Premiere der Jungen Oper Schönheitsideale als männliches Machtinstrument

Szene aus „hässlich as fuck“ Foto: Matthias Baus

Absolut sehenswert: Das Join, die Junge Oper im Nord, zeigt die Musiktheater-Performance „hässlich as fuck“.

Krass, diese Szene: als Rosy fantasiert, ihre ungeliebten Körperteile – wie Oma die fetttriefende Blutwurst – in einer Pfanne zu brutzeln, um das eigene Körperfett herausplatzen zu lassen. Ein aufrüttelndes Bild für den Ekel vorm eigenen Körper, für weiblichen Selbsthass, der heute durchs Bodyshaming noch gesteigert wird.

 

In der Jungen Oper im Nord (Join) hatte jetzt „hässlich as fuck“ Premiere: eine musiktheatrale Stückentwicklung, für die das Regieteam Raphaela Fiuza Nowakowski und Martin Mutschler auch die Texte beigesteuert hat. Es geht darin um zwei beste Freundinnen, Rosy und Itzy, die sich auf der Suche nach der eigenen Identität und ihrem Platz in der Gesellschaft an Rollenbildern und Schönheitsidealen abarbeiten. Wie sollen sie sich lösen von Bildern, die dank Filter, Botox, Filler und Schönheits-OPs von wohlproportionierten, jugendlich-schlanken Körpern mit makelloser Haut, vollen Lippen und glänzendem Haar sprechen? Von Schönheitsidealen, die vom männlichen Blick geprägt sind und von den Frauen verinnerlicht wurden? Von diesen männlichen Machtinstrumenten, die Körper bewerten, kontrollieren und hierarchisieren und dadurch die Frauen mit Druck, Selbstzweifeln, Vergleichsstress und Ausgrenzung belasten?

Das Publikum sitzt am Set eines Tennisplatzes

In der Spielstätte Nord sitzt das Publikum am Set eines Tennisplatzes, links ein Schiedsrichterhochstuhl und die Tasteninstrumente. Rechts eine Art kleines Gewächshaus, in das sich Rosy und Itzy gelegentlich zurückziehen. Dann lauscht das Publikum intimen Gesprächen über all die Verletzungen, die den jungen Frauen durch die Gesellschaft zugefügt werden. Ausstatterin Klax Schur hat auch bei den Kostümen für viel Symbolik gesorgt: Beide tragen zuweilen Miniröcke aus Geschirrtüchern. Sexy muss die Frau sein, auch wenn sie am Herd steht.

Auf dem Tennisplatz geht es zur Sache: Der Mann am Klavier mutiert zum Vertreter des Patriarchats: als Trainer und Richter, der den Freundinnen „Challenges“ vorgibt, die sie zu absolvieren haben. Welche sieht heißer aus, wenn sie ausrastet? Welche schwitzt beim Pilates weniger? Die beiden Frauen werden in die Konkurrenz getrieben, statt sich gegen die männliche Macht zu wehren.

Die Frau als Geburtsmaschine und Putzkraft

In der Performance wird ungeheuer viel thematisiert: die Klischees, die sich über die Social-Media-Kanäle verbreiten, der Tiktok-Trend der „Morning shed“-Routine, rassistische Tendenzen im westlichen Nasenideal, Mehrgewicht und unrasierte Beine als beruflicher Nachteil, die Frau als Geburtsmaschine, Putzkraft oder Mater Dolorosa. Es wird vom antiken Künstler Zeuxis erzählt, der für sein Bild von Helena – für ihn der Inbegriff weiblicher Schönheit – gleich fünf der schönsten Frauen seiner Stadt als Modelle antreten ließ, um jeweils deren schönstes Körperteil zu malen. Die wahre Schönheit sei eben nicht nur in einer Frau zu finden.

Sehr viel Input, für den die beiden Darstellerinnen, die mexikanische Mezzosopranistin Itzeli del Rosario und die Schauspielerin Rosalie Zwenzner sorgen: sich spielwütig in die Performance stürzen, mal nachdenklich-reflektierend, mal witzig-pointiert und vom Thema elektrisiert.

Schade, dass die Texte nicht per Übertitel übersetzt werden

Grandios, wie sie die stilistisch bunte Songmischung umsetzen und damit einen für Jugendliche leicht verdaulichen Zugang zu klassischem Gesang ermöglichen: Zwenzner mit Pophits wie Shirin Davids „bauch beine po“ oder den Knef-Song „Ich möchte mich gern von mir trennen“ und del Rosario mit Liedern der mexikanischen Gesangslegende Chavela Vargas oder Gustav Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Marco Rizzello am Klavier und am Sampler sorgt für die klangvolle Begleitung. Schade, dass die Texte nicht, wie in der Oper üblich, per Übertitel übersetzt werden. Auch verliert der furios beginnende, eineinhalbstündige Abend in der zweiten Hälfte etwas an Tempo. Das mindert aber den Eindruck einer für Schulklassen (ab 9. Klasse) absolut empfehlenswerten Produktion nicht.

hässlich as fuck: Die zwei weiteren Vorstellungen am 21. und 22. Januar sind ausverkauft. Eventuell Restkarten an der Abendkasse.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Junge Oper Premiere