Premiere der Opernschule Stuttgart So aktuell ist Monteverdis Oper „Poppea“
Wunderschöne Musik, blutrünstige Handlung: Im Wilhelma Theater zeigt die Opernschule der Musikhochschule Stuttgart, wie brisant Monteverdis „Poppea“ heute noch ist.
Wunderschöne Musik, blutrünstige Handlung: Im Wilhelma Theater zeigt die Opernschule der Musikhochschule Stuttgart, wie brisant Monteverdis „Poppea“ heute noch ist.
Ende gut, alles gut? Im Bühnenhintergrund funkeln die Sterne, und ein Paar besingt die Liebe. „Pur ti miro“ ist eines der berühmtesten Liebesduette der Operngeschichte; dass es auch eines der berührendsten ist, liegt an der Art, wie die Reibungen der Musik den Beschwörungen und Umarmungen im Text begegnen.
Mit dem Duett endet Claudio Monteverdis letzte Oper „L’incoronazione di Poppea“ („Die Krönung der Poppea“). Dass die Geschichte in diesem Stück eine der grausamsten ist, die je im Musiktheater erzählt wurden, mag man bei diesem Ausklang kaum glauben. Dabei macht das „Pur ti miro“ (das übrigens nicht Monteverdi selbst, sondern einer seiner Schüler komponiert hat), nur besonders deutlich, was zuvor schon überhaupt nicht zusammenpasste, nämlich die wunderschöne Musik und die blutrünstige Handlung rund um den römischen Kaiser Nero und seine Geliebte (und spätere Kaiserin) Poppea.
Bei der Neuproduktion des Stücks durch die Opernschule der Stuttgarter Musikhochschule lässt der Regisseur Max Hoehn das Schöne ungestört schön sein. Unerbittlich hat der Imperator alles und alle aus seinem Weg geräumt, wir haben uns vom Gesang designierter Leichen und Verbannter betören lassen, haben Lügnern, Mördern und Speichelleckern unser Ohr geliehen, doch beim Finale im Wilhelma Theater bleibt alle Reibung aus. Zwei Menschen und zwei Melodielinien umschlingen einander aufs Engste, und dem Publikum bleibt ein Hauch von Hoffnung. Darauf, dass alles vielleicht doch noch gut wird, und dass in dunklen Zeiten zumindest die Kunst zum Gegenentwurf und Rettungsanker taugt.
Das tut schon gut, denn der Rest des Abends ist starker Tobak. Oder sagen wir: Monteverdis „Poppea“ mit Giovanni Busenellos genialem Libretto ist so brisant, dass es einem immer wieder schier den Atem verschlägt. Obwohl das Stück mittlerweile fast vier Jahrhunderte auf dem Buckel hat, lässt es selbst die machtgeilen Selbstdarsteller auf der heutigen politischen Weltbühne alt aussehen. Der Narzisst Nero definiert die Wahrheit selbst, nimmt sich, was er kriegen kann, und ist umgeben von einer korrupten Gesellschaft, in der sogar das größte aller Gefühle funktionalisiert, volatil, ja kontaminiert ist.
Friedrich Eggert hat auf die Bühne als Spielfläche einen riesigen Tisch gebaut, der nach vorne schräg abfällt. Immer wieder singen Protagonisten aber auch aus den Proszeniumslogen oder vom Rang. Zwei kopflose Gestalten mit Frack und Fliege nehmen, wenn sie mit Operngläsern die Zuschauerreihen betrachten, den Voyeurismus des Publikums aufs Korn. Slapstick und Humor sorgen für zwischenzeitliche Erleichterung. Ansonsten bekommen die Nachwuchssolisten, was sie brauchen: ganz viel Raum.
Den erhalten sie auch vom Orchester. Unter dem Namen Accademia degli Affetti hat Jörg Halubek ein Orchester aus Studierenden zusammengestellt, dem zwar nicht jedes Detail präzise gelingt, das dem Stück aber mit großer Lebendigkeit und einer Vielfalt exzellent ausbalancierter Klangfarben begegnet. Die variable Bassbegleitung, das aparte Filigran der Lauten-Trias, die Dialoge zwischen den beiden Cembali: Das alles ist größtes Hörvergnügen, und fast jede Szene hat einen unverwechselbaren Klang.
Sarah Kling, eine Mezzosopranistin der intensiven Farben, singt sich als Nerone mehr und mehr frei, Alba Valdivieso ist eine vor allem in der Mittellage und als Darstellerin glänzende Poppea. Der Mezzo der intensiv gestaltenden Clara Schneider (Ottavia) erinnert an die gaumigen Charaktertöne der Callas. Der Tenor Daniel Domarecki ist als Arnalta das, was man eine Rampensau nennt. Ahaoyu He gibt einen stabilen, glaubwürdigen Seneca. Der Countertenor WenBo Shuai als Ottone macht seine Sache gut, könnte allerdings an schauspielerischer wie an gesanglicher Differenzierung noch ein wenig zulegen.
Fazit: Die alte Oper kann brandaktuell sein. Es gibt noch immer genügend Menschen, die ihre Energie zum Leuchten bringen. Und beides ist wirklich wahr. Was ließe sich Besseres sagen?
L’incoronazione di Poppea: weitere Vorstellungen am 4., 5. und 7. Februar, 19 Uhr.