Premiere beim Stuttgarter Ballett Vom Meister des Zwischenmenschlichen

Szene aus „Two Pieces for Het“ Foto: Roman Novitzky

„Fünf für Hans“ beleuchtet das Werk des holländischen Choreografen Hans van Manen – die Stücke haben Humor und halten die Spannung wie in einem Thriller.

Eine Handvoll bei einem Œuvre von gut 150 Werken? Und doch können fünf Stücke aus fünf Jahrzehnten einen Bogen spannen und schlaglichtartig aufs große Ganze verweisen. So geschehen beim neuen Ballettabend „Fünf für Hans“. Mit dem verneigt sich Ballettintendant Tamas Detrich vor dem bald 93-jährigen Choreografen Hans van Manen, den Marcia Haydée Anfang der 1980er Jahre erstmals nach Stuttgart lud. 23 seiner Stücke hat die Kompanie im Repertoire. Die Auswahl genügte, um Hans van Manens Auffassung von Tanz aufzuzeigen, die bei der Neoklassik eines Georges Balanchines ansetzt und doch eine unverwechselbare Signatur hervorbrachte. Van Manen schuf Tanz zur Musik, klar in der Form, trickreich in der Choreografie, ohne Handlung, aber enorm mitteilsam auf zwischenmenschlicher Ebene. In seinen Stücken sind alle Mittel ausbalanciert. Sie haben Humor, sind durchdrungen von Melancholie und halten die Spannung wie in einem Thriller.

 

Beeindruckt feierte das Publikum den anwesenden Tanzschöpfer am Samstag mit Ovationen und Blumensträußen. Das sollte nicht die einzige Würdigung sein. Auf der Opernhaus-Bühne nahm Hans van Manen aus den Händen der Journalistin Dorion Weickmann und umgeben von der Kompanie den erstmals vergebenen „Lifetime Archievement Award“ der Fachzeitschrift „tanz“ entgegen. Weickmann bescheinigte dem Geehrten Stücke geschaffen zu haben, die „nicht lügen“. Mit Blick auf Hans van Manens Geburtsjahr 1932 und das Aufziehen der Nationalsozialisten in Deutschland würdigte sie dessen Schaffen im Kontext der europäischen Aufklärung und Verständigung und als „das Gegenteil von Auslöschung und Zerstörung“. Van Manen selbst bedankte sich dafür, dass seine Arbeit gerade von der deutschen Tanzkritik früh gewürdigt worden sei und erinnerte an deren ruhmreiche Vergangenheit. Er mahnte starke Stimmen für die Tanzkunst an, warnte vor Einsparungen in der Kultur und vor Angriffen auf die Wissenschafts- und Kunstfreiheit.

Bewegungssequenzen in Zeitlupe

„Fünf für Hans“ bedeutet: Fünf von Hans. Bei der Zusammenstellung der Hommage an den „Mondrian des Tanzes“, wie Hans van Manen wegen seiner Vorliebe für schlichte, austarierte Formen genannt wird, hat Tamas Detrich nicht auf die vor Ort uraufgeführten Arbeiten „Corps“, „Shaker Loops“ und „The Sound of Music“ gesetzt. Vielmehr wählte er Stücke, die Hans van Manen für das Niederländische Nationalballett kreiert hat, ergänzt vom schmissigen „Solo“ für das Nederlands Dans Theater.

„Adagio Hammerklavier“ aus dem Jahr 1973 lässt den Einfluss Balanchines deutlich erkennen: weiß die Kleidchen und Trikothosen, glitzernd der Strassschmuck, ideal die Linienführung der drei synchron aufgefassten Paare vor einem bewegten Vorhang. Und doch nutzt Hans van Manen Beethovens Sonate Nr. 29 B-Dur dazu, eigene Akzente zu setzen, sei es durch das Tempo mit Bewegungssequenzen in Zeitlupe, sei es durch das Wegkippen des Oberkörpers mit rautenförmigen Armen am Ende der Pirouetten oder aber, indem er jedem Paar eine eigene Stimmung gibt. Die russische Pianistin Olga Khoziainova schlägt die Tasten am Flügel so präzise an, dass die Musik eine Reinheit vorgibt, die tänzerisch mühevoll anmutet. So gewieft die Solisten-Crew ist, mag sie weitere Vorstellungen brauchen, bis sie in diesem Korsett frei agiert. Anna Osadcenko traumverloren und Miriam Kacerova mit selbstgewisser Dynamik sind auf dem besten Weg dahin.

Im zweiten Stück „Two Pieces for Het“ von 1997 sieht das nicht mehr wie Arbeit aus, sondern wie höchste Kunst. Allroundtalent Mackenzie Brown lässt ihre Bewegungen zu Erikk-Sven Tüürs „Illusion“ aus dem Körperinneren wachsen, um sie im Nu ans Licht zu bringen. So diffundiert eine laszive Erotik den Bühnenraum, die Martí Paixà regelrecht anfixt. Sein eruptiver Balztanz mit aberwitziger Fußarbeit besticht durch augenzwinkernde Coolness. Ein Griff ans Handgelenk genügt, um die Energie der Partnerin umzulenken. Anfangs eine selbstbestimmte Frau, wirft sie nun ihre Blicke wie Angelhaken nach dem Mann aus und gibt sich willenlos der Umarmung hin, in der magnetische Kräfte zu wirken scheinen.

Acht Minuten im Turbogang

Wie eine Miniatur kommt auch der Pas de deux von 1982 daher. Benannt nach Erik Saties „Trois Gnossiennes“ kann das Stück auch als Zähmung einer Widerspenstigen gelesen werden. Aus der Ruhe heraus und mit der richtigen Balance zwischen Bedeutung und Abstraktion lassen Elisa Badenes und Friedemann Vogel Spannungen, Annäherungen und Übergriffe erahnen. Hans van Manen zeigt sich mal wieder als Meister psychologischer Dynamiken und betont durch die Präsenz des Flügels auf der Bühne, dass Musik bei ihm eine tragende Rolle spielt.

Acht Minuten im Turbogang, ganz ohne Hektik, nur die Freude des Augenblicks feiernd: Mit reichlich Schalk im Nacken meistern Henrik Erikson, Fabio Adorisio und Matteo Miccini als viriles Trio van Manens „Solo“. Diesen zum Klassiker gewordenen Bubenstreich hat der Choreograf zu Johann Sebastian Bachs Partita No 1 h-Moll für Solovioline 1997 für das Nederlands Dans Theater geschaffen. Die Flüchtigkeit des Bewegungsstroms unterstreichen die weiten Shirts des von Hans van Manen bevorzugten Ausstatters Keso Dekker, die mal ein Gelb, mal ein Orangerot aufblitzen lassen.

Nervenkitzel und exquisites Hörerlebnis unter dem Dirigat von Wolfgang Heinz zum Abschluss: 2005 uraufgeführt, ist „Frank Bridge Variations“ zu Auszügen aus Benjamin Brittens Hommage an seinen Lehrer das jüngste Hans-van-Manen-Werk im Programm. Kein Alterswerk, ein ausgereiftes Stimmungsbild im Fluss. Mit fünf Paaren bringt das Stück zugleich ein Ensemble auf die Bühne, das spukhaft im Pulk auf- und abtritt. Anfangs noch als Paare oder solo, mit Rocio Aleman als Meisterin der Blicke und Agnes Su als bewegte Raum-Kalligrafie, verdichten sich die zehn Protagonisten in einem Nocturno zur rhythmisch schreitenden Formation. Tanz aus Schritten destilliert: pure Magie!

Fünf für Hans. Weitere Aufführungen bis 15. Juni

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