Die Choreografen Roman Novitzky und David Dawson bestücken den neuen Ballettabend. Foto: Stuttgarter Ballett/Sigrid Reinrichs
David Dawson, erstmals zu Gast beim Stuttgarter Ballett, und Roman Novitzky gehört die nächste Premiere im Opernhaus. Ihre Tanzstücke wollen auch Spiegel unserer Zeit sein.
Wie die Welt draußen: Zwischen Hölle und Paradies tanzt der neue Ballettabend, der am Freitag im OpernhausPremiere feiert. „Novitzky/Dawson“ heißt er nüchtern nach seinen Urhebern. Dantes „Göttliche Komödie“ hat Roman Novitzky inspiriert, in umgekehrter Reihenfolge schickt er 26 Tänzer durch Paradies, Fegefeuer, Hölle. Nicht nur teuflische Temperaturen, auch die Größe des Projekts und das Ausfeilen der Übergänge bringen den Artist in Residence des Stuttgarter Balletts kurz vor der Premiere ins Schwitzen.
Entspannt sitzt dagegen David Dawson nach einer Probe in einem Ballettsaal. Dem britischen Choreografen stärkt die Erfahrung von 65 Kreationen den Rücken, vier davon große Handlungsballette. Wobei ihm die abstrakten Stücke lieber seien, wie er betont: „Ich mag es, meine eigene Welt zu schaffen“, sagt Dawson, darin stecke oft eine emotional dichtere Erzählung als in der linearen Narration eines Handlungsstücks.
Nur Leipzig und Hamburg fehlen noch
Seit 2008 lebt der Brite in Berlin. Er habe mit fast allen deutschen Ballettkompanien zusammengearbeitet, sagt er, nur Leipzig und Hamburg fehlten noch. An Stuttgart darf der auch international gefragte Tanzmacher an diesem Freitag einen Haken machen: Dann hat sein neues Stück „Symphony No 2: Under the Trees’ Voices“ Premiere.
Geschichte spüren? Das mag David Dawson
Das Leben in Berlin schätzt der gebürtige Londoner ebenso wie die Ernsthaftigkeit, mit der Deutschland seiner Kunst begegne. „Ich mag die Offenheit Berlins und dass ich die Geschichte der Stadt überall spüren kann“, sagt Dawson und fährt fort: „Ich arbeite gern in Deutschland und bewundere die reiche Tradition seiner Kultur sowie das große Verständnis dafür.“
In London ausgebildet, waren das Stuttgarter Ballett und John Cranko früh Landmarken auf Dawsons innerer Tanzkarte. Als die Einladung von Tamas Detrich im vergangenen Jahr kam, reifte schnell das Konzept für ein neues Stück: „Ich zeige ein Porträt des Stuttgarter Balletts, wie ich es sehe. Schon als ich anfing zu tanzen, war diese Kompanie als kreative Quelle der Ballettwelt in meinem Kopf“, sagt Dawson. Die künstlerische Kraft, die Tänzerinnen und Tänzer in den Fokus stellt, inspiriert auch den Briten: „Mir ist wichtig, dass Menschen zusammenkommen und aus diesem Aufeinanderprall von Energien Neues entsteht.“
Friedemann Vogel bei Proben für „Symphony No 2“ Foto: SB
Katalysator ist das titelgebende Musikstück von Ezio Bosso, in dem David Dawson Sehnsucht, Melancholie und überhaupt eine dichte emotionale Erzählung hört. „Es spielt am ersten Tag danach, wenn all der Lärm vorbei ist und man durch Ruinen wandert“, sagt der Choreograf, der 14 Tänzerinnen und Tänzer auf die Reise an einen neuen, hoffnungserfüllten Ort schicken will. An der Schönheit der Musik will sich Dawson nicht reiben, sondern ihr mit Tanz antworten, der auf die Essenz der Ballettästhetik vertraut. „Es gibt genug Kontrast in der Welt. Wenn ich nur einen Schritt zur Seite mache, sehe ich Dunkelheit, Hass, Intoleranz, Schmerz“, sagt der Choreograf. Mit seiner Kunst strebe er nach einer mit der Natur oder einem Kirchenraum vergleichbaren Energie: „Wir spüren dort eine Kraft, die stärker ist als wir, die tröstet und die hilft, uns über die dunkle Seite des Lebens zu erheben“, sagt Dawson. „Ich möchte nicht Probleme zeigen, sondern Lösungen.“
Sehnsucht nach Licht
Erst Dantes Inferno bei Novitzky, dann paradiesische Schönheit – ein Konzept? Nein, beide Stücke seien völlig unabhängig voneinander entstanden, sagt David Dawson und ergänzt: „Wir denken beide auf unterschiedliche Weise über die Welt nach, in der wir leben. Ich sehne mich bei all der Dunkelheit nach Licht.“
Roman Novitzky bei Proben Foto: SB/Stuttgarter Ballett
„Hoffnung!“ So lautet die Antwort Roman Novitzkys am Telefon nach seiner Sehnsucht. Trotzdem lässt er die drei Teile von Dantes Monumentalwerk, die Kostüme, Licht, Tanz und die Auftragskomposition von Henry Vega mit minimalistischen Mitteln, aber klar trennen sollen, rückwärts tanzen. Die Hölle gibt’s also zum Finale. „Dass die Menschheit dort endet, glaube ich nicht. Ich weiß, dass es immer Hoffnung gibt. Aber wenn ich auf meine Zeit schaue, ist das Bild eher düster“, sagt der Choreograf des Stuttgarter Balletts.
Dante habe in der „Divina Commedia“ auch Politik und den Umgang seiner Zeitgenossen miteinander kritisiert, erläutert Novitzky seine Recherche. „Es ist traurig und stört mich, dass wir 700 Jahre später nichts aus negativen Erfahrungen gelernt haben. Das war meine Inspiration“, sagt der Choreograf, der Dantes Buch nicht vertanzen, sondern in eine eigene Welt überführen will. „Ich schicke einen Protagonisten, den David Moore interpretiert, auf eine eher abstrakte Reise.“
Höllische Energien
„The Place of Choice“ nennt Roman Novitzky sein Stück, das das Verwirrtsein einer Menschheit am Scheideweg spiegeln will. „Wo gehen wir hin? Wir treffen jeden Tag so viele Entscheidungen. Jede hat Konsequenzen. Ob die gut oder schlecht sind, ist oft so schwer einzuschätzen, dass es einem auch Angst machen kann“, sagt der Choreograf und macht neugierig darauf, welche Energie Hölle und Paradies auf der Ballettbühne freisetzen.
Info
Termin „Novitzky/Dawson“ hat am 28. Juni um 19 Uhr im Opernhaus Premiere. Neun weitere Aufführungen gibt es bis zum 22. Juli. In der nächsten Saison steht der zweiteilige Ballettabend vier Mal vom 29. September bis zum 9. Oktober auf dem Spielplan.
Künstler David Dawson tanzte für Kompanien wie das English National Ballet, das Niederländische Nationalballett und das Ballett Frankfurt unter William Forsythe. Als Choreograf war er viele Jahre dem Ballett der Semperoper verbunden und arbeitet eng mit Het Nationale Ballet in Amsterdam zusammen. Roman Novitzky ist seit 2009 Mitglied des Stuttgarter Balletts. 2022 beendete der Erste Solist seine aktive Karriere und ist seither Artist in Residence der Kompanie.