Der Böblinger Landtagsabgeordnete Florian Wahl ist der queerpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion und ist selbst queer. Mit uns hat er zum Abschluss des Pride Month über seine Arbeit und seine persönlichen Erfahrungen gesprochen.
Was sind Ihre Aufgaben als queerpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion?
Ich vertrete die Interessen der queeren Community. Ich bin dabei Ansprechpartner, halte den Kontakt zu den Menschen in der Community und gebe ihnen eine Stimme. Generell geht es mir auch darum, das Thema sichtbar zu machen. Das ist ein Grund, warum ich neben klassischer Pressearbeit auch viel dazu in den sozialen Medien poste. Außerdem gehört es zu meiner Aufgabe, darauf aufmerksam zu machen, wenn zum Beispiel queerfeindliche Gewalt passiert, wie beispielsweise vor ein paar Wochen in Karlsruhe oder vor einigen Tagen in Oslo.
Welche Bedeutung hat für Sie der Pride Month Juni?
Der Pride Month ist sehr wichtig. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass es solche Tage wie den IDAHOBITA (Internationaler Tag gegen Homo-, Bi-, Inter-, Trans- und Asexuellenfeindlichkeit), den Christopher Street Day (CSD) und Monate wie den Pride Month braucht, um Sichtbarkeit zu zeigen. Ich finde es toll, dass diese Aktionen immer mehr auch in der Fläche des Landes gefeiert werden und nicht nur in den Großstädten. Am Samstag findet zum Beispiel zum ersten Mal eine CSD-Parade in Herrenberg statt, das ist super.
Wie schätzen Sie aktuell die Lage von queeren Menschen in Deutschland und Baden-Württemberg ein?
Natürlich ist die Lage besser als vor 30 Jahren. Bis 1994 hat ja der §175 existiert, der Homosexualität bei Männern unter Strafe gestellt hat. Aber auch nach der Abschaffung dieses Paragrafen und der Einführung der Ehe für alle haben wir noch keine Gleichstellung erreicht. Nach einer Statistik des Bundeskriminalamtes gab es im letzten Jahr einen deutlichen Anstieg an Gewalt gegen queere Menschen. In Baden-Württemberg werden queerfeindliche Übergriffe nicht mal gesondert polizeilich erfasst. Außerdem ist es immer noch so, dass viele Menschen automatisch davon ausgehen, dass jemand heterosexuell ist, wenn die Person kein offizielles Coming Out hatte. Queer zu sein hat auch heute leider noch oftmals wirtschaftliche und soziale Konsequenzen und ist mit viel Angst verbunden. Ob das in der Schule, in der Familie, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis oder in der Kirchengemeinde ist. Queere Menschen müssen ständig mit dem Thema umgehen. Schon allein die Frage von Kollegen, mit wem man im Urlaub war, kann da zum Problem werden. Lege ich meine Persönlichkeit offen oder lüge ich mein Umfeld an beziehungsweise verschweige einen wichtigen Teil in meinem Leben? Es ist ja auch nicht so, dass man einmal im Leben ein Coming Out hat und dann ist die Sache vom Tisch. Nein, jedes Mal, wenn man eine neue Person kennenlernt, muss eine Entscheidung getroffen werden, ob man nun erzählt, dass man queer ist oder nicht. Es wäre schön, wenn das irgendwann egal ist. Davon sind wir aber noch weit entfernt.
Erfahren Sie Kritik in Ihrer Rolle als queerpolitischer Sprecher?
Ja, das passiert. Angriffe bei diesem Thema kommen sowohl von rechts als auch von teilweise links. Da wird der Vorwurf laut: Muss man sich denn um eine kleine, „schrille Minderheit“ kümmern und nicht um „echte“ politische Probleme? Erst einmal ist es wichtig, zu sagen: Hier geht es um Menschenrechte. Die gelten auch für eine sogenannte „schrille Minderheit“, die übrigens gar nicht schrill ist, sondern aus ganz normalen Menschen besteht. Kein Mensch sucht sich seine sexuelle Orientierung beziehungsweise geschlechtliche Identität aus. In der queeren Community sind ganz viele unterschiedliche Menschen vertreten. So unterschiedlich sie auch sind, queere Menschen teilen aber die Erfahrung, „anders“ als die meisten Menschen in der Gesellschaft zu sein. Damit sind oft Diskriminierungserfahrungen verbunden. Gleichstellung gegen andere politische Themen auszuspielen und in Konkurrenz zu setzen, ist falsch und auch nicht logisch. Es ist ja keine Entweder-oder-Frage.
