Enzensbergers Stück „Der Untergang der Titanic“ wurde 1980 von George Tabori uraufgeführt, Regisseur Nick Hartnagel hat das Drama am Freitag in der Spielstätte Nord in Stuttgart inszeniert – dabei auch den sarkastisch klingenden Untertitel „Eine Komödie“ ernst genommen. In der Koproduktion der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart und dem Schauspiel Stuttgart wird mit Glanz und Glamour der Eisberg gerammt. Bühnen- und Kostümbildnerin Tine Becker hat herrlich exzentrische, bonbonfarbene Anzüge und Tüllkleider, flauschige Rattenkostüme und Eisbergfigurinen kreiert.
Und ein verspiegeltes Rondell auf die Drehbühne gebaut, das als Ballsaal wie als Restaurant funktioniert, die hölzerne Rückwand dient als Schiffsdeck. Mit Federpuschel auf dem Kopf und golden glimmendem Ganzkörperanzug tanzen Natalja Maas und Jonas Matthes in einer fabelhaften Szene, die das Grauen durch ostentative Lässigkeit verstärkt, dem Untergang entgegen. Zu Schubidu-Musik berichten sie amüsiert davon, wie „federleicht“ der Aufprall war. „Keine Sirenen, keine Alarmglocken, nur ein diskretes Klopfen an der Kabinentür.“
Mit Glamour in den Untergang
Die auf rund 80 Minuten Spielzeit gekürzten Gesänge geben mit ihren mäandernden Gedanken, Assoziationen, Szenen den Studierenden – Natalja Maas, Jakob Spiegler, Wiktor Grduszak, Liliana Merker, Félicien Moisset, Cora Kneisz, Jonas Matthes – schöne Spiel- und Gesangsmöglichkeiten.
Wie ein bewegtes Bild rudern sie in Zeitlupentempo mit den Armen oder starren ins Nichts, während Wiktor Grduszak bei einer Art archäologischer Führung durchs Wrack beeindruckend kühl davon spricht, was geschah. Mit einer Taschenlampe beleuchtet er Szenen, die sich auf dem Schiff abgespielt haben könnten. Die Studierenden singen solo oder musizieren gemeinsam am Klavier, erzählen, wie die Stimmung an Bord ist, wie man mit Leuten vom Unterdeck umgeht, wer zuerst in die Boote darf, wie gefragt wird, ob man noch Leute mitnimmt oder ob „das Boot schon voll ist“.
Der Versuch der Regie gelingt, das Pathetische des Textes zu reduzieren und eine katastrophische Heiterkeit zu inszenieren, dabei Gesellschafts- und Klimawandelkritik nicht zu vernachlässigen. Wenn die Schauspielerinnen und Schauspieler gruppenkuscheln und von einer besseren Welt träumen, merkt man ihren Mienen an, dass sie nicht wirklich daran glauben können, dass auf jeden Fall alles gut wird. Auch das Finale, der appellative Satz – „Wir sitzen alle in einem Boot“ – gerät kein bisschen moralinsauer, a cappella, den Satz zerdehnend, singen und tänzeln sich die sieben Studierenden diesem Schluss entgegen.
Wie bereits die filmische Version, die aber auch die Coronapandemie und die Situation der Studierenden thematisierte, ist diese Inszenierung absolut sehenswert – nicht nur für Intendanten, die nach talentiertem Nachwuchs Ausschau halten.
Der Untergang der Titanic. Weitere Termine in der Spielstätte Nord des Schauspiels Stuttgart am 19. bis 22. und am 26. bis 30. Oktober. www.schauspiel-stuttgart.de