Premiere im Opernhaus Stillstand nach dem Urknall: So ist der Stuttgarter Ballettabend „Augen/Blicke“

In Vittoria Girellis neuem Ballett „Vermilion“ wird vor kosmischer Landschaft im Knien getanzt. Foto: Stuttgarter Ballett/Carlos Quezada

Ob mit dem Vergrößerungseffekt des Stummfilms oder vor Urknall-Landschaften: Das Stuttgarter Ballett überrascht bei der Premiere von „Augen/Blicke“ mit ungewöhnlichen Perspektiven.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Wer kennt das nicht: Man kommt vom Shoppen nach Hause mit Kleidern, die sich bei Tageslicht betrachtet als schwierig erweisen. Da findet sich in der Tüte ein Stück, das nicht zum Rest passen will. Oder es stellt sich heraus, dass ein fast identisches Teil schon im Schrank hängt.

 

Auch Tamas Detrich war Einkaufen. Für den Ballettabend „Augen/Blicke“, am Freitag war im Stuttgarter Opernhaus Premiere, hat er Stücke aus den Tanzmetropolen Den Haag und New York City mitgebracht. Und es wäre spannend zu wissen, wie der Ballettintendant selbst den zweiten Blick aufs Neuerworbene fand.

Erinnerungen an die goldene Zeit des neoklassischen Balletts

Die Uraufführung „Vermilion“ jedenfalls, die Stuttgarts Halbsolistin Vittoria Girelli hinzutun durfte, sah vom Ende aus betrachtet richtig gut aus, obwohl die Italienerin choreografisch ihr Potenzial nicht ausschöpfte. „Shut Eye“ vom Duo Paul Lightfoot/Sol León entpuppte sich als verblüffende Kreation in Schwarzweiß; ihre expressive Stärke und feine Zeichnung passt den Stuttgarter Tänzern perfekt. Christopher Wheeldon sammelte in „Within the Golden Hour“ so großzügig Versatzstücke aus der goldenen Zeit der Neoklassik ein, dass er irgendwo zwischen dem Marktplatz von Crankos „Romeo und Julia“ und der Gartenparty von Jerome Robbins „Dances at a Gathering“ landete. Wobei die Originale im Stuttgarter Repertoire lebendiger wirken.

Christopher Wheeldons harmloser Tanzkitsch, der Fehlkauf der „Augen/Blicke“-Kollektion, passt nicht zum Denkraum, den das Stuttgarter Ballett mit einer sperrigen Schreibweise seinen mehrteiligen Abenden eröffnen möchte. Auch der Schrägstrich im neuen Programm bremst die schnelle Lektüre. „Augenblicke“ würden nur die flüchtigen Aspekte des Tanzes spiegeln, „Augen/Blicke“ holen die ganze Welt herein - mit ihrer schöpferischen, aber auch mit ihrer zerstörerischen Seite.

Szene aus „Shut Eye“ mit Peter Hull, Friedemann Vogel, Christopher Kunzelmann (von links) Foto: Carlos Quezada/Stuttgarter Ballett

Ein Zitat des Malers Paul Gauguin („Ich schließe meine Augen, um zu sehen“) steht als Leitmotiv vor „Shut Eye“ und fordert dazu auf, was kommt entsprechend zu verorten. Lichtkegel leuchten in dem 2016 fürs Nederlands Dans Theater entstandenen Stück Handlungsinseln aus. Hier spielen surreale Szenen, die den Vergrößerungseffekt des Stummfilms auf die Gesten von acht Tänzern übertragen, aber Fragment bleiben: Mizuki Amemiya und Friedemann Vogel sind zwei traurige Clowns, bei denen Nähe in Verschlingungen endet. Peter Hull ist ein Verzweifelter, der gegen Wände angeht. Elisa Badenes erschrickt beim Blick nach vorn. Fabio Adorisio rast, während der Rest rastet.

