Premiere auf dem Cannstatter Wasen Warum das Palazzo-Team am liebsten in Stuttgart feiert

Von Uwe Bogen 

Wenn der König rockt und der Klerus steppt: Mit „Kings & Queens“ begeistert das Palazzo rundum. Die neue Show, so hörte man bei der Premiere auf dem Wasen oft, toppt die letzten Jahre. Und Harald Wohlfahrt war locker wie selten.

Harald Wohlfahrt hat mit seinem neuen Vier-Gänge-Menü einen neuen Höhepunkt in seiner 16-jährigen Palazzo-Zeit erreicht. Foto: Lichtgut - Ferdinando Iannone 37 Bilder
Harald Wohlfahrt hat mit seinem neuen Vier-Gänge-Menü einen neuen Höhepunkt in seiner 16-jährigen Palazzo-Zeit erreicht. Foto: Lichtgut - Ferdinando Iannone

Stuttgart - Der King of Kitchen sieht blendend aus. Je älter Harald Wohlfahrt wird, desto unverkrampfter wirkt er. Dem 64-Jährigen hat es gut getan, sich vom Drei-Sterne-Druck in Baiersbronn befreit zu haben. An Langeweile leidet der Meister – viele Jahre rangierte er als bester Koch Deutschlands – gewiss nicht. „Letzte Woche hab’ ich Sophia Loren bei einer Schiffstaufe in Hamburg bekocht“, erzählt er bei der Premiere der Palazzo-Show „Kings & Queens“ im Spiegelzelt. Neuerdings gibt er auch noch Online-Kurse.

Dass Wohlfahrt entspannt mit einem Journalisten kurz vorm Start sprechen und scherzen kann, liegt auch daran, dass er mit den Vorpremieren und mit seinem Küchenteam absolut zufrieden war. In den vergangenen Jahren hatte es immer Gäste gegeben, die auf hohem Niveau an irgendeinem Detail seiner Dinner-Show-Kreationen herumgemäkelt haben. Diesmal aber findet man kein Haar in der nicht vorhandenen Suppe. Die vier Gänge (mit Rind aus Uruguay) überzeugen voll und ganz – diesmal auch durchgängig in der vegetarischen Variante.

Regisseur Rambaek steht für die junge Varieté-Garde

Dass ihm ein Volltreffer gelungen ist, was in der Premierennacht immer wieder zu hören ist, beweist, wie viel Spaß ihm die Arbeit beim Tüfteln an Geschmackserlebnissen immer noch macht. Obendrein ist’s eine gute Botschaft: Wer dem Hamsterrad des Stresses entkommt, kann neue Höhepunkte erklimmen, wenn die Leidenschaft noch immer brennt und man sich jung genug fühlt, es in einem gewissen Alter noch mal wissen zu wollen.

Nicht nur das Menü ist oberste Liga, auch die schräge Show im Abendrot und im Kerzenglanz des Chapiteau ist mit perfektem Timing ein Hochgenuss. In den Palazzo-Standorten von Wien, Berlin und Hamburg ist „Kings & Queens“ bereits gespielt worden, die Geschichte vom König, der die Tochter verheiraten will und auf Intriganten und durchgeknallte Typen stößt. Stuttgart ist die vierte Stadt für eine Handlung, die nur auf den ersten Blick märchenhaft veraltet ist.

Über eine putzmuntere Show, die nach drei Jahren richtig rund läuft, kann sich das Publikum freuen. Regisseur Maximilian Rambaek zählt mit 39 Jahren zur jungen Varieté-Garde, der genreübergreifend „urbanes Theater“ inszenieren will. Als er eine Soap-Opera auf die Bühne brachte, verlegte er die Handlung in sechs Badewannen.

Der Berliner setzt bei seiner Königsgeschichte auf die Ensembleleistung. Alle Artisten, Sänger, Darsteller, Chaoten ziehen im glanzvollen Spiegelpalast auf dem Wasen an einem Strang, irre komisch, artistisch hochwertig, musikalisch mitreißend in genialer Vielfalt. Die Stuttgarter Band Sidewalkers reiht sich großartig ein. Der König rockt, der Klerus steppt – und trotzdem ist keiner der Star. Alle, die mitmachen, sind Sieger des Abends, weil ihre Beiträge optimal eingebettet sind in die Gesamtheit. Selten hat man eine so perfekt aufeinander abgestimmte Künstlertruppe auf dem Cannstatter Wasen erlebt.

„Andernorts inszeniert sich das Premierenpublikum selbst“

Maximilian Rambaek kokettiert nicht, wenn er sagt, in Stuttgart fühle er sich als Berliner besonders wohl. Den Grund erklärt der 39-Jährige nach dem mit Standing Ovations gefeierten Spitzenspektakel bei der Party im Foyer. „Andernorts inszeniert sich das Premierenpublikum gern selbst“, sagt er, „in Stuttgart aber feiert es nicht sich, sondern die Show.“ Vielleicht ist die Promidichte auf dem Wasen nicht so groß – für den Erfolg eines Spiegelzeltes ist dies aber nicht ausschlaggebend.

Zu den begeisterten Gästen zählten Ringer-Weltmeister Frank Stäbler, (er schwärmt vor allem für die steppende Klerus-Zwillinge aus der Ukraine, die 51 Jahre alt sind), Boxerin Alesia Graf, VfB-Legende Hansi Müller, Fallschirm-Sprungweltmeister Klaus Renz, Veranstalter Christian Doll, Unternehmer Uli Endress, Binder-Optik-Chef Helmut Baur, Radiostar Michael Branik, Travestie-Lady Frl. Wommy Wonder, die Designer Manuel Kloker, Tobias Siewert und Renate Renner, Degenfecht-Hero Alexander Pusch, Messe-Chef Roland Bleinroth.

Feiern und genießen kann man also in Stuttgart, in einer Stadt mit großer Varieté-Tradition, die viel gesehen hat und sich immer wieder gern auf Neues freut. Obendrein ist hier Geld vorhanden, sodass 16 Jahre Dinner-Show aufgehen. Um es kurz zu fassen: Palazzo primissimo!

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