Premiere in einem Spezial-Museum in Aidlingen Oldtimer als Gute-Laune-Garant

War zum ersten Mal geöffnet: Das Museum für Vorkriegsautomobile Foto: /Stefanie Schlecht

Highlife im Gewerbegebiet an einem Sonntag: Reiner Wilhelm macht’s möglich. Sein „Kulturtag“ lockt Freunde besonderer Automobile sowie besonderer Kunst nach Aidlingen.

Außergewöhnlich viel Publikum war für einen Sonntag im Aidlinger Gewerbegebiet unterwegs. Außerdem waren dort auch auffallend viele auf Hochglanz polierte Fahrzeuge älteren Semesters auf Achse – das verrieten die ganzen an H-Kennzeichen, die Oldtimer als „historisch“ und damit mindestens 30 Jahre alt kennzeichnen.

 

Und das war nicht allein dem schönen Frühsommerwetter geschuldet, denn alle hatten ein bestimmtes Ziel: Zwei Industriegebäude im hinteren Bereich des Tannenwegs, deren Eigentümer gemeinsam zur Premiere eines besonderen „Kulturtag“ bei freiem Eintritt eingeladen hatten. Das Museum für Vorkriegsautomobile von Reiner Wilhelm war zum allerersten Mal überhaupt für die Öffentlichkeit zugänglich und auch das Atelier von Georg Müller hatte bei dieser Gelegenheit seine Tore geöffnet.

Alte Autos, strahlende Gesichter

Wenn die Gäste dort zum ersten Mal das Museums-Kleinod von Reiner Wilhelm betraten, leuchteten viele Augen. Zwölf Fahrzeuge, die allesamt bereits vor dem Zweiten Weltkrieg auf Straßen und Wegen unterwegs waren, hat Reiner Wilhelm in der Halle, die er bereits 2009 eigens für die Fahrzeuge hatte erbauen lassen, untergebracht: „Das Museum war dann ein fließender Übergang“, sagte Reiner Wilhelm, der sich freute, dass seine „Gute-Laune-Autos“ auch für viele strahlende Besucher-Gesichter sorgten. Insbesondere an die US-Auto-Marke Ford – und dort in erster Linie an das „Model T“ – hat Reiner Wilhelm sein Sammler-Herz verloren. Aber auch andere Ford-Modelle sowie ein BMW 326 Autenrieth Cabriolet (Baujahr 1936) und ein Waltham Orient (Baujahr 1906) hegt er mit Passion.

Nicht nur zur Geschichte dieses ersten in großer Stückzahl produzierten Modells, mit dem Firmengründer Henry Ford „die Welt auf Räder gesetzt hat“, weiß der Liebhaber viel zu berichten. Wer ihm bei einer Führung lauschte – oder die liebevoll gestalteten Info-Tafeln studierte – erfuhr unter anderem, dass das Modell T ab 1908 gebaut wurde und bis zum Ende dieser Ära 19 Jahre später über 15 Millionen Mal produziert worden war.

Noch immer auf großer Fahrt

Außerdem lernten die Gäste, dass schon damals Karosseriehersteller unterschiedliche Aufbauten auf eingekauften Ford-Fahrgestellen anboten: Insbesondere beim „Obstwägele“ – einem Model T Depothack, Baujahr 1923 – mit Original-Holzaufbau, den Reiner Wilhelm in Pennsylvania gefunden hat, erzählt die Patina von seiner über 100-jährigen Geschichte und harter Arbeit.

Dieses Fahrzeug und die meisten anderen sind noch betriebsbereit, und daher haben einige ihrer Lebensgeschichte unter ihrem jetzigen Eigentümer weitere Kapitel hinzugefügt, wie die Tafeln verraten: Mit dem Model T Touring aus dem Jahr 1913 etwa waren Reiner Wilhelm und seine Frau erst im vergangenen Jahr unterwegs: Mit der Fähre ging es nach Sizilien und dann 2500 Kilometer den Stiefel hinauf zum Gardasee.

Aus Werkstatt wird Atelier

In Georg Müllers Halle, deren verblasste Fassadenwerbung noch an ihre Vergangenheit als Reifenservice-Betrieb erinnerte, eröffnete sich dem Publikum eine ganz eigene Welt. Zwar erinnert unter anderem noch eine Hebebühne an den ehemaligen Betrieb, am Sonntag bildetet das vor allem die kontrastreiche Kulisse für eine Vielzahl von Kunstwerken: Facettenreich präsentierte nicht nur Georg Müller sein breit gefächertes Ölgemälde-Repertoire, sondern auch Otto Gann jr. seine künstlerische Bandbreite mit Grafiken und Gemälden sowie Hans Zelesner seine fotografische Sicht auf die Welt – mal realistisch, mal verblüffend montiert. Nicht akkurat inszeniert wie in einer Galerie, sondern handwerklich bodenständig – das ist das Ansinnen von Georg Müller, der sich im Ruhestand nach einem arbeitsintensiven Berufsleben der Malerei als Hobby verschrieben hat und von einer wachsenden Künstlercommunity träumt.

Hilfe für kranke Kinder

Es blieb nicht allein bei kulturellen Genüssen – auch für das leibliche Wohl der zahlreichen Besucherinnen und Besucher war bestens gesorgt: In Outdoor-Bistro-Atmosphäre ließ sich auf der großzügigen Freifläche vor dem Atelier das kulinarische Mittagessensangebot von „m³ Feinkost“ genießen und in der Galerie des Museums luden große runde Tische zum gemeinsamen Verweilen bei Kaffee und Kuchen ein.

Gisela Boller, Vorsitzende des Vereins „Dachtel hilft kranken Kindern“, die zusammen mit Mitgliedern und Freunden die Bewirtung übernommen hatte, freute sich darüber, dass der Reinerlös ihrem Verein zugutekommt.

Reiner Wilhelms Museum für Vorkriegsautomobile in Aidlingen verfügt über keine regelmäßigen Öffnungszeiten, es kann aber nach Vereinbarung besichtigt werden. Interessierte finden die Kontaktdaten unter www.wilhelmstrasse.info auf der Museums-Homepage. Dort eröffnet ein kleiner virtueller Rundgang zudem erste Einblicke.

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