Pretty Privilege „Es gibt kaum einsamere Frauen als sehr, sehr attraktive Frauen“
Attraktive Menschen haben in allen Lebensbereichen Vorteile. Doch es gibt Ausnahmen – vor allem bei Frauen.
Attraktive Menschen haben in allen Lebensbereichen Vorteile. Doch es gibt Ausnahmen – vor allem bei Frauen.
„Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul.“ So beginnt das Grimmsche Märchen „Frau Holle“. Das würde man heute natürlich nicht mehr so sagen, denn die Pechmarie war vielleicht einfach mehr auf ihre Work-Life-Balance bedacht, und Schönheit liegt sowieso im Auge des Betrachters. Doch nicht zufällig sind schon im Märchen meist die Schönen auch die Guten. Diese Stereotype prägen ganz unbewusst auch heute noch unser Denken.
Schönen Menschen werden zusätzlich andere positive Eigenschaften zugeschrieben. Das geht so weit, „dass schöne Menschen im Leben systematische Wettbewerbsvorteile haben“. So formuliert es der Soziologe Ulrich Rosar, Professor an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Er arbeitet seit 20 Jahren zu dem Phänomen Pretty Privilege, dem Schönheitsprivileg. Es ist seit einem halben Jahrhundert in der Sozialpsychologie gut erforscht und Gegenstand zahlreicher Studien.
Um das Phänomen zu begreifen, muss man vorneweg eines akzeptieren: Schönheit liegt nicht nur im Auge des Betrachters. „Schönheit ist eigentlich ein objektives Merkmal einer Person“, erklärt Rosar. Sehr schnell sind wir uns einig, welche Menschen wie gut aussehen: „Wenn man die einschlägigen Studien zusammen betrachtet, ergibt sich, dass wir etwa bei 75 Prozent der Attraktivitätsurteile immer zu ähnlichen Einschätzungen kommen. Da können Sie jemanden in Europa fragen, im afrikanischen Busch oder im amerikanischen Regenwald.“
Nur etwa fünf Prozent sind persönliche Geschmacksunterschiede wie eine Vorliebe für Rothaarige, weil man eine rothaarige Sandkastenfreundin hatte. Und 15 bis 20 Prozent der Urteile gehen auf kulturelle Unterschiede zurück. Dazu ist im vergangenen Jahr in „Scientific Reports“ eine große Studie vorgestellt worden, ein Ökonom der Uni Mannheim und ein Datenwissenschaftler der ETH Zürich konnten allerdings auch in dieser Studie trotz einiger kultureller Unterschiede zeigen: „Schönheit wird generell stärker assoziiert mit Kompetenz, Vertrauen und Selbstbewusstsein, während Hässlichkeit verbunden wird mit Inkompetenz, Misstrauen und Zweifeln.“
Der Soziologe Ulrich Rosar erklärt, der Vorteil, den schöne Menschen haben, lässt sich von der Wiege bis zur Bahre nachweisen. Schon Mütter behandeln ihre Säuglinge in Abhängigkeit von deren Attraktivität unterschiedlich. „Je attraktiver, desto mehr Zeit wird ins Knuddeln und Schmusen investiert. Das relativiert sich dann erst im Zeitverlauf.“
Und die Besserbehandlung der Hübschen setzt sich fort im Kindergarten, sowohl die Erzieherinnen als auch Spielkameraden sind freundlicher zu schönen Kindern. In der Grundschule kriegen diese Kinder bessere Noten und eine bessere Prognose für die weiterführenden Schulen. Gleiches gilt später in den Universitäten oder in sonstigen Ausbildungsbereichen. Wenn Attraktive auf den Arbeitsmarkt kommen, dann werden sie eher zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Sie werden schneller und höher befördert. Ihre Leistungsbeurteilung ist besser. Noch erstaunlicher: Eine sehr attraktive Person verdient einer Berechnung Rosars und seines Teams zufolge im Schnitt über alle Berufe und Einkommen hinweg betrachtet im Vergleich zu einer unattraktiven Person 800 Euro netto im Monat mehr.