Wie kam es zu der Entscheidung, in den sozialen Medien zu sagen, dass Sie selbst queer sind?
Ich habe seit sechs Jahren einen Freund, der Lehrer von Beruf ist und mir spiegelt, was das für ein großes Thema für junge Menschen auch heute noch ist. Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, habe es aber auch nicht groß publik gemacht, weil ich sehr zurückhaltend bin, was mein Privatleben angeht. Aber ich hatte das Gefühl, dass es meine Verantwortung als Abgeordneter ist – auch als queerpolitischer Sprecher –, darüber zu reden. Wer, wenn nicht ich, soll denn so etwas thematisieren? Das war ein sehr bewusster Entschluss.
Wie waren die Reaktionen auf Ihren Post?
Nur Liebe, Unterstützung und sehr viele freundliche und teils rührende persönliche Nachrichten. Ich bin da in einer privilegierten Situation. Allein schon vom Alter her. Ich bin ja kein 15-jähriger Schüler mehr, der das auf dem Schulhof erzählen musste. Es ging vielmehr um die Frage, ob ich das zu einem öffentlichen, politischen Thema mache oder nicht. Davor hatte ich schon Respekt, weil man sich trotz allem verletzlich macht. Und mir als Abgeordneter schauen einfach mehr Menschen bei der Arbeit zu als in anderen Berufen. Deshalb überlegt man es sich zweimal.
Sie sind ein christlicher Mensch. Welche Erfahrungen haben sie in der evangelischen Kirche in Böblingen gemacht?
Ich war Mitglied der Landessynode und bis vor kurzem Mitglied des Kirchengemeinderates der Stadtkirche Böblingen, habe aber aus Zeitgründen das Amt aufgeben müssen. In meiner persönlichen Erfahrung habe ich sehr viel Liebe und Unterstützung aus dem kirchlichen Umfeld in Böblingen mitbekommen. Ich hatte über die Jahre mit aufgeschlossenen Pfarrerinnen und Pfarrern zu tun, mit tollen engagierten Menschen in meinen Gemeinden. Für mich war es eine sehr positive Erfahrung. Ich wäre ohne mein Engagement im evangelischen Jugendwerk in Böblingen wahrscheinlich nicht zur Politik gekommen und habe persönlich sehr viel gesellschaftliche Akzeptanz und Inklusion erlebt. Aber es gibt viel zu viele Menschen in unserer Kirche, die leider auch heute noch ganz andere Erfahrungen machen – und auf Ebene der Landeskirche gibt es noch sehr viel zu tun und aufzuarbeiten. Aus meiner persönlichen Wahrnehmung war die Kirche hier bei uns jedoch ein angstfreies Umfeld und das muss auch unser Ziel sein: Keine Person sollte Angst davor haben, zu zeigen, wer sie ist.
Christopher Street Day in Herrenberg
Herrenberg
Am Samstag, 2. Juli, ab 15 Uhr findet der erste Herrenberger Christopher Street Day (CSD) als Kundgebung auf dem Marktplatz statt. Das Aktionsfest wird im Rahmen der Jugendbeteiligung durch die Projektgruppe Pride-Month organisiert, die bereits im letzten Jahr Regenbogenflaggen in Herrenberg hisste. Mit Redebeiträgen, Musik und Infoständen soll auf die Rechte queerer Menschen aufmerksam gemacht werden.
CSD
Der Christopher Street Day ist ein internationaler Festtag, der seit den 60er Jahren gefeiert wird. Er entstand 1969 in New York in der namensgebenden Christopher Street. Dort wurden damals viele gewalttätige Polizeirazzien gegen trans- und homosexuelle Menschen vollzogen. An dem Abend fingen die Menschen an, sich zu wehren, was tagelange Straßenschlachten auslöste. Ein Jahr danach wurde das Christopher Street Liberation Day Committee gegründet, um den Aufständen zu gedenken, und seither wird am letzten Samstag im Juni international mit Feiern und Paraden an das Ereignis erinnert und für die Rechte von queeren Menschen, wie z.B. Transsexuelle oder Homosexuelle, demonstriert.
Kontakt
Für den Veranstaltungstag sucht die Gruppe noch Unterstützung. Interessierte Personen können sich bei Helene vom Stadtjugendring per Telefon/ Whatsapp (0159 02235274) oder E-Mail (helene.schaechtele@sjr-hbg.de) melden.