Auch Körper schneiden groteske Grimassen

Schattenspiele graben in „Shut Eye“ den Grusel alter Edgar-Wallace-Filme aus, auch die Kostüme sind aus der Zeit gefallen. Slowmotion und Stillstand sorgen für Nachdenklichkeit, dann wieder greifen flotte Tempi beklemmend eine katastrophengeflutete Zeit auf. Passend dazu schneiden die Tänzer Grimassen, die ihre Körper mit grotesken Gesten aufgreifen. Getanzt wird mit einer Präzision, die perfekt zur Reduktion dieses Balletts passt. Vorn führen Fluchttreppen in den Orchestergraben, in dem immer wieder Tänzer abtauchen können, weil die Collage des isländischen Musikers Ólafur Arnalds vom Band kommt.

Foto: Stuttgarter Ballett/Carlos Quezada

Vittoria Girelli und ihr Komponist Davidson Jaconello setzen auf Staatsorchester und Wolfgang Heinz. Und wie das übliche Einspielen der Instrumente von einer Art kosmischem Brausen überlagert wird, sich beinahe zum Urknall steigert, um dann in plötzlicher Stille den Blick auf schwebende Materiebrocken freizugeben, ist ein so intensiver Eindruck, dass die Erwartungen an „Vermilion“ hoch sind. Der Lichtkünstler Tom Visser und die Choreografin selbst haben die Bühne gestaltet, die der heimliche Star dieses Stücks ist. Je nach Lichteinfall sind die im Hintergrund hängenden Teile driftende Urkontinente, Kraterflächen von Planeten oder einfach nur Lehmklumpen.

Wie kommt Leben in unbelebte Materie?

Wie Leben in Kunst und Schöpfung kommt, sollen zehn Tänzer erkunden. Ihre Kostüme (Maria Girelli) sind so rot, wie es der englische Begriff für Zinnober im Titel des Balletts ankündigt, und machen mit reflektierenden Fransen Geschlechter gleich. Als ein Körper beginnt die gebeugte Gruppe einen Tanz, der gemeinsam atmet, aber immer wieder individuelle Regungen zeigt. Henrik Erikson ist der erste, der aus der träge blubbernden Ursuppe ausbricht. Später liefert er sich mit Martino Semenzato ein Duell im Knien, das mit verlangsamten Bewegungen eigene Stärke im anderen spiegelt.

 Wer Vittoria Girelli zuletzt mit ihrem Stück „Sospesi“ beim Ballettabend „Nacht/Träume“ als Schrittmacherin erlebte, die Tanz in virtuosen Bewegungen und überraschenden Konstellationen zum Fließen bringt, ist von „Vermilion“ eher enttäuscht. Aus dem Gehen heraus entwickelt sie nun eine gedämpfte Dynamik, flatternde Gesten setzen zu Beethoven-Sinfonien Akzente, Begegnungen sind eher zarte Annäherung als mutiges Erkunden. So tastet sich der Tanz vorsichtig durch eine Urlandschaft, die ihn zum Dekor macht.

Mehr will Christopher Wheeldon erst gar nicht: Tanz, der die Schönheit des Augenblicks feiert, ist sein 2008 in San Francisco entwickeltes Ballett „Within the Golden Hour“ erklärtermaßen. Der Brite, der beim New York City Ballet groß wurde, lässt Tanz zu einer Auftragskomposition von Ezio Bosso aussehen, als wäre seit Balanchine kaum Zeit vergangen. Aber auch wenn Ballerinenbeine wie Medusen pumpen, bleibt der Tanz neoklassische Konfektionsware und lässt die anderen Stücke umso besser aussehen.

Mit welcher Hingabe vierzehn Tänzer, allen voran Anna Osadcenko und Martí Paixà als Lovers, in „Within the Golden Hour“ vor allem ihre eigene Kunst zum Strahlen bringen, ist aber unbedingt sehenswert - ebenso, wie „Augen/Blicke“ viele junge Talente prominent platziert.

Martí Paixà und Anna Osadcenko in Christopher Wheeldons „Within the Golden Hour“ Foto: Carlos Quezada/Stuttgarter Ballett

Junge Talente sind prominent platziert

Aufführungen gibt es bis zum 7. April.

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