Premiere beim Hamburger Ballett Neustart nach siebenmonatiger Corona-Pause

Szene aus John Neumeiers Uraufführung „Gost Light“ Foto: dpa/Markus Scholz
Szene aus John Neumeiers Uraufführung „Gost Light“ Foto: dpa/Markus Scholz

Demnächst auch imFestspielhaus Baden-Baden zu sehen: John Neumeiers Ballett „Ghost Light“ bekam bei der Uraufführung in Hamburg viel Applaus.

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Hamburg - Der Nächste macht das Licht aus? Nicht beim Hamburg Ballett. Gerade in seltsamen Zeiten ist es wichtig, die „Flamme der Kreativität“ leuchten zu lassen, wie John Neumeier das auf seine etwas emotionelle Weise auszudrücken pflegt, und der inzwischen 81-jährige Ballettintendant erinnert sich eines Theaterbrauchs, der in seiner amerikanischen Heimat gang und gäbe ist: Eine Lampe muss brennen, solange es im Theater dunkel ist. „Damit die Geister“, so Joseph Connor in seinem Roman „Ghost Light“, „ihre Stücke aufführen können.“

Der Abend beginnt als Geisterstunde

Das „Ghost Light“ leuchtet, kaum dass sich das Publikum unter strenger Beachtung der Hygienevorschriften in der Hamburgischen Staatsoper auf seinen Plätzen eingefunden hat – durch eine leere Zuschauerreihe jeweils getrennt und im gehörigen Abstand voneinander sitzend. Tatsächlich deutet zunächst alles darauf hin, als bräche gleich eine Geisterstunde an. Vom Schein der einsamen Leuchte angelockt, taucht Anna Laudere aus der Bühnendämmerung auf: eine „Kameliendame“, die noch nicht gänzlich ihrer Krankheit erlegen ist. Und auch Edvin Revazov ist nicht weit, ihr Armand auch im eigentlichen Leben. Wenn er vor ihr wenig später ganz still auf die Knie fällt, wirkt das so, als bäte er inständig darum, das Ballett zu Ende führen zu dürfen.

Körper, in die sich die Krise eingeschrieben hat

Dazu müsste es erst einmal beginnen. Mit den Klavierklängen aus den „Moments Musicaux“ von Franz Schubert, von Michal Bialk raumfüllend aus dem Orchestergraben heraus interpretiert, belebt sich denn auch die weiß ausgelegte Bühne. Nacheinander erscheinen Christopher Evans, Atte Kilpinen, Aleix Martínez und Félix Paquet, als handelte es sich dabei um die Hoffnungsträger des Hamburg Ballett: vier Tänzertemperamente, in deren Körper sich die Krise ganz unterschiedlich eingeschrieben hat. Während Paquet in seiner karierten Jacke wie eine Lichtfigur erscheint, hat Martínez, den Kopf eingezogen und die Schultern gerundet, seine ganze Verzweiflung in sich hineingefressen. Der Lockdown ließ seiner Energie keinen Raum. Man hat den Eindruck, als käme er nach wie vor nur unter größter Anstrengung von der Stelle.

Antworten auf die Vereinsamung der Tänzer

Seit dem 11. Mai hat Neumeier versucht, der Vereinsamung und Verunsicherung seiner Tänzer und Tänzerinnen auf künstlerische Weise zu begegnen. „Ein Ballett in Corona-Zeiten“ nennt sich seine Arbeit im Untertitel: keine Choreografie im üblichen Sinne, vielmehr eine Szenenfolge, die nie das Eigentliche aus Augen verliert, mag sie auch noch so den Umständen geschuldet sein.

Die Konstellationen wechseln nach Maßgabe der Musik (neben dem Allegretto in c-Moll D 915 noch die „Vier Impromptus D 899) und der Möglichkeit der Besetzung. Doch Fixpunkte finden sich immer wieder: Patricia Friza etwa, die dramatische Solo-Akzente setzt. Der Mann im grauen Flanell, bzw. Alexandre Riabko, der einen sofort an Neumeiers „Nijinsky“ denken lässt, oder Silvia Azzoni als sein visionäres Ballerinenideal. Und dann und wann Olivia Betteridge – nein, nicht als weißer Elefant, wie es in Rilkes „Karussell“-Gedicht so schön heißt, sondern als Sylphide, die es anscheinend ins falsche Ballett verschlagen hat.

Typisch Neumeier: klassisch grundiert, streng in der Form

Am Ende ist „Ghost Light“ eine typische Neumeier-Kreation, klassisch grundiert und streng durchgeformt. Ein Ballett, immer voller Bedeutung und zwischendurch von einer ergreifenden Poesie, wenn sich im Mittelteil Hélène Bouchet und Jacopo Belussi zwar begegnen, aber nicht wirklich berühren. Das gelingt allenfalls ihren Schatten, vom „Ghost Light“ ins Gigantische vergrößert.

Wie gesagt, die „Flamme der Kreativität“ soll weiterhin lodern. Nicht zuletzt deshalb ist Neumeier das Gastspiel im Festspielhaus Baden-Baden so wichtig. Das schafft zwar bereits bei der Anreise logistische Probleme, weil sich die 55 Tänzer und Tänzerinnen nicht in die Quere kommen dürfen. Auch ist die Platzzahl drastisch reduziert. Aber das Werk wird vom Fernsehen aufgezeichnet, und ab 11. Oktober kann „Ghost Light“ weltweit leuchten, abrufbar dann auf der Arte-Mediathek.

Info zum Gastspiel in Baden-Baden

Vom 8. bis zum 11. Oktober gastiert das Hamburg Ballett mit „Ghost Light“ in Baden-Baden. Zusätzlich gibt es am 11. Oktober dazu eine Ballett-Werkstatt mit John Neumeier; www.festspielhaus.de




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