„Ihre Stirn war blütenweiß, ihre Wangen hell rot wie die Anemone, ihre Augen wie die der wilden Färse oder der Gazelle“ – eine so schöne Frau wie aus Tausendundeiner Nacht, wer wollte ihr nicht begegnen? Wer würde ihr nicht vieles zutrauen oder verzeihen? „Wir halten Attraktive für intelligenter, fleißiger, kreativer, sozialverträglicher, dynamischer, durchsetzungsfähiger“, sagt Ulrich Rosar. Die Psychologie nennt das Halo-Effekt, die oder der Schöne bekommt von den anderen einen Heiligenschein verpasst.
Kein Wunder boomt die Schönheitsindustrie. Spieglein, Spieglein, wer ist die Schönste im ganzen Land? Jugendliche vergleichen sich auf Social Media, junge Mädchen kaufen schon Faltencremes, Buben rennen ins Fitnessstudio. Die Kosmetikbranche wird laut Prognosen bis 2028 weltweit auf einen Jahresumsatz von mehr als 700 Milliarden US-Dollar anwachsen.
Natürlich hängt unsere Bevorzugung der Schönen maßgeblich mit dem Fortpflanzungsdrang zusammen. Sichtbare Jugend, Gesundheit und Kraft signalisieren Fortpflanzungserfolg. Das geschieht im ganzen Tierreich: Manche leisten sich dort den riskanten Luxus, die Bewegungsfähigkeit einschränkendes, auffälliges und prächtiges Gefieder auszubilden wie etwa der Pfau.
Doch es geschieht beim Menschen oft unbewusst. Die meisten würden es schließlich weit von sich weisen, andere nach ihrem Aussehen zu beurteilen. Zumindest in einem Umfeld, in dem die Attraktivität einer Person nicht wie in der Werbung oder beim Film eine Rolle spielt. Bei Bewerbungsverfahren ist das ein Problem, sagt Ulrich Rosar. „Gerade wenn es sogenannte Forced-Choice-Entscheidungen sind, kann das Aussehen ausschlaggebend sein. Angenommen, Sie haben zwei ähnliche Bewerbungen und die eine Person ist attraktiver – die kriegt dann den Job.“ Daher geben sich Unternehmen zunehmend Mühe, Bewerbungsverfahren und Beförderungsverfahren so zu gestalten, dass wirklich die besten Leute genommen werden und vorankommen.
Dennoch, meint Rosar, stelle man in der Arbeitswelt fest, dass beispielsweise Top-Manager oft auffallend groß seien. Größe ist bei Männern ein wichtiger Indikator für Attraktivität, offensichtlich hat sie die Karriere der Männer begünstigt.
Apropos Männer und Frauen – gerade Letzteren kann die Schönheit im Job auch im Weg stehen. Mit zunehmender Attraktivität werden einer Person Studien zufolge nämlich nicht nur generell positive Persönlichkeitseigenschaften zugeschrieben, sondern auch geschlechtsspezifische. „Frauen gelten als empathischer, konsensorientierter, was auch bedeutet: weniger aggressiv und durchsetzungsfähig,“ erklärt Ulrich Rosar. Frauen könnte daher in männlich dominierten Handlungsfeldern schlichtweg die Kompetenz abgesprochen werden.
Neid, Missgunst – man kann sich so einiges vorstellen, was den Schönsten im Alltag noch entgegen schlägt. Attraktive Frauen leiden unter dem Femme-Fatale-Effekt. „Wenn Frauen sehr attraktiv sind, unterstellt man ihnen, dass sie nicht aufgrund ihrer Qualifikation und ihrer Anstrengung so weit gekommen sind, sondern aufgrund ihres Aussehens.“ Am schlimmsten ergeht es den sogenannten Hyperattraktiven, meint Rosar, das sind jedoch nur sehr wenige Menschen. Sie gelten als Egoisten und Narzissten, denn keiner glaubt, dass man ohne etwas dafür zu tun so gut aussehen kann. Andere beneideten sie nicht nur, sondern höben sie auf einen Sockel, trauten sich nicht an sie ran. Ulrich Rosar meint: „Es gibt kaum einsamere Frauen als sehr, sehr attraktive Frauen.“