Privatradiosender in der Corona-Krise Mehr Hörer, aber weniger Kunden

Informationen und Unterhaltung sind  gefragt wie selten – eine Szene aus einem Hörfunkstudio. Foto: imago
Informationen und Unterhaltung sind gefragt wie selten – eine Szene aus einem Hörfunkstudio. Foto: imago

Deutschlands private Radiosender finanzieren sich über Werbung in ihren Programmen – diese Einnahmen brechen in Zeiten der Corona-Krise zunehmend weg. Das bringt die Stationen in Bedrängnis.

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Stuttgart - Auf Sylt ist derzeit nichts los. Corona hat alles verändert, und die Auswirkungen zeigen sich in vielen Bereichen. „Da Sylt für den Tourismus geschlossen ist, nehmen die Werbeaufträge dramatisch ab“, sagt der Geschäftsführer des privaten Radios Antenne Sylt, Steffen Müller. „Wir haben im März einen Rückgang von 30 Prozent und im April von 80 Prozent zu verzeichnen.“ Die Vertriebsmitarbeiter wurden in Kurzarbeit geschickt. Zugleich gebe es diese andere Entwicklung: Die Leute hören mehr Radio. Mit dieser sich öffnenden Schere lebt gerade die Branche der privaten Radios in Deutschland. Es gibt mehr Nachfrage nach dem Programm, aber wirtschaftlich gleicht das die Einbrüche im Werbemarkt nicht aus.

Auch große Sender sind betroffen

Achim Voeske, Geschäftsführer von Hitradio Antenne 1 aus Stuttgart, kann dies nur bekräftigen. „Die privaten Radiosender reiten derzeit alle irgendwie auf der Rasierklinge. Einerseits ist die derzeitige Corona-Krise eine absolute Hoch-Zeit für Berichterstattung, Service und Unterhaltung aus dem Radio. Gleichzeitig brechen uns gerade in erheblichem Maße die Werbeerlöse weg. Das ist vor allem für die kleineren lokalen Sender wie etwa Antenne 1 Neckarburg absolut existenzbedrohend. So hat mittlerweile auch Antenne 1 bereits Kurzarbeit einführen müssen. Dabei stehen wir eigentlich vor der nicht lösbaren Herausforderung, für unsere Hörer mehr machen zu wollen.“

Der Verband Privater Medien (Vaunet) appelliert mit klaren Worten an Bund und Länder, private Radioveranstalter in der Krise zu unterstützen – mit einem gemeinsamen Maßnahmenpaket. In einem Brief an die Ministerpräsidenten, Staatskanzleien, an mehrere Bundesminister und Landesmedienanstalten heißt es: „Der dramatische Werbeeinbruch wird bei den privaten Hörfunkveranstaltern für sehr lange Zeit sehr tiefe Spuren hinterlassen. Ohne existenzsichernde Maßnahmen wird uns im ohnehin schon ungleichen Wettbewerb mit den haushaltsabgabenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Angeboten auf lange Zeit die erforderliche Innovationsfähigkeit geraubt.“

Verband fordert Unterstützung

Der Vaunet-Vorsitzende für den Bereich Radio und Audiodienste, Klaus Schunk, sagt: „Es braucht vor dem Hintergrund der aktuellen Krise dringend eine Förderung zugunsten der privaten Radioanbieter. Lediglich zinsfreie Darlehen sind nicht ausreichend, um unsere Mitgliedsunternehmen in dieser Situation wirtschaftlich wieder zu stabilisieren.“

„Je kleiner die selbstständige Einheit ist, desto größer ist die Betroffenheit“, sagt Schunk, der auch Geschäftsführer von Radio Regenbogen in Baden-Württemberg ist, über die aktuelle Lage der privaten Radiosender. Die meisten Geschäfte seien derzeit geschlossen. Lokal seien diese Kunden für Radiosender wichtig für Werbung. Das falle jetzt weg.

Auch der Verband in Baden-Württemberg (VPRA; Verband Privater Rundfunkanbieter Baden-Württemberg) kämpft nach Angaben von Achim Voeske von Hitradio Antenne 1 derzeit sehr dafür, dass der Privatfunk Unterstützung erhält. Der gut gemeinte Hinweis aus der Medienpolitik, den privaten Hörfunk zu unterstützen, reiche alleine noch nicht. Es müsste nun wirklich zeitnah Unterstützung folgen. Für eine Mehrzahl der privaten Sender sei der Blick auf die zur Verfügung stehende Liquidität ein großer Sorgenfaktor. Insofern wäre eine Unterstützung oder Förderung der beträchtlichen Verbreitungskosten (UKW, DAB+) sicherlich systemstützend. „Auch ich fürchte, dass wir ansonsten nach der Corona-Krise eine andere Medienlandschaft vorfinden“, so Voeske.

Politik verspricht Hilfen

Von der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz – das Bundesland koordiniert Rundfunkangelegenheiten der Länder – hieß es auf Anfrage: „Wir wissen um die besonderen Herausforderungen, mit denen der private Rundfunk, vor allem der private Hörfunk konfrontiert ist.“ Die Länder stünden seit Beginn der Krise im Kontakt mit den Landesmedienanstalten und den Verbänden. Es bestehe die klare Erwartung, dass die bereits aufgelegten Hilfsprogramme von Bund und Ländern auch den privaten Rundfunkveranstaltern offen stehen. Die Landesmedienanstalten hätten angeboten, die privaten Rundfunkveranstalter bei der Antragstellung für Soforthilfen zu unterstützen. Darüber hinaus prüften die Länder mit den Landesmedienanstalten, „welche weiteren Optionen bestehen, um die privaten Rundfunkanbieter weiter entlasten zu können“, hieß es.

In Deutschland ist vor Jahrzehnten das duale Rundfunksystem etabliert worden: Auf der einen Seite gibt es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der sich im Wesentlichen aus dem monatlichen Rundfunkbeitrag finanziert. Auf der anderen Seite gibt es den privaten Rundfunk, der auf dem freien Markt agiert. Dessen große Einnahmequelle sind Werbeeinnahmen. Insgesamt gibt es laut Verbandsangaben 273 private Radioanbieter in Deutschland, davon seien 162 Lokalradios.




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