Pro und Kontra zur Buga-Show in Mannheim Kann das Tragen von Sombreros Gefühle verletzen?

Die Kostümierung als Mexikanerinnen mit Sombreros hat seitens der Buga-Verantwortlichen Kritik hervorgerufen. Foto: AWO

Kostüme eines Seniorinnen-Ballets haben auf der Bundesgartenschau in Mannheim für Streit gesorgt. Unsere Autorin Zoë Schäuble findet ein Verbot solcher Kostüme richtig, Christian Gottschalk nicht. Wo beginnt kulturelle Aneignung?

Doch noch geeinigt haben sich die Verantwortlichen der Bundesgartenschau (Buga) in Mannheim und die Tanzgruppe AWO-Ballett Rheinau. Die als zu „klischeehaft“ empfundenen Kostüme für geplante Auftritte des Seniorinnen-Balletts auf der Bundesgartenschau in Mannheim hatten im Vorfeld für einigen Wirbel gesorgt. Unter anderem die Kostümierung als Mexikanerinnen mit Sombreros habe seitens der Buga-Verantwortlichen Bedenken hervorgebracht und den Vorwurf laut werden lassen, die Tanzgruppe verletzte die „interkulturelle Sensibilität“ indem sie mit Sombreros bekleidet, in japanische Kimonos oder indische Saris gewandet, die Zuschauer der Show „Weltreise in einem Traumschiff“ in vermeintlich ferne Welten entführt. Die monierten Kostüme hatten in der Show bestimmte Länder symbolisieren sollen, hatten die Tänzerinnen verdeutlicht.

 

In einer rund 25-minütigen Show werden die 17 Seniorinnen ihre selbstgeