Premiere im Kammertheater Uraufführung von Clemens J. Setz’ neuem Stück

Mutter im Zwielicht: Therese Dörr Foto: B. Klein

David ist tot, doch seine Eltern reanimieren ihn digital. Clemens J. Setz’ „Der Triumph der Waldrebe in Europa“ gerät in Nick Hartnagels Uraufführung in Stuttgart zur Farce über die Generation Z – und lenkt vom eigentlichen Thema ab.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Das Internet vergesse nichts, heißt es. Eine schöne Vorstellung. Wer in den endlosen Weiten der digitalen Welten seine Spuren hinterlassen hat, verschwindet nicht einfach so. Das Leben geht weiter, der Tod bedeutet nicht das Ende. Ist das nicht eine tröstliche Nachricht für alle, die ihre Liebsten betrauern?

 

Kontrollierte Wut

Denkt sich auch Renate Herzer, die Mutter von David, der vor drei Jahren bei einem Autounfall tödlich verunglückt ist. Eigentlich müsste sie tapfer weinend am Grabe ihres Kindes stehen, „damit ich endlich brav meine Trauerarbeit abstottern kann, an der Gesellschaft“. Renate spricht diesen Satz mit kontrollierter Wut in die Fernsehkamera, die ihr wie die fragende Journalistin auf Schritt und Tritt folgt.

Faust auf die Brust

Im grellen Licht der Öffentlichkeit würden andere zerbrechen, nicht aber Renate. Ihre Absage an den Tod ist die Kernaussage im Stück „Der Triumph der Waldrebe in Europa“ des Büchnerpreisträgers Clemens J. Setz, das am Freitag im Stuttgarter Kammertheater uraufgeführt wurde. Es handelt von Eltern, die mit Hilfe digitaler Medien ihren Sohn weiterleben lassen. David chattet, David spielt mit Bauklötzchen. Alles online. Und David geht sogar virtuell in die Schule.

Hass der Follower

Das wiederum lässt die sogenannten sozialen Medien hyperventilieren, jeder will an Davids Geschichte teilhaben. Allen voran Tim Feels, ein Youtuber, der die falschen Worte wählt, um sich werbewirksam zu entschuldigen und im Hass der Follower sein Ich zu fühlen. Oder der legasthenische Musiker Xaver mit seinen dumpfen Pro-David-Whatsapp-Videos, in denen er von Menschenrechten brabbelt: „Für dich, David. Brudergeste, Faust auf die Brust. Geh dein’ Weg.“

Schnöde Sozialprothese

Schade, dass David auf der Bühne nur als Rollstuhl mit Stativkamera und Tablet erscheint und als derart schnöde Sozialprothese allen potenziellen Todesleugnern im Publikum jegliche Illusion raubt. Am großartigen Bühnenbild von Yassu Yabara liegt es nicht: ein dreigeteilter, in sich verschachtelter Bungalow mit Vorhängen, angebracht unter marmorierten Platten in Holzoptik, die als Projektionstafeln für Videos fungieren. Alles erscheint schleierhaft, in der Maserung des Holzes zeigen sich Fratzen, hinter den durchsichtigen Stoffbahnen werden grobe Körper zu feinen Silhouetten.

Birkenstocksandalen zum Topfhaarschnitt

Was ist schon real? Die Inszenierung von Nick Hartnagel aber will genau das: desillusionieren, Kritik üben, nicht nur an der Selbstinszenierungshysterie der Generation Z, die in Birkenstocksandalen zum Topfhaarschnitt die Realität nur noch auf den Bildschirmen ihrer Endgeräte aushält.

Die Regie geht auch auf Distanz zu den Eltern. Mit Perückeneinsatz, Wackelvideos und Slapstick versucht Hartnagel, die ungewohnte Konzentrationsschwäche des Autors zu überspielen, der sich nicht einlassen will auf das, was interessant gewesen wäre: die Frage, was der Tod mit uns allen macht, mit und ohne Internet.

Wie eine antike Heldin

Therese Dörr spürt und füllt das Vakuum, ihre Renate arbeitet gegen das überdrehte Regiekonzept mit dem gut aufgelegten, auf Humor gebürsteten Ensemble an, welches die digitale Welt in toto für verrückt erklärt. In wundervoller Weise nimmt sie die Mutterfigur ernst, als spielte sie eine Heldin in einem antiken Drama, ihr drahtiger Körper ist eine einzige Muskelverhärtung, an dessen Oberfläche alles abprallt, was Gesellschaft und Medien von ihr erwarten. Statt Demut sieht man Zorn. Und Widerstand gegen das Unausweichliche. Warum eigentlich nicht?

Info

Weitere Termine
Clemens J. Setz’ „Der Triumph der Waldrebe in Europa“ kommt im Kammertheater Stuttgart von 17. bis 22. Oktober, 15. bis 17., 20. und 21. Dezember auf die Bühne.

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