Premiere im Schauspiel Stuttgart „Die Möwe“ Hoffnungslos unfähig zum Glück

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Im Schauspielhaus Stuttgart ist die neue Saison eingeläutet worden mit der Premiere von Anton Tschechows Komödie „Die Möwe“ – einer Neuinszenierung, die so neu nicht wirkt, sodass man sich verwundert die Augen reibt.

Manolo Bertling und Svenja Liesau in „Die Möwe“. Foto: Birgit Hupfeld
Manolo Bertling und Svenja Liesau in „Die Möwe“. Foto: Birgit Hupfeld

Stuttgart - Hätte sich Mascha nicht in Konstantin und Konstantin nicht in Nina verliebt, wäre Nina nicht dem berühmten Autor Trigorin nach Moskau hinterher gereist, sondern wäre in der Provinz geblieben – hätte das Glück dann endlich Einzug gehalten in diesem tristen, trostlosen Nest in der russischen Einöde? Sicher nicht. Denn Anton Tschechow war überzeugt, dass die Menschen ihr Leben „schlecht und langweilig“ führen, in seinen Stücke saufen sie sich selbstmitleidig dem Tod entgegen, hecheln schalen Ideen und Idolen hinterher - wie Nina Michailowna, die ihr junges Leben in nur zwei Jahren gründlich zugrunde richtet. Als hoffnungsvolle junge Schauspielerin zieht sie gen Moskau. Von Hass vergiftet kehrt sie zurück, zetert, tobt, brüllt „Es ist scheiße“ und: „Das Wichtigste ist nicht der Erfolg, das Wichtigste ist die Fähigkeit zu leiden.“

Im Schauspielhaus Stuttgart ist die neue Saison eingeläutet worden mit der Premiere von Anton Tschechows Komödie „Die Möwe“ – einer Neuinszenierung, die so neu nicht wirkt, sodass man sich verwundert die Augen reibt. Auf der Bühne steht wieder eine große Podesterie – und diese schräge Fläche im nackten, kahlen Bühnenraum erinnert verdächtig an die Ausstattung von Dostojewskis Bühnenadaption von „Der Idiot“ im Kammertheater. Nicht nur das Leitungsteam, auch die Besetzung ist fast identisch, vorne links an der Ecke steht auch wieder die Musikerin Friederike Bernhardt an den Tasten. Grundsätzlich Neues hat sich der Bühnenbildner Volker Hintermeier nicht einfallen lassen.

Aber auch der Regisseur Martin Laberenz bleibt sich treu, will sagen: Er sucht keine spezifische Umsetzung für den Stoff, sondern stülpt ihm wie bereits bei „Der Idiot“ seine Vorstellung von Theater über, die da heißt: Bloß nichts ernst nehmen! Schluss mit Moral und Analysen, mit bleischwerer Bedeutsamkeit. Und vor allem: Schluss mit Texttreue. So wurde „Die Möwe“ ordentlich gestrafft und umformuliert, sodass die Figuren nun so schnoddrig sprechen wie man es tagtäglich in der Kantine oder am Kopierer tut - „Ei gut“, heißt es da, „Oh, nee, bitte nicht“, „Okay“ und „Super Titten, geile Fickfresse“.

„Es ist ein Verbrechen, auf dem Land zu sitzen“

Das suggeriert Aktualität, dabei ist gerade „Die Möwe“ erstaunlich nah an unserer heutigen Lebenswirklichkeit. „Es ist ein Verbrechen, auf dem Land zu sitzen“, heißt es bei Tschechow, seine Figuren wittern das wahre Leben in Moskau, quasi dem russischen Berlin. Diese mehr oder minder verkrachten Existenzen, die sich da im ausgehenden 20. Jahrhundert in der Provinz langweilen, ähneln dem, was heute als narzisstische Gesellschaft beschrieben wird. Sie alle wollen ihr Sein durch Kunst adeln, wollen schreiben, drängen ins Rampenlicht. Das „strahlende Leben“ des prominenten Autors, frohlockt Nina, sei „faszinierend und dermaßen bewundernswert.“ Auch sie will auf die Bühne. Heute würde sie sich bei DSDS bewerben.

