Premiere Schauspiel Stuttgart So war „Ein dunkles, dunkles, dunkles Blau“ von Starautor Simon Stephens

Gemeinsam das Leben feiern: Szene aus „Ein dunkles, dunkles, dunkles Blau“ im Kammertheater Foto: Björn Klein

Elmar Goerden bringt ein in Stuttgart spielendes Stück des britischen Starautors Simon Stephens im Kammertheater Stuttgart zur Uraufführung. Lohnt der Besuch des bei aller Dramatik versöhnlichen Werks?

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Ein großes Metallgestell rahmt die Szene. An der Bühnenrückwand läuft ein Textband mit Passagen aus dem Stück. Mal sieht man Silhouetten von Menschen oder von der Stadt. Mal ist die Rückwand schwarz, vielleicht ist es aber auch ein „dunkles, dunkles, dunkles Blau“, so wie der Titel von Simon Stephens’ neuem Werk lautet. Ein Rahmen also, der Halt gibt – wer wünscht ihn sich nicht für sein Leben. Doch so robust, wie er aussieht, ist er nicht. Das Gestell ist am (Bühnen-)Himmel aufgehängt, schwankt und wankt. Steht man darauf, braucht man schon andere, um nicht zu fallen. So symbolträchtig ist Silvia Merlos und Ulf Stengls Bühnenbild in der zweistündigen Uraufführungsinszenierung von Elmar Goerden am Samstag im Stuttgarter Kammertheater. Und so hat es sich der britische Starautor in den Regieanweisungen gewünscht: „Räume sollten metaphorisch sein, nicht ausformuliert.“

 

Auch sonst hält sich der Regisseur – der schon 2021 Stephens’ Stück „Am Ende Licht“ in Stuttgart inszeniert hat – weitgehend an den Text. Er bestätigt, verstärkt gar die Botschaft, die deutlich versöhnlicher ist als gemeinhin in der Kunst: Leute, das Leben ist doch wüst genug, seid bitte nett zueinander! Schon in „Am Ende Licht“ starb ein Mensch, und trotz aller familiärer Komplikationen hatte das Stück etwas Märchenhaftes – tröstlicher ging es zu als in früheren Dramen über desolate Beziehungen, prekäre Verhältnisse, Sex und Gewalt, mit denen sich der Dramatiker einen Namen gemacht hat.

Trost im großen Unglück

Ungeheuer traurig ist auch jetzt die Ausgangslage: Nicola (Camille Dombrowsky) und Christof (Felix Jordan) sind ein glückliches junges Paar, doch Christof hat Krebs, er wird sterben. Die beiden begeben sich in der Fantasie an Orte, die sie mögen. In dem Episodendrama – dessen Stuttgart-Bezüge leicht austauschbar wären und das sich gut für eine Verfilmung eignen würde – kommen zudem Figuren vor, die mit einem der beiden bekannt sind.

Es finden bei aller Trauer ständig Menschen zueinander, hören sich zu, essen gemeinsam. Selbst der Päderast, Christofs Onkel Matheus (Matthias Leja), wird zumindest angehört. Und wenn Nicola im Leuze gesteht, dass sie nicht schwimmen kann, eilen alle herbei, um sie wie einen Rockstar beim Stagediving hochzuhalten. Sie liegt auf dem Rücken, schaut in den Himmel, in ein dunkles Blau. Stephens spielt mit Sentimentalität und unterläuft sie. Als Christof schwärmt „Wenn ich draußen schwimme, habe ich manchmal das Gefühl, wir schweben im All“, konstatiert die angehende Wissenschaftlerin Nicola nüchtern „Tun wir ja auch“.

Die Farbe Blau taucht auch beim Aussuchen von Babykleidung auf. Christofs beste Freundin Karolina (Teresa Annina Korfmacher) wird nämlich bald Tante. Und da sie einen Hang zur Theatralik hat, kann die Farbe nicht einfach Blau sein, sie sucht „ein dunkles, dunkles, dunkles Blau“. Stephens schätzt nicht nur gelegentlichen Gefühlsdusel, er kann auch Ironie.

Ein Leben kommt, und eines geht, und viele Leben sind schon vergangen. Fast alle Figuren haben Kranke und Tote zu beklagen. Das kann einen schon dazu bringen, die Existenz Gottes abzustreiten. Wie Marie (Therese Dörr), deren Kind bei einem Wohnungsbrand umkam und die seither gramgebeugt ihr Leben mit Kaffee, Zigaretten und Thomas-Mann-Lektüre bestreitet. Oder es kann dazu führen, erst recht nach Gott zu suchen. Wie der junge angehende Religionsphilosoph und Kartenzaubertrickser Tomas (Simon Löcker), dessen Vater an Corona starb. Maries verletzliche Ruppigkeit und Tomas’ offenes, anteilnehmendes Wesen bilden einen reizvollen Gegensatz. Wie es mit ihrer Freundschaft, Liebe vielleicht, weitergehen könnte, das würde einen dann doch interessieren. Eine Paarung, die bei der Lektüre eher uninspiriert wirkte und durch Regie und Darsteller zu heiterem Leben erweckt wird, ist die zwischen dem Polizisten Lukas (Gábor Biedermann) und seinem Nachbarn Karl (Boris Burgstaller).

Karl trägt nicht nur konsequent rosa Hosen und Hemden, sondern verschenkt nur Roséweine. Wie Karl vor neugierig-hibbeligem Eifer, etwas über die Arbeit des Polizisten zu erfahren, den Teebeutel aus dessen Tasse fischt und ausdrückt und wie Lukas indigniert dreinschaut, das ist famoses Komödiantentum. Natürlich findet auch dieses seltsame Paar zusammen und isst gemeinsam Bœuf Stroganoff in Lukas’ Wohnung, die einen noch besseren Blick auf den Osten Stuttgarts hat als die von Karl.

Die Trauer wegtanzen

Derlei Szenen gelingen auch, weil sich Beziehungen entwickeln. Schwerer hat es das junge Liebespaar, das eben nur einige Erinnerungen teilt. So wirklich innig wirken die beiden nicht. Doch wie Camille Dombrowskys Nicola da steht und den Rat von Christofs Vater zu beherzigen versucht – die Trauer wegzutanzen – und verzagt mit den Hüften wackelt und Tapfer-Sein übt, das gehört zu den anrührendsten Szenen des Abends. Denn da ahnt man, mit einem Hüftschwung lässt sich die ungeheure, ungerechte Tragik einer sterbenden großen Liebe vielleicht doch nicht überwinden.

Ein dunkles, dunkles, dunkles Blau: Weitere Vorstellungen im Kammertheater am 10., 11., 15., 18. Januar, 5., 9., 10. März.

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