Stuttgart - Es ist ein Samstag, kurz vor Weihnachten. Susanne F. (Name der Redaktion bekannt) holt ein Schreiben vom Amtsgericht aus dem Briefkasten. Es ist das Testament ihres kürzlich verstorbenen Vaters. Als Erben tauchen darin auch zwei ihr völlig unbekannte Namen auf. „Ich dachte erst, das ist ein Fehler. Bis mir eines klar wurde: Das sind meine Halbbrüder.“
Weder ihre wenige Monate zuvor verstorbene Mutter noch der Vater hatten Susanne von diesen „einseitigen Abkömmlingen“, wie die Seitensprung-Folgen des Vaters im Juristendeutsch heißen, erzählt. Susanne stellt ihr ganzes, bis dahin halbwegs heiles Familienbild infrage. „Was für ein Leben hat mein Vater da geführt? Wie viele Frauen gab es noch? Wie konnte er zwei seiner Kinder das ganze Leben lang ausblenden? Und wie konnte die Mutter in so einer Beziehung leben?“
Das Kopfkino rattert. Denn die Antworten auf diese Fragen haben die Eltern mit ins Grab genommen. „Das ist für die Angehörigen eine sehr schwierige Situation, in der sie oft professionelle Hilfe brauchen“, sagt Dorothee Döring, Kommunikations- und Konfliktberaterin. Denn nicht jedem gelinge es, sich mit etwas Abstand zu überlegen: Warum wurde dieses Geheimnis denn gewahrt?
Scham verhindert Offenheit
Eine Adoption, einen Ehebruch oder einen Missbrauch vor den engsten Familienmitgliedern geheim zu halten, erfordert sehr viel Kraft. „Das macht keiner, weil er gern lügt oder einfach Spaß daran hat, sondern es geschieht aus großer seelischer Not heraus“, sagt Vera Matt, Paartherapeutin aus Berlin.
Diese seelische Not rührt daher, dass die meisten Familiengeheimnisse eine Gemeinsamkeit haben: Sie sind schambehaftet. Dass der Opa ein Nazi war, ein Kind abgetrieben wurde oder der Vater zwei Frauen liebt, all das entspricht nicht dem vorherrschenden Familienbild. „Wenn ich nicht darüber spreche, schütze ich mein Selbstbild. Ich schütze aber auch meine Familienmitglieder davor, sich einer gesellschaftlichen Beurteilung stellen zu müssen. Und das sehen viele Betroffene nicht“, sagt Dorothee Döring, die auch ein Buch zum Thema Familiengeheimnisse geschrieben hat.
Auch bei Susanne F. dauert es einige Wochen, bis sie begreift: Sie muss das idealisierte Bild, dass sie bisher von ihrem Vater und ihrer Mutter hatte, korrigieren. Das war ihr durch die Verheimlichung der Halbbrüder bislang erspart geblieben. Es kostet sie Überwindung, mit ihren Freunden darüber zu reden. Bis sie merkt: So allein ist sie mit dem Geheimnis gar nicht. Auch in anderen Familien gibt es Sachen, über die niemand spricht.
Schweigen kann der bessere Weg sein
Das bestätigt auch Dorothee Döring aus ihrer täglichen Arbeit. „Es gibt diese Geheimnisse überall, einfach weil jeder seine Schwächen hat und über diese nicht gern redet.“ Sie findet das nicht nur menschlich, sondern auch völlig in Ordnung. „Auch in Beziehungen und in Familien hat man ein Recht auf Privatsphäre. Keiner muss alles erzählen. Und manchmal kann Schweigen sogar der bessere Weg sein.“
Zum Beispiel dann, wenn die Wahrheit dem anderen mehr Schaden als Nutzen bringt. Das ist häufig bei einem Seitensprung der Fall. „Die Person, die beichtet, fühlt sich danach befreit. Schlecht geht es dann vor allem dem betrogenen Partner“, sagt Paartherapeutin Vera Matt. Von einer Affäre nichts zu erzählen, habe deshalb nicht automatisch etwas mit Feigheit oder Lüge zu tun. „Es kann durchaus auch der verantwortungsvolle Umgang damit sein. Klarheit und Wahrheit sollten dennoch der bevorzugte Weg sein.“
Offenbarung auf dem Sterbebett
Nicht immer jedoch nehmen Menschen ihr Geheimnis wie der Vater von Susanne F. mit ins Grab. Weil sie die Heimlichtuerei nicht mehr wollen oder die Scheinwelt nicht mehr aufrechterhalten können. „Wenn es einen zu sehr belastet, dann muss man auch reden“, sagt Dorothee Döring. Häufig passiere das im Sterbebett, wie sie aus eigener Erfahrung als Sterbebegleiterin weiß.
„Es hilft, wenn dort eine Person sitzt und neutral zuhört. Ein betroffenes Familienmitglied wird immer werten“, sagt Döring. Auch das sei ein Grund, warum Familiengeheimnisse gerade in der Familie eben nicht gern gelüftet werden. „Zu einem Familiengeheimnis gehören immer zwei Seiten: die Seite, die nichts erzählt; und die Seite, der man nichts erzählt“, sagt Konfliktberaterin Dorothee Döring.
Aus unserem Plus-Angebot: Diese Menschen sind Geheimnissen auf der Spur
Kurz nach Weihnachten bekommt Susanne F. einen zweiten Brief. Er ist von einem ihrer neuen Halbbrüder. In einem ersten Impuls wirft sie ihn zum Altpapier. Aber dann setzt sie sich doch an den Computer und schreibt zurück. „Sonst hätte ich aus mir ja ein neues Familiengeheimnis gemacht. Und das wollte ich nicht.“
Info
Etwa 13 kleinere und größere Heimlichkeiten trägt jeder Erwachsene im Durchschnitt mit sich herum. Das zumindest war das Ergebnis einer groß angelegten Befragung des amerikanischen Psychologen Michael L. Slepian von der Columbia-Universität in New York. Die Liste der Geheimnisse umfasste dabei harmlose Dinge wie heimliche Hobbys und ungewöhnliche Verhaltensweisen genauso wie Diebstahl, Drogenkonsum, Geldprobleme, Seitensprung oder Abtreibung.
Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass Heimlichkeiten auf die Stimmung schlagen können – in Form von Stress, Angst, Depression, Einsamkeit und mangelndem Selbstwertgefühl. Weshalb Geheimnisse im Schnitt auch nur rund zweieinhalb Jahre tatsächlich gehütet werden. Dann werden sie zumindest einem anderen Menschen anvertraut. Denn eine andere Person in das Geheimnis einzuweihen, fördert das Wohlbefinden und reduziert das Grübeln.
Aber Heimlichkeiten haben auch ihre positiven Seiten: So ist es beispielsweise für die Entwicklung der Autonomie von Jugendlichen sehr wichtig, Geheimnisse vor den Eltern zu haben. Los geht es mit etwa zwölf Jahren, wenn Kinder begreifen, was Privatheit bedeutet.