Premiere im Stuttgarter Schauspiel „Bernarda Albas Haus“: Frauen im Seelenkerker

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Unheilige Allianz gegen die Frauen: Calixto Bieito inszeniert im Stuttgarter Schauspielhaus „Bernarda Albas Haus“ von Federico García Lorca als wuchtige, virtuos komponierte Tragödie.

Heimliche Laster: Nicole Heesters als Bernarda Alba Foto: Thomas Aurin 6 Bilder
Heimliche Laster: Nicole Heesters als Bernarda Alba Foto: Thomas Aurin

Stuttgart - Die Inszenierung ist neu, ihr Konzept nicht: Schon vor mehr als zwanzig Jahren hat Calixto Bieito „Bernarda Albas Haus“ einstudiert – und was der Katalane 1998 in Madrid auf die Bühne brachte, hat er mit nur kleinen Variationen 2011 nach Mannheim und eben jetzt nach Stuttgart geholt. „Ich kehre wieder zurück zu einem jener Werke, die mich schon mein ganzes Leben begleiten“, sagt der Regisseur im Programmheft, denn die Tragödie von Federico García Lorca konfrontiere uns „mit dem Terror der Unterdrückung, mit dem Schmerz der Angst, mit der irrationalen und rationalen Gewalt, die das Leben vieler Menschen zerstört hat und immer noch zerstört: gestern, heute und ohne Zweifel auch morgen.“

Was das Gestern anlangt, hat der 55-jährige Bieito auf jeden Fall recht: Lorca selbst wurde Opfer von Terror und Gewalt. Die Uraufführung von „Bernarda Albas Haus“ hat er nicht mehr erlebt, denn kurz nachdem er das Werk im Sommer 1936 fertiggestellt hatte, ist der Lyriker und Dramatiker von Franco-Anhängern ermordet worden, mithin von der unheiligen Allianz aus Militarismus, Katholizismus und Machismus, die Spanien in den Bürgerkrieg stürzte und – bei Lorca – auch die Familie als kleinste gesellschaftliche Einheit mit ihrem Gift zersetzt. In der „Tragödie von den Frauen in den Dörfern Spaniens“, so der Untertitel des Dreiakters, verbirgt sich die lebensfeindliche Allianz hinter der Maske von Tradition, Konvention, Familienehre – und welche Tyrannei davon konkret ausgeht, zeigt Bieito in einer Szenenfolge, die nichts mit der wilden Blut-und-Hoden-Ästhetik seiner mittleren Jahre zu tun hat. Der Skandalregisseur von einst arbeitet heute mit anderen Mittel. Er ist milder, aber nicht schlechter geworden.

Halbnackte Artistin, schwebend in der Höhe

Was er allerdings nicht aus seinem Regie-Repertoire gestrichen hat, ist die Arbeit mit dem Körper, mit der Unmittelbarkeit nackter Leiber. Das ist gut so, denn er setzt die Physis seiner Schauspieler, die in Lorcas Tragödie ausschließlich Schauspielerinnen sind, sehr subtil ein. Mit ritueller Langsamkeit lässt der Regisseur zum Auftakt der Inszenierung die Artistin Kaatie Akstinat an einem Seil in die Höhe ziehen. Halbnackt schwingt sie vor der weißen Wand durch die Luft, ihr verletzlicher Körper ist Glocke und Klöppel zugleich und eröffnet derart das Totengeläut, das aus dem Off ins Haus der strengen Bernarda dringt: Soeben ist ihr Mann zur letzten Ruhe gebettet worden – und ihren fünf heiratsfähigen Töchtern legt sie eine Trauerzeit von acht Jahren auf, während der „nicht einmal der Wind von der Straße ins Haus“ kommen wird. Die Töchter begehren, jede auf ihre Art, gegen die despotische Mutter auf, doch ihr Widerstand ist zwecklos. Sie zerbrechen und verlöschen – und mit ihnen jegliches Leben „hinter den vermauerten Fenstern und Türen“ des Hauses und Hofes, in dem sie gefangen sind.

Mauern und Türen sucht man auf der Bühne vergeblich. Man braucht sie auch nicht, denn in dem von Alfons Flores betont offen gestalteten Raum sind die Panzerungen ins Innere der Figuren gewandert. Den Kerker tragen die Frauen in den Seelen – und die Außenwelt dringt von oben in sie ein, als Zeichen göttlicher Ordnung. Wo zuvor die Totenglocke aus Fleisch und Blut baumelte, fahren Dutzende von Stühlen aus dem Bühnenhimmel herab und weisen – leer und unbesetzt, wie sie sind – auf eine große Abwesenheit hin. Ausgesperrt aus dem Geisterhaus ist ja nicht nur die Trauergemeinde, ausgesperrt bleibt auf Jahre hinaus das ganze Dorf und vor allem der Dorfbewohner Pepe el Romano, der mit der ältesten Tochter Angustias verlobt ist. Seine offensive Abwesenheit freilich macht den Burschen anwesender denn je: An Pepe entzünden sich die Fantasien aller emotional und sexuell ausgehungerten Bernarda-Töchter.

Nicole Heesters als eisige Lebensvernichterin

In starken, klaren, wuchtigen Bildern entfaltet Bieito fortan die Tragödie der Frauen, denen ihre gestauten Leidenschaften mehr zusetzen als die gestaute Hitze. Und auch wenn das Inszenierungskonzept über zwei Jahrzehnte hinweg gleich geblieben ist, hat das Bühnenpersonal naturgemäß gewechselt. Durchweg neu besetzt sind die Töchter, doch die Alten sind noch jene der Mannheimer Aufführung, die auch 2014 beim Fadjr-Festival in Teheran triumphierte: Elke Twiesselmann als Bernardas Mutter, Anke Schubert als Bernardas Magd und Nicole Heesters als Bernarda selbst, die ihre Figur mit der monströsen Boshaftigkeit einer KZ-Wärterin zeichnet – eine eisige Lebensvernichterin, die sich freilich an den ihr hinterbrachten Hurereien im Dorf aufgeilt und sich wollüstig über die weit gespreizten Schenkel streicht. Unterdrückte Begierden brechen sich Bahn, so oder so, auch bei den Töchtern, die sich wie ihre Mutter keuchend in Sexual- und Gewalträusche hineinsteigern – sofern sie nicht um Pepe konkurrieren wie Angustias (Josephine Köhler) und Adela (Nina Siewert), einander homoerotisch zugeneigt sind wie Amelia (Jelena Kunz) und Martirio (Paula Skorupa) oder zum Kleinkind regredieren wie die daumennuckelnde Magdalena der Anne-Marie Lux.

All diese Details bindet Bieito klug in seine Lorca-Komposition ein. Denn das ist die Inszenierung: eine mit Rhythmen und Symmetrien, mit Schwarz und Weiß, mit Vertikalen und Horizontalen virtuos spielende Bühnenkomposition, deren Formstrenge überzeugt. Der Terror, der in Bernardas Haus wütet, braucht keinen Wutregisseur. Er geht auch so unter die Haut.