Premiere im Theater Tri-Bühne Diese Gilgi glaubt nicht an Wunder

Sebastian Huber und Natalja Maas in „Gilgi – eine von uns“ Foto: Anton Avdieiev

Irmgard Keuns Roman „Gilgi“ erschien 1931. Die Protagonistin ist eine emanzipierte junge Frau – das macht heute noch Eindruck, wie die Bühnenfassung des Theaters Tri-Bühne zeigt.

Stenotypistinnen der Weimarer Republik stellt man sich klischeehaft als unterwürfige Wesen vor, die den lieben langen Arbeitstag in die Tasten hacken. Das macht auch Gilgi im Köln der 1920er Jahre, doch sie präsentiert dem Publikum in der Tri-Bühne mit ihrer knochentrockenen Sprache ein erfrischendes Selbstbewusstsein. Sie glaubt nicht an Wunder, sondern an das, was sie erarbeitet und erwirbt, und sie schaut gern über ihr Tippsen-Dasein hinaus in eine Zukunft. Sie hätte ja zum Beispiel ein Talent, Kleider zu entwerfen.

 

Florian Dehmel inszeniert prägnant und fesselnd

1931 erschien der Romanerstling „Gilgi“ von Irmgard Keun, die vor allem durch das ein Jahr später erschienene Buch „Das kunstseidene Mädchen“ bekannt geworden ist. Sibylle Baschung hat eine Bühnenfassung erstellt, die Florian Dehmel mit schnell geschnittenen Szenen prägnant und fesselnd inszeniert hat. Natalja Maas verkörpert Gilgi als temperamentvolle, für ihre Zeit schon emanzipierte junge Frau von zwanzig Jahren. Sebastian Huber gestaltet insgesamt dreizehn weitere Figuren des Stücks (unter anderen drei echte und unechte „Mütter“ Gilgis, deren Chef, einen Arzt und Gilgis beste Freundin Olga). Das bekommt Huber gut hin, als stoischer Gegenpart Gilgis, und Huber verzichtet zum Glück darauf, die Frauengestalten „weiblich“ zu mimen. Beide, Maas und Huber, erzählen das Geschehen und sprechen zugleich in direkter Rede, so ist die Struktur des Stücks gebaut. Renáta Balogh (Ausstattung) schafft mit wenigen Bühnenmöbeln Atmosphäre, Sebastian Huber (musikalische Leitung und selbst am Piano) unterfüttert das Bühnengeschehen mit Schlagern der 1920er Jahre und eindringlichen Pianoklängen.

Was für eine moderne Sprache!

Gilgis Geschichte ist so sperrig wie herzerweichend. Erst muss sie sich der Flirtoffensiven ihres Chefs erwehren. In ihn möchte die knüppelnüchterne Gilgi „kein Gefühlskapital“ investieren – was für eine moderne Sprache! Dann erfährt sie, dass sie ein Adoptivkind ist und macht sich auf eine traurige Elternsuche. Irgendwann verliebt sie sich in die Bohème-Type Martin, der sich rasch als geldloser Luftikus entpuppt.

Das Stück erzählt berührend, wie die optimistische Gilgi an die Kanten bedrückender Realität stößt. Absolut umwerfend ist Irmgard Keuns Sprache, sie allein lohnt, das Stück anzuschauen. Da hat sich ein Ehepaar „bis zur Silberhochzeit durchgelangweilt“, und Gilgis Chef ist für sie bloß „bessere Konfektionsware“. Scharf, bissig und originell formuliert Keun durch Gilgis Mund. So wird klar, dass der Roman 1931 avantgardistische Literatur war – und mit 30 000 verkauften Exemplaren auch erfolgreich.

Gegen Ende des Stücks beklagt Gilgi die Prügeleien zwischen Nazis und Kommunisten und sagt einen Satz, der exakt in unsere Gegenwart passt: „Alle haben Recht, weil sie glauben, sie haben Recht.“

Gilgi – eine von uns: Tri-Bühne, Vorstellungen am 27. und 28. Juni

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