Premiere im Studio-Theater Bestseller „Die Wut, die bleibt“ auf der Bühne

Diese vier Frauen schlagen zurück: Szene aus „Die Wut, die bleibt“ Foto: tudio-Theater

Im Studio-Theater hat das Stück „Die Wut, die bleibt“ nach dem Roman von Mareike Fallwickl erfolgreich Premiere gefeiert.

Die Körper? Aufrecht. Die Augen? Fokussiert. Die Stimmen? Laut. „Was einer von uns geschieht, geschieht uns allen“, deklamieren Sunny, Femme, Lola und Alva. Die Mädchengang, die da auf der Bühne des Stuttgarter Studio-Theaters wie ein Standbild steht, ganz in schwarz, Hoodykapuzen tief gezogen, ist zu allem bereit. Nacht für Nacht schreiten die vier 15- bis 18-Jährigen zur Tat, verprügeln Vergewaltiger und Brutalos, ritzen „K“ in deren Haut. „Karma is a bitch“: Nun sollen die Täter das erleben, was sie Frauen angetan haben.

 

Das System will es so

„Reden reicht nicht!“ Lola erklärt das Sarah. Sie war die beste Freundin ihrer Mutter Helene – bevor Helene wortlos die Balkontür öffnete und sprang. Scheinbar anlasslos, nachdem ihr Mann Roland beim Abendessen nach dem üblichen Tag mit chaotischer Wohnung und quengelnden Kindern wissen will: „Haben wir kein Salz?“

Der Sprung vom Balkon lässt alle schockiert zurück

Mit dem Sprung in den Tod, der Mann, drei Kinder und Freundin schockiert zurück und das Gefüge erdrutschartig erodieren lässt, beginnt „Die Wut, die bleibt“. Das Stück nach dem Roman von Mareike Fallwickl ist weit mehr als die Anatomie eines Falls von Selbstmord oder Analyse der Nation, es geht um gleiches Recht für 50 Prozent der Bevölkerung. Frauen sind es, die vor allem die Kinder betreuen, Familienmitglieder pflegen, den Haushalt versorgen. Studien zeigen, dass Frauen in Deutschland durchschnittlich 43,4 Prozent mehr Zeit für Care-Arbeit aufwenden als Männer. Nicht, weil das Letztere nicht könnten oder wollten, sondern weil das System so konstruiert ist: So lange Männer 17 Prozent mehr verdienen, bessere Karrierechancen als ihre Partnerinnen haben, so lange bleiben die Frauen zuhause bei den Kindern oder tappen in die Teilzeitfalle.

Frauen bleiben unsichtbar

Nach wie vor gilt der „Referenzmann“ als Standard: 1,77 Meter groß und 70 bis 80 Kilogramm schwer. Dessen Daten fließen in Medizin, Produkte und mehr ein. Frau ist dagegen eine „Datenlücke“. Dieser „Gender Data Gap“ wird nicht im Stück explizit erwähnt. Deutlich wird aber, wie seit Jahrhunderten gedacht – oder besser nicht gedacht wird: „Mensch“ meint Mann als Norm; Frauen bleiben unsichtbar, das wirkt auf Gesellschaft, Arbeitswelt und Politik.

Szene aus „Die Wut, die bleibt“ Foto: Studio-Theater

Das erkennt auch Lola, insbesondere als Sarah auf Wunsch des überforderten Vaters hilft – und sich ausnutzen lässt. Dabei hat sie als erfolgreiche Krimiautorin mit Partner Leon einen anderen Lebensentwurf gewählt. Während sich bei Sarah die Wut auf Helene in Verständnis für die Überforderung wandelt, lernt Skatergirl Lola boxen und bekämpft Rollenbilder und Beautywahn – „Fuck the Schönheitsbild“.

Zugespitzte Dialoge, reduzierte Bühne

All das spielen Elena Widmann als Lola sowie Anna Angelini, Stephanie Biesolt und Alessandra Bosch mit einer Intensität, die Gänsehaut erzeugt. Regisseurin Lisa Wildmann und Dramaturgin Daniela Urban verstehen es, die Dialoge zuzuspitzen, während der Bühnenbildner Klaus-Peter Platten eine raffiniert reduzierte, multifunktionale Szenerie liefert. Das Ensemble bekam zu Recht viel Applaus – aktueller könnte das Thema nicht sein.

Die Wut, die bleibt: Studio-Theater, Vorstellungstermine bis Ende Februar und im Oktober.

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