Premiere bei Gauthier Dance „Anthology“ lässt die Herzen von Shechter-Fans schneller schlagen
Ob das eine gute Idee ist? Für „Anthology“ bringt Gauthier Dance im Theaterhaus drei Tanzstücke seines Resident-Choreografen Hofesh Shechter auf die Bühne.
Ob das eine gute Idee ist? Für „Anthology“ bringt Gauthier Dance im Theaterhaus drei Tanzstücke seines Resident-Choreografen Hofesh Shechter auf die Bühne.
Das Peace-Zeichen wirkt an diesem Abend nicht lange nach. Die Tänzer recken es gegen Ende von Hofesh Shechters „Contemporary Dance 2.0“ über ihre Köpfe und entlassen bei der Premiere der neuen Gauthier-Dance-Show „Anthology. Shechter x Gauthier Dance“ am Donnerstag ihr Publikum hoffnungsfroh in die Pause. Schließlich feiert der israelische Choreograf in diesem Stück zu treibenden, lauten Beats das Ritual einer durchgemachten Clubnacht als eine verbindende Kraft, die Menschen im Tanz als vielgliedriges Wesen zusammenbringt.
Wer tanzt, unkte man früher, hat kein Geld zum Trinken. Wer tanzt, trumpft Shechter in den fünf Kapiteln dieses Disco-Panoramas auf, schafft einen sicheren Ort für die Begegnung von Menschen. Doch für den „Bonus Track“ des ihm gewidmeten Abends lässt der israelische Choreograf dann zum Ausklang so makaber meucheln, dass die Hoffnung der Resignation weicht. Die beklemmenden Bilder jüngster Gräuel tanzen mit, wenn karnevalesk Maskierte harmlos wie Aufziehpüppchen brutalste Gesten ausführen, Kehlen aufschneiden, Köpfe durchlöchern, Körper quälen.
Das Leben ist ein Geschenk, keine selbstverständliche Zugabe, so lässt sich „Bonus Tack“ lesen, doch die Menschheit vermasselt’s gerade ordentlich. Dafür stellt Shechter die komplette Gauthier-Mannschaft, also Juniors und Seniors, in drei Reihen auf die Bühne. Das ungewohnte, frontale Nebeneinander löst sich schwer auf, selten finden sich die geballten Menschenhaufen, die sonst Shechters Tanzstücke mit einer ungewöhnliche Energie auftanken. Ein Kuss, ein letzter Schuss, dann ist Schluss. Wenn Waffen sprechen, hat es die Tanzdiplomatie schwer.
Ein Glück, dass Eric Gauthier zum Auftakt die große Theaterhaus-Halle mit guten Nachrichten regelrecht flutete. Seit 16 Jahren bereits begrüßt und begleitet der kreative Kopf von Gauthier Dance sein Publikum. Sein nächster Fünf-Jahres-Vertrag liege unterschriftsreif bereit, sagt er und verrät: „Und ich glaube, ich werde signieren.“ Alles andere hätte nicht nur die mit Ex-OB, Kulturstaatssekretär und Verkehrsminister auffallend grün besetzte erste Reihe gewundert. Schließlich hat der Kanadier mit der Gründung der sechsköpfigen Juniorkompanie jüngst ein weiteres wichtiges Ziel erreicht.
Zudem schließt Gauthier Dance mit der etwas spröde „Anthology“ getauften Shechter-Tanzsammlung eine sehr erfolgreiche Saison ab: International gefragte Choreografinnen wie Sharon Eyal und Louise Lecavalier, die „Elements“ bestückten, schmücken das kreative Lineup von Gauthier Dance. Und auch selbst ist die Kompanie international gefragt, Auftritte in Spanien, Luxemburg und Kanada haben die 16 Tänzerinnen und Tänzer bereits hinter sich. Weitere Shows beim Tanzfestival in Bozen und nochmals in Kanada folgen. Und im nächsten Sommer, so verspricht Eric Gauthier, ist auch das Colours-Festival zurück.
Läuft also bei Gauthier. Bleibt trotz Standing Ovations die Frage, ob drei Mal Shechter eine so gute Idee ist. Wer das choreografische Powerplay des Resident-Künstlers von Gauthier Dance und seinen lauten, perkussiven Sound zu heftig, zu wenig nuanciert, zu alltäglich gekleidet findet, ist bei dieser Hommage eh außen vor. Doch die Bündelung von „Contemporary Dance 2.0“, im vergangenen Sommer noch als Abendfüller programmiert, „Swan Cake“ und „Bonus Track“ dürfte selbst bei Shechter-Fans zu einer Übersättigung führen. So wird aus der Multiplikation „Shechter x Gauthier Dance“ eine simple Addition.
Shechter ist ein Meister darin, Körper, die nach unten stampfen, die mit flirrenden Händen nach oben und in den Raum drängen, in perfekter Synchronität kraftvoll tanzen zu lassen – und dabei immer individuelle Varianten und damit Verletzlichkeit zuzulassen. Schon bei der ersten Begegnung schienen die Disco-Zeitreise „Contemporary Dance 2.0“ und Shechters „Schwanensee“-Kommentar aber ab und an auch auf der Stelle zu treten. Das Wiedersehen unterm Shechter-Vergrößerungsglas trägt eher zur Entzauberung bei. So wie sich in „Swan Cake“ kurz aufblitzende Klassikerzitate in lebendigstes Partytreiben auflösen, so tut Kontrast, also der Dialog mit anderen choreografischen Stimmen wie etwa bei „Swan Lakes“, dem Shechter-Kosmos ziemlich gut.
Neben der letzten Leiche aus „Bonus Track“ nimmt man vor allem die Energie der 22 schweißgetränkten Gauthier-Dance-Akteure aus dieser Shechter-Anthologie mit. Bereits in „Swan Cake“ waren drei Junioren mit am Werk. Und auch in „Bonus Track“ ist der Nachwuchs bestens im integriert in den Reigen des mit barocken Rüschenhemden aufgehübschten Ensembles. Nobel geht die Welt zugrunde. Doch die Hoffnung tanzt bei Gauthier Dance weiter.
Termin
„Anthology: Shechter x Gauthier Dance“ ist in weiteren Aufführungen bis zum 29. Juni im Theaterhaus zu sehen.
Programm
Mit der Shechter-Hommage verbeugt sich die Theaterhaus-Kompanie Gauthier Dance vor ihrem Artist in Residence. Seit drei Jahren arbeiten sie und der israelische Choreograf zusammen. „Swan Cake“ entstand 2021 im Rahmen des vierteiligen Abends „Swan Lakes“. „Contemporary Dance 2.0“, ursprünglich für die Tanzkompanie der Oper Göteborg choreografiert und 2022 für Shechters Juniorkompanie erweitert, hatte im vergangenen Sommer bei Gauthier Dance Premiere. Ergänzt wird „Anthology“ durch die Uraufführung „Bonus-Track“.
Künstler
Hofesh Shechter, 1975 in Jerusalem geboren, hat nach seiner Karriere als Tänzer bei der Batsheva Dance Company Schlagzeug studiert und komponiert den Sound seiner Stücke selbst. 2008 gründete er in London eine eigene Kompanie. In Cédric Klapischs Kinofilm „Das Leben ein Tanz“ spielt Shechter sich selbst.