TV-Kritik zu „RTL Direkt“ mit Jan Hofer Ein bisschen viel auf einmal

Premiere bei RTL: Moderator Jan Hofer mit der Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock Foto: dpa/Markus Nass
Premiere bei RTL: Moderator Jan Hofer mit der Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock Foto: dpa/Markus Nass

RTL will abends um 22.15 Uhr mit seinem neuen Nachrichtenmagazin „RTL Direkt“ den „Tagesthemen“ und dem „Heute Journal“ Konkurrenz machen. Die Premiere hat gezeigt, dafür muss es deutlich besser werden.

Kultur: Tim Schleider (schl)
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Köln/Berlin - Jetzt ist es passiert: Erstmals seit seinem Abschied als Chefsprecher der ARD-„Tagesschau“ ist Jan Hofer als Moderator bei der privaten Konkurrenz RTL aufgetreten. Seit diesem Montag wird er viermal pro Woche im Wechsel mit Pinar Atalay das neue Nachrichtenmagazin „RTL Direkt“ moderieren – immer um 22.15 Uhr, also in direkter Konkurrenz zum „Heute Journal“ und zu den „Tagesthemen“. Der Kölner Privatsender hat viel Geld investiert, um sein Informationsangebot prominent auszubauen. Doch was hat „RTL Direkt“ an Neuem zu bieten?

Bei der Premiere am Montag hatte Hofer die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock zu Gast. Mit ihr sprach er eingangs über das Thema des Tages, also die dramatischen Ereignisse in Afghanistan. Im Mittelpunkt stand danach aber ein zweites, von der Redaktion selbst gesetztes Tagesthema: Wie grün wird Deutschland und was kostet uns das? Am Beispiel einer Familie mit Kindern wurde durchgespielt, was ein Einkauf im normalen Supermarkt und was ein Einkauf im Bioladen kostet; um wie viel teurer nachhaltige Kleidung für den Nachwuchs kommt, wie schließlich ein Wechsel zum Ökostrom-Anbieter zu Buche schlagen würde.

Auch hier muss sich kein Politiker vor Fragen fürchten

Dass so ein grüner Alltag die Haushaltskasse stärker belastet als ein gewöhnlicher, ist allerdings nun wirklich keine große und schon gar keine investigative Rechercheleistung. Die Kandidatin der Grünen zu befragen, was sie gegen dieses Unrecht tun will, führt dann auch prompt zu den erwartbaren Antworten: mehr Sozialpolitik, mehr Mindestlohn, mehr Biofleisch auch beim Discounter – wobei, stopp mal: Wann war Frau Baerbock zuletzt einkaufen? Es gibt schon seit geraumer Zeit keinen deutschen Discounter mehr ohne Bioware im Regal. Aber wird uns diese Bioware aus Neuseeland oder Peru vor der Klimakatastrophe bewahren? Da hätte Jan Hofer mal nachfragen können, aber er tat es natürlich nicht.

Nach dem Auftakt mit Annalena Baerbock muss man befürchten: Auch bei „RTL Direkt“ müssen die Politiker grundsätzlich nie die Fragen beantworten, die ihnen gestellt wurden, sondern dürfen irgendwas sagen, was ihnen gerade wichtig ist. Auch die Idee, vier direkte Zuschauerfragen anzukündigen, von denen dann aber nur zwei tatsächlich dran kommen, mutete seltsam an. Und mal ganz ehrlich: Welcher derzeit lebende TV-Zuschauer kommt auf die Idee, als Dringendstes von der grünen Kanzlerkandidatin wissen zu wollen, „was die Grünen für die mittelständischen Unternehmen tun wollen“. Da hat die Redaktion wohl doch ein wenig nachgeholfen.

Mit einem Lächeln ins Bett

„RTL Direkt“ möchte jeden Tag die Zuschauer „mit einem Lächeln“ aus der Sendung entlassen, so die Ankündigung, die auch Baerbock „eine ganz tolle Idee“ findet. Mal abgesehen davon, ob das an einem Tag, an dem uns die Bilder aus Kabul vermutlich bis in den Schlaf verfolgen, wirklich so überzeugt – verantwortlich dafür ist in der Premierensendung der Comedian Abdelkarim, der einen ebenso vorgefertigten wie wohlfeilen Scherz über den profillosen Wahlkampf der drei Spitzenkandidaten macht. Man könnte diesem Umstand übrigens ganz leicht begegnen: zum Beispiel durch gut geführte TV-Interviews, die tatsächlich mal ein Thema in der Tiefe aufschlüsseln.

Stattdessen präsentiert sich die neue RTL-Nachrichtensendung vollgepfropft mit Ideen und Elementen, die atemlos abgehakt werden – und trotzdem ist man nach 20 Minuten nicht schlauer als nach der „Tagesschau“. Weniger wäre da deutlich mehr. Mal sehen, ob Pinar Atalay demnächst diesem Sammelsurium mehr Struktur zu geben vermag.




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