Privater Investor gesucht Stuttgarter Theaterhaus stoppt Planung für Erweiterung

Werner Schretzmeier bekommt keinen großen Erweiterungsbau für das Theaterhaus. Foto: Annette Cardinale Fotografie/Annette Cardinale Fotografie

Für einen neuen Saal mit 600 Plätzen sieht der Theaterhaus-Verein keinen Bedarf mehr. Die Stadt hofft nun, dass ein privater Geldgeber einen abgespeckten Zusatzbau stemmt. Für die Freie Tanz- und Theaterszene bedeutet das indes nichts Gutes.

Der Erweiterungsbau für das Theaterhaus auf dem Pragsattel ist gestrichen, allerdings nicht ersatzlos. Das zuletzt bereits von 40 auf 130 Millionen Euro Baukosten explodierte Projekt wird nun in deutlich abgespeckter Form weiter geplant, soll aber nicht von der Stadt Stuttgart, sondern von einem privaten Investor realisiert werden, der aber erst noch über eine Ausschreibung gefunden werden muss. Darüber informiert die Verwaltung den Wirtschaftsausschuss am kommenden Freitag. Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier sagt, die Initiative dazu sei vom Theaterhaus-Verein ausgegangen. Es habe dazu konstruktive Gespräche mit der Finanz- und Kulturverwaltung gegeben. Die Rahmenbedingungen des Theaterbetriebs hätten sich eben geändert. Unklar ist, wo dann die Freie Tanz- und Theaterszene untergebracht werden soll. Für sie sind keine Flächen vorgesehen.

 

Was geschieht mit der Probebühne?

Es fehlt auch noch eine Finanzierungszusage der Stadt für den Umzug der Probebühne von Schauspiel und dem Ensemble Gauthier Dance am Löwentor und für die höheren Betriebskosten. Der Vermieter, Projektentwickler Alfons Doblinger (Dibag), verhandelt bekanntlich mit der Rathausspitze über ein, in der Nachbarschaft seiner heute vom Theaterhaus genutzten Halle liegendes Gebäude, das bis zur Fertigstellung des Erweiterungsbaus auf dem Pragsattel in sechs bis sieben Jahren als Interims-Probeort dienen soll. Bereits im nächsten Sommer wird das Theaterhaus für drei Monate zur Baustelle (und vermutlich im darauffolgenden Sommer noch einmal): Die große Halle T1 wird für rund zehn Millionen Euro ertüchtigt. Die alte Tribünenkonstruktion reagiert bei Auf- und Abbau nur noch auf einen Vorschlaghammer.

Im Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik löste Anfang 2022 die Nachricht über eine Kostenexplosion von 40 auf fast 130 Millionen Euro für den Erweiterungsbau erwartungsgemäß keinen Begeisterungssturm aus. Man komme aber gar nicht umhin, zähneknirschend die Mehrkosten mitzutragen, so etwa war der Tenor der Diskussion, verbunden mit der Erklärung weiterhin „volle Unterstützung“ zu gewähren. Der Bedarf an Funktionsräumen und einer festen Trainingsstätte für die Compagnie von Eric Gauthier war nicht wegzudiskutieren, ebenso eine Heimat für die Freie Tanz- und Theaterszene. Gauthier soll nun eine Probebühne im abgespeckten Anbau bekommen, die Freie Szene entgegen der bisherigen Ankündigung nicht.

Großer Saal nicht mehr bedarfsgerecht

Nun hat laut Vorlage „eine Neubewertung des Projekts mit dem Hauptnutzer ergeben, dass ein Ergänzungsbau mit einem Saal für rund 600 Besucher einschließlich aller Foyer- und Publikumsflächen nicht mehr bedarfsgerecht ist“. Der Absicherung des Kulturbetriebs werde Vorrang eingeräumt. Soll heißen: der Betrieb einer weiteren Spielstätte hätte das Theaterhaus wohl finanziell überfordert und wäre auch aus künstlerischer Sicht nicht nötig. Begründet wird die Streichung des Saals nämlich auch mit der „Neuausrichtung“ der Kulturstätte. Angestrebt werde ein „nachhaltig und auskömmlich finanzierter Ausbau des Bestandsbetriebs“. Ziel sei es, die Produktionsbereiche im bestehenden Bau und dessen Infrastruktur zu stärken.

Bisher hat man sechs Millionen Euro für die Planung ausgegeben. Das Geld sei aber nicht verloren, man habe wichtige Erkenntnisse erhalten, sagt die Verwaltung. Eine ersatzlose Streichung des Projekts sei nicht denkbar. Das Theaterhaus soll 2500 Quadratmeter Bruttogeschossfläche für Proberäume, Werkstätten und Lager erhalten. Man brauche zudem eine geschlossene Anlieferhalle inklusiv unterirdischer Anbindung an den Bestandsbau für den nächtlichen Ladebetrieb der Tour-Lkw und Tour-Busse. Eine Schallschutzlösung ist nötig, weil in der Nachbarschaft gewohnt wird.

Erweiterungsbau bleibt in Höhe erhalten

Deshalb muss trotz reduziertem Raumprogramm der Erweiterungsbau auch genauso hoch werden wie ursprünglich vorgesehen. Das „Auffüllen“ der nicht vom Theaterhaus benötigten Fläche würde aber zu unverhältnismäßig hohen Kosten für die Stadt führen, die ein solches Vorgehen für unangemessen hielte. Sie schlägt deshalb vor, das Grundstück an einen privaten Investor zu verkaufen, der den Erweiterungsbau erstellt und über den Theaterhausflächen Büros oder Wohnungen errichten könnte. Es braucht auch weiterhin eine Tiefgarage. Offen ist, ob die aus Kostengründen gestrichene zweite Etage bei einer privaten Finanzierung wieder Teil des Programms wird.

Das Theaterhaus hat bekanntlich ein Stellplatzproblem. Walter Schretzmeier hat zuletzt auf die Zusage der Stadt für 241 Parkplätze hingewiesen. Derzeit sucht er in der näheren Umgebung nach Flächen und will auch mit der Mercedes-Benz-Bank sprechen, ob sie abends ein zusätzliches Stockwerk freigeben könnte. Das bankeigene Parkhaus sei mittlerweile in der Nachbarschaft als günstiges Angebot für Parker bis Mitternacht bekannt.

Wird das Haus auskömmlich finanziert?

Neben Neu- und Umbau beschäftigt Stadtverwaltung und Theaterhaus die dauerhafte finanzielle Unterstützung. Zur Erinnerung: 2019 bestand eine existenzielle finanzielle Schieflage. Eine Insolvenz konnte nur durch eine einmalige Sonderzahlung von Stadt und Land von 729 000 Euro abgewendet werden. Diese Hilfe war an die Bedingung geknüpft, Schretzmeier und Co. müssten ein Konzept vorlegen, wie es mit dem Haus weitergeht und zudem aufklären, wie man so in die Bredouille geraten konnte. Eine Erkenntnis eines beauftragten Wirtschaftsprüfers war die dauerhafte Unterfinanzierung von Gauthier Dance und dessen ungute Abhängigkeit von Sponsorenzahlungen, die kurzfristig ausfallen können. Mittlerweile wurde die städtische Förderung auf 2,7 Millionen Euro jährlich erhöht; das reiche aber immer noch nicht, um die strukturelle Unterfinanzierung zu beseitigen.

Die inhaltlich-konzeptionelle Neuausrichtung des Theaterhauses sowie „strukturelle Fragen auch angesichts des anstehenden Generationenwechsels“ sind Dauerthemen in gemeinsamen Runden gewesen. Während der Corona-Pandemie geriet der Dialog ins Stocken. Im vergangenen Jahr wurden die Gespräche zwar wieder aufgenommen, der Personalwechsel im kaufmännischen Vorstand machte dann aber eine Neubewertung auf Theaterhausseite nötig. Es gibt folglich noch keinen Hinweis, wohin die Reise auf dem Pragsattel geht.

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