Jan Messutat (links) und Heiko Ruprecht in der Komödie „1h22 vor dem Ende“ Foto: Dietrich Dettmann
Der „Bergdoktor“-Star Heiko Ruprecht gastiert wieder in Stuttgart: Bei der Premiere der schwarzen Komödie „1h22 vor dem Ende“ bedient er sich erprobter Kunstkniffe aus dem Fernsehen.
Michael Werner
31.01.2026 - 18:34 Uhr
Bereits zwei Minuten vor Beginn der Vorstellung kann man dem Schauspieler Heiko Ruprecht, der am Abend zuvor in der Rolle des Arztbruders Hans Gruber in der ZDF-Serie „Der Bergdoktor“ fast daran gescheitert wäre, eine nervige Verehrerin abzuservieren, beim Staubsaugen zusehen. Das Saubermachen gehört auf dieser Theaterbühne zum Regeln letzter Dinge, denn der lebensmüde Mann, den Heiko Ruprecht im Alten Schauspielhaus verkörpert, wird von einem Problem geplagt, das jenem des begehrten ewigen Jungbauern im ZDF diametral entgegensteht: Der einsame Bertrand in Matthieu Delaportes schwarzer Komödie „1h22 vor dem Ende“ schwärmt von seiner Nachbarin, weiß aber nicht, wie er sich ihr nähern könnte: „Ich habe noch nie Liebe gemacht“, sagt der angeblich 38-Jährige, dem es außer an Erfahrung beispielsweise an Selbstbewusstsein und Mut mangelt, zu einem ungebetenen Besucher.
Dieser vermeintliche Killer klopft an die Tür, just als Bertrand nach behänder Erklimmung von Heizkörper und Fensterbrett im Begriff ist, aus dem vierten Stock zu springen. Alsbald stellt sich der Pistolen-fuchtelnde Eindringling als Tod vor, und den beiden Magneten Sensenmann und Lebensmüder, vulgo den beiden engagierten Schauspielern Jan Messutat und Heiko Ruprecht, gelingt eine vergnügliche Mischung aus Schmunzelkomödie und philosophischem Proseminar. Textprobe: „Wissen Sie, was ich an Ihnen mag?“ „Nein.“ „Ich auch nicht.“ Oder eine Stufe allgemeingültiger: „Bei uns gibt es nur eine Regel: keine Ausnahme“, deklamiert der sich Tod nennende Typ im weißen Anzug.
Heiko Ruprecht bricht die Tragik
Gerade als das Tod-trifft-Leben-Stück „1h22 vor dem Ende“ (angekündigt auch als „Einszweiundzwanzig vor dem Ende“) in der sarkastisch angehauchten Inszenierung von Martin Schulze erste Längen zeigt (zum Beispiel, wenn der Todes-Typ endlos auf Französisch telefoniert), ist in Stuttgart Pause, und danach gelingt Sophie Göbel als Nachbarin Clémence der schauspielerische Höhepunkt des Abends, wenn sie mit hingebungsvollem Einsatz ihrer Gesichtsmuskulatur in ihrer absichtlich mit Gas gefüllten Wohnung stumm auf ihr Ende wartet. Sophie Göbels Ernsthaftigkeit verleiht dem Stück vorübergehend eine verblüffend tiefe Tragik, die Heiko Ruprecht wunderbar bricht: Während er Clémences suizidalem Begründungsmonolog ergriffen lauscht, dessen Quintessenz damals im Kindergarten üblicherweise zur Aussage „Jungs sind blöd“ gerann, guckt er so entschlossen ritterlich wie der Landwirt Hans Gruber im ZDF, wenn der mal wieder den Hof retten muss.
Die Todessehnsucht des einsamen Mannes aus dem vierten Stock ähnelt dem Lebensüberdruss der enttäuschten Frau aus dem fünften, so wie sich die unbequemen Sofas in ihren identisch geschnittenen Wohnungen ähneln. Doch die Sympathie zwischen den Nachbarn scheint wechselseitig, und also hagelt es im Alten Schauspielhaus plötzlich Hinweise auf den Geschenk-Charakter irdischen Lebens – all seiner Entbehrungen zum Trotz. Dann kommt erneut der Eindringling im weißen Anzug ins Spiel – und mit ihm die Endlichkeit. Bertrands Bitte um Aufschub kann sich im Komödien-Setting nicht recht entscheiden, ob sie nun als grundlegende Lebensmetapher aufgesogen werden will oder doch eher als ironische Wendung leichter Abendunterhaltung goutiert.
Jan Messutat (links) und Heiko Ruprecht verhandeln, Sophie Göbel sieht zu. Foto: Dietrich Dettmann
Das Gute ist: Sie muss sich nicht entscheiden. Denn sie wird von Heiko Ruprecht – mittlerweile beinahe Stammgast an den Schauspielbühnen in Stuttgart, wenn er nicht gerade in den Bergen in Österreich dreht – mit der gleichen sympathischen Jovialität formuliert, mit der in der ZDF-Serie „Der Bergdoktor“ Patienten um Einsicht, Bank-Filialleiterinnen um Entgegenkommen und auch alle anderen um empathische Vernunft gebeten werden.
1h22 vor dem Ende. Weitere Aufführungen im Alten Schauspielhaus bis 7. März.