Premiere der „Vögel“ im Stuttgarter Schauspielhaus Jubel für Kosminskis Intendanz-Start

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Die deutsche Erstaufführung der „Vögel“ des frankokanadischen Autors Wajdi Mouawad im Schauspielhaus ist von vielen Stuttgarter Prominenten besucht und mit Jubel aufgenommen worden.

Thriller und modernes Märchen zugleich: Am Freitagabend feierte Wajdi Mouawads „Vögel“ im Stuttgarter Schauspiel  Premiere. Foto: Matthias Horn 8 Bilder
Thriller und modernes Märchen zugleich: Am Freitagabend feierte Wajdi Mouawads „Vögel“ im Stuttgarter Schauspiel Premiere. Foto: Matthias Horn

Stuttgart - Das Haus war voll und Politprominenz anwesend: Unter den Augen von Stadt und Land, vertreten von Oberbürgermeister Kuhn und Kunststaatssekretärin Olschowski, sowie 650 weiteren aufs Höchste gespannten Zuschauern hat Burkhard Kosminski seine Intendanz eröffnet. Was er fast vier Stunden lang als Regisseur zeigte, verlangte dem Publikum viel Sitzfleisch und Konzentration ab und war als mutiges Statement zu verstehen: Die deutsche Erstaufführung der „Vögel“ des frankokanadischen Autors Wajdi Mouawad ist handlungsarm, dialoglastig und viersprachig, weshalb das Englische, Hebräische und Arabische mit deutschen Übertiteln versehen wurde – und sie ist ein erster Fingerzeig, dass das Schauspiel unter dem neuen Chef in internationale Gewässer vorstoßen und mehr auf Darsteller, Dramen und Dramatiker, weniger auf Performer, Videos, Romane und Filme setzen will.

Zehnköpfiges Ensemble

Der Schnitt, der Kosminski von seinem Vorgänger Armin Petras trennt, ist vollzogen – und zwar radikal. Auf der klar und karg möblierten Bühne erweisen sich die „Vögel“ als verwickelte jüdisch-arabische Familiengeschichte, die zwischen New York, Berlin und Jerusalem aufgespannt ist und auch vor Kolportage nicht zurückschreckt. Aus der Vergangenheit spukt der Holocaust in die Tragödie, aus der Gegenwart die israelische Besatzungspolitik in Palästina – und die Schwungkraft der globalen „Vögel“ erwächst aus der Summe der individuellen Mini-Dramen, die Kosminski mit seinem zehnköpfigen Ensemble in klassisches Erzähltheater packt.

Kosminski lässt vom Blatt spielen, trägt manchmal zu viel Pathos, manchmal zu viel Melodram auf. Trotzdem: Dass alle Figuren ihre Geheimnisse haben und unauflösbar in private, politische und historische Ereignisse verstrickt sind, entfaltet er mit äußerster Stringenz. Sein Ensemble verpflichtet der neue Hausherr dabei auf eine strikt realistische Spielweise. Jeder seiner Darsteller hat große emotionale Momente, darunter Itay Tiran, Silke Bodenbender, Martin Bruchmann und andere Darsteller, die man in nächster Zeit noch näher kennenlernen möchte.

Gemeinsam verwandeln sie die ,,Vögel“ in eine heutige Tragödie von antikem Ausmaß, die vom Publikum nach der hochkonzentrierten Sitzung heftig gefeiert wird. Im Premierenjubel konnte man freilich auch die Erleichterung heraushören, dass das Regietheater á la Petras fürs Erste aus der Stadt verbannt ist. Es ist gewiss: In Stuttgart hat eine neue Theaterära begonnen.