Die Premiere des „ King Lear“ zeigt: Claus Peymann kann im Herbst seiner Karriere noch immer Erzähltheater, meint unser Kritiker Roland Müller.

Stuttgart - Standing Ovations wie damals, als er Stuttgart verlassen hat, prasseln am Freitagabend nach seinem fast vierstündigen ,,Lear“ nicht auf Claus Peymann nieder. Im Sommer 1979 währte der entfesselte Beifall mehrere Stunden. Ganz so lange will das Publikum die Heimkehr der Regielegende nicht feiern. Dank einer perfekten Applaus-Choreografie klatscht es zehn Minuten - für eine Inszenierung, die den Kosmos der Shakespeare-Tragödie mit viel, manchmal etwas zu viel Geduld entfaltet: Lear, ein König ohne Land, wird von seinen Töchtern verstoßen und irrt im Wahnsinn über die sturmumtoste Heide. Im reduzierten Bühnenbild fügt sich das Ensemble dem düsteren, in einer präfaschistischen Zeit angesiedelten Geschehen, dem keiner lebend entkommt.

 

Der Titeldarsteller bleibt hinter den Erwartungen zurück

Fast alle Spieler, allen voran Lea Ruckpaul in der Doppelrolle als Narr und Cordelia, überzeugen. Nur der Titeldarsteller bleibt hinter den Erwartungen zurück: Martin Schwab, der große Tragikomiker des Wiener Burgtheaters, ist zu weich, zu zart, zu sanft für den herrischen Lear. Auch darum blickt man an diesem Abend nicht in die Apokalypse, die in diesem späten Shakespeare-Drama steckt. Trotzdem: der alte Peymann kann im Herbst seiner Karriere noch immer Erzähltheater, wenn auch nicht mehr so mitreißend wie damals in seinem wilden Stuttgarter Frühling. (Ausführliche Kritik folgt.)