Nur der junge Schriftsteller Konstantin wünscht sich, seine Mutter wäre „stinknormal“. Sie aber ist Schauspielerin und kreist um ihr eigenes Ego, pflegt ihre Eitelkeiten und belächelt die Ambitionen des Sohnes - „Ich habe noch nicht eine Zeile von ihm gelesen. Ich weiß einfach nicht, wann.“ Die Erneuerung des Theater ist ein zentrales Motiv in „Die Möwe“. Konstantin versucht sich als Autor im neu aufkommenden Symbolismus. Die Debatten um überkommene Kunstformen und dramatische Innovation münzt der Regisseur Martin Laberenz um in selbstreferenzielle Anspielungen auf seine eigene Inszenierung. Als wolle er sich gegen mögliche Anwürfe immunisieren, formuliert er immer wieder die Kritik, die man an seiner Regie vorbringen könnte. „Nur was ernst ist, ist gut“, heißt es da ironisch oder „Sie können ja kürzen.“

Damit stilisiert sich Laberenz märtyrerhaft zum Erneuerer des Theater, der er allerdings nicht ist. Er verharrt in der Pose des notorischen Neinsagers, in einer fast trotzigen Abwehrhaltung führt er dreieinhalb Stunden vor, dass das traditionelle Theater ausgedient hat. Dabei gelingen durchaus interessante, auch amüsante Momente, etwa wenn die Figuren beim schnellen Sex linkisch über die Bühne kullern. Aber es gehört zur Methode von Laberenz, Szenen zu dehnen und aufzublähen, auszureizen, was längst offenkundig ist. Herrlich der Monolog von Manuel Harder als Schriftsteller Trigorin, der über seinen Ruhm klagt, „man ist wie ein gefangenes Tier“. Aber diese schauspielerische Leistung wird prompt ins Lächerliche gezogen und driftet in eine lästige, langweilige Parodie ab.

Tschechow verstand seine Stücke als Komödien

Tschechow hätte das vielleicht sogar gefallen. Er betonte immer wieder, dass er seine Stücke nicht geschrieben habe, damit man über sie weint. Er verstand sie als Komödien. Wenn Peter René Lüdicke im Schauspielhaus behauptet „Mein Leben ist ohne mich an mir vorbeigezogen“, so ist das frei von Bitterkeit. Das ewige Lamento dieser Provinzgesellschaft ist immer nur kokettes Spiel, ob sie schreien oder lüstern übereinander herfallen, alles ist Inszenierung, Pose.

Doch das teilnahmslose Als-Ob ermüdet auf die Dauer, die Figuren sind grobschlächtig, Nuancen im Ausdruck werden durch Lautes niedergewalzt. Christin König als Mutter ist der an sich so dankbaren Rolle der manierierten Narzisstin nicht gewachsen, sie bleibt im Ausdruck und stimmlich kraftlos. Am stärksten ist Svenja Liesau, weil sie die Rolle der Nina ausspielen darf, dieses „Tausendschönchen“, das naiv und ungestüm ins Leben drängt. Am Ende, als sie zu einer kläglichen Provinzschauspielerin abgestiegen ist, muss aber auch sie sich dem groben Spiel fügen und brüllt als billige Grufti-Schlampe „Halt’s Maul“ über die Bühne.

Konstantins literarische Versuche im Symbolismus mögen scheitern, aber immerhin wagt er Neues, Eigenes, Diskussionswürdiges. Auch heute ist das Unbehagen am herkömmlichen Sprechtheater absolut berechtigt. Bei Laberenz bleibt die Demontage aber reiner Selbstzweck, er begnügt sich damit, die Tradition zu fleddern und lächerlich zu machen – und nutzt dabei ja doch nur die uralten, traditionellen Mittel des Theaters.

Weitere Vorstellungen am 7., 12., 23.Oktober