Premiere in Stuttgart Lügt sie oder lügt er?
In Ferdinand von Schirachs Gerichtsdrama „Sie sagt. Er sagt.“ im Alten Schauspielhaus wird mit Vehemenz um die Wahrheit gerungen.
In Ferdinand von Schirachs Gerichtsdrama „Sie sagt. Er sagt.“ im Alten Schauspielhaus wird mit Vehemenz um die Wahrheit gerungen.
Blick in einen Gerichtssaal, der in ein weißes Portal mündet. Ein Tiefblau dahinter saugt die Zuschauer geradezu ein. Ist dort die Wahrheit verborgen? Denn um die geht es, wie bei jedem Strafprozess ohne Geständnis des Angeklagten. Doch in diesem Fall ist die Wahrheitsfindung teuflisch schwer. Es geht um eine Vergewaltigung, die eine Frau behauptet und ein Mann abstreitet, und damit hat Ferdinand von Schirach sein Stück „Sie sagt. Er sagt“ exakt in unsere Gegenwart gesetzt. Denn hier geht es um ein trostloses Muster. Frauen beklagen, sexuell belästigt oder gar vergewaltigt worden zu sein, und die Weinsteins, Depardieus und Combs’ dieser Welt beteuern, der Sex habe „einvernehmlich“ stattgefunden.
Jetzt ist Schirachs Gerichtsdrama als deutsche Erstaufführung (die Uraufführung fand letztes Jahr in Wien statt) im Alten Schauspielhaus zu sehen. Die TV-Moderatorin Katharina Schlüter (überzeugend kühl und klar: Sabine Fürst) schildert als Zeugin vor Gericht, wie sie sich in den ebenfalls verehelichten Unternehmer Christian Thiede, nun Angeklagter, verliebte, in die Liebe ihres Lebens. Man traf sich heimlich vier Jahre lang und trennte sich dann. Ein paar Monate später laufen die beiden sich wieder über den Weg und haben Sex, der laut Katharina erst einvernehmlich abläuft und dann nicht mehr. Der Ex-Liebhaber streitet das ab.
Aussage steht gegen Aussage, Zeugen gibt es nicht. Das Gericht aber ist aufgerufen, die Wahrheit herauszufinden. Wie bearbeitet das Gerichtsdrama, das 2024 auch in einer Fernsehfassung zu sehen war, das Dilemma? Formal wird eine Gerichtsverhandlung gezeigt. Stefanie Klimkait als Richterin befragt die Zeugen routiniert, Marius Hubel als anwaltlicher Vertreter der Nebenklägerin, eben des möglichen Vergewaltigungsopfers, agiert als leicht vertrottelte Nervensäge, stellt aber kluge Fragen. Schön anzuschauen ist, wie sich die Verteidigerin des Angeklagten und der Anwalt der Nebenklägerin beharken.
Doch Schirachs Stück ist auch ein Krimi der biederen Art, in dem Beweisstücke wie ein Kostüm mit Spermaflecken unter die Lupe genommen werden. Vor allem aber hat der Autor ein Lehrstück in das Gewand eines Dramas eingefügt, und das ist ein höchst informativer Teil des Abends. Mit einer Heftigkeit, die einer Sachverständigen nicht angemessen ist, trägt Sabine Christiane Dotzer als Psychologieprofessorin Fakten zum Thema Vergewaltigung vor. Dabei geht es um Klischees von Vergewaltigungen, was Opfer und Täter angeht. Ein Vergewaltiger ist in der Wirklichkeit eher ein dem Opfer bekannter als ein fremder Mensch. „Je besser sich Täter und Opfer kennen, desto weniger wird dem Opfer geglaubt“, erklärt die Psychologin. Eine Frau muss sich wehren – auch das ist ein Vergewaltigungsmythos. Ebenso, dass eine vergewaltigte Frau nur glaubhaft sei, wenn sie gleich nach der Tat wehre.
Das Stück schafft es, wissenschaftliche Erkenntnisse in eine Verhandlung umzusetzen, denn Katharina Schlüter sieht sich immer wieder misstrauischen Fragen ausgesetzt. Die Verteidigerin Christian Thiedes unterstellt ihr zu lügen, um Rache an ihrem Geliebten zu üben. Schirachs Stück lotet auch seelische Folgen sexueller Übergriffe aus. Schlüter fühlt sich nach jener letzten Begegnung mit dem ihrem Ex-Liebhaber, „als gehöre ich mir nicht mehr“. Sabine Fürst spielt das eindrücklich – gleichwohl, womöglich mimt sie bloß eine Lügnerin. Beweismittel für Katharina Schlüters Angaben fehlen, aber genauso Belege gegen das, was sie behauptet. Es kommt auf Glaubwürdigkeit an – man möchte nicht in der Rolle eines Richters stecken, der ein Urteil zu fällen hat.
Die Mixtur von Strafprozess, Krimi und Lehrstück funktioniert ganz gut, und Martin Schulze hat das alles in einem richtigen Tempo und nachvollziehbar inszeniert. Sorgfältig sind Ariane Scherpfs (Ausstattung) Kostüme geraten. Zu erleben ist ein Stück, das mit harten Fakten über eine Problematik informiert und diese in eine bis zur letzten Minute spannende Handlung mit überraschendem Schluss übersetzt.