Nein, Julia Rudolph ist definitiv keine Außerirdische, sie ist eine ganz normale 24-jährige Frau aus Fleisch und Blut. Dass ihr Auftauchen auf den Sportplätzen der Landeshauptstadt in den vergangenen drei Wochen dennoch gelegentlich einen zweiten und einen dritten Blick sowie ungläubiges Tuscheln ausgelöst hat, als sei sie gerade einem Raumschiff entstiegen, liegt an einer sportlichen Besonderheit: Die Architekturstudentin kickt nämlich nicht mehr, wie noch in der vergangenen Saison, bei den Frauen des SV Hegnach in der Regionalliga – sondern für die Männer der SKG Botnang in der Kreisliga B.
Als bislang erste Frau im Bezirk Stuttgart/Böblingen hat Rudolph die seit einem Jahr in Württemberg bestehende Möglichkeit genutzt, im Ligabetrieb der Männer mitzumischen. Verbandsweit sind es bereits 44 Frauen, die diese Option gewählt haben. „Das ging völlig problemlos vonstatten. Ich musste ein Formular für den Wechsel ausfüllen, und fertig“, sagt die einstige Jugendspielerin des VfL Sindelfingen, die über den FV Löchgau (Oberliga) in den Waiblinger Stadtteil Hegnach kam und dort zuletzt zwei Jahre lang Stammspielerin in der dritthöchsten deutschen Klasse war.
Nach verpasstem Aufstieg neue Prioritäten
„Wir sind ganz knapp am Aufstieg in die zweite Bundesliga gescheitert. Hätten wir das geschafft, dann hätte ich meine Prioritäten vermutlich verschoben“, sagt Rudolph. In diesem Fall würde sie mit ihren Kolleginnen nun sonntags in Gütersloh, Andernach und gegen Union Berlin gegen das Leder treten. Weil aber der Sprung nach oben eben nicht geklappt hat, setzt die Stuttgarterin inzwischen verstärkt auf ihr Studium und die Arbeit in einem Architekturbüro und lässt die Fußballkarriere im Frauenbereich ruhen. Freilich, ganz mit dem Kicken aufhören wollte sie wiederum auch nicht. „Der Gedanke war: mit weniger zeitlichem Aufwand, aber auf ähnlichem Niveau“, sagt Rudolph. Und unter diesen Vorzeichen ergab es sich ganz geschickt, dass große Teile ihres Freundeskreises bei den Männern im Botnanger Himmerreich unterwegs sind.
„Die ersten Erfahrungen waren ausnahmslos positiv“, sagt Rudolph. Zum Einsatz kam sie bislang in zwei Wettbewerbsspielen: beim 4:1-Sieg im Bezirkspokal beim Stuttgarter Sportclub, mit eigenem Treffer zum Endstand, und am vergangenen Wochenende zum Ligastart (4:2 beim FC Stuttgart-Cannstatt II). „Es ist zwar die unterste Liga, aber es passiert schon alles wesentlich schneller, selbst als in der Frauen-Regionalliga“, hat Rudolph festgestellt. Einsatz Nummer drei kann an diesem Sonntag (15 Uhr) zuhause gegen den TSV Leinfelden folgen.
Von den Gegnern gibt es Ellenbogen
Dumme Sprüche der Gegenspieler musste sie sich noch keine anhören. In Sachen Zweikämpfe erfährt sie keine Schonung: „Die Gegner schauen vor dem Spiel etwas ungläubig, aber während der 90 Minuten bekomme ich genauso die Ellenbogen in die Rippen wie meine Mitspieler“, berichtet Rudolph. Das Saisonziel für den amtierenden Vizemeister Botnang ist der Aufstieg in die Kreisliga A. Ob das Ganze zu einem längeren Engagement führt oder doch irgendwann zurück in den Frauenbereich geht, ist noch offen. „Ich habe sehr viel Spaß mit den Jungs, aber ich denke, spätestens in der Bezirksliga würde ich an meine fußballerischen Grenzen stoßen“, schätzt die Vorreiterin.
Bleibt die Frage nach dem Thema Umkleide. Welche Lösung es hierzu gibt, mit der Frau unter lauter Männern? „Kein Problem. Ich ziehe mich zusammen mit den Jungs um, rauche nach dem Training vor der Kabine eine Zigarette mit ihnen – und zum Duschen verziehe ich mich in die Gästekabine“, sagt Rudolph und lacht. An Spieltagen, wenn diese ebenfalls belegt ist, muss sie halt warten, bis alle anderen fertig sind. Aber das nimmt Rudolph für ihre Stuttgarter Pionierrolle gerne in Kauf.