der Dialogfassung darbietet, zieht sich in den Dialogen in seine Innenansicht zurück. Und die ist ausweglos.
Vom „Verschollenen“ über „Amerika“ nach Esslingen
Roman
„Der Verschollene“ entstand ab 1911, drei Jahre später legte Kafka das unvollendete Manuskript ab. Der Text ist damit das älteste der drei Romanfragmente Kafkas (außerdem „Das Schloss“ und „Der Process“). Erstmals veröffentlicht wurde der Text 1927 – drei Jahre nach Kafkas Tod – von Max Brod unter dem Titel „Amerika“, da die Handlung in den USA spielt.
Vorstellungen
19. und 31. Januar, 2., 17. und 18. Februar, 3. März, 19. und 28. April.
Ort
Schauspielhaus Esslingen, Strohstraße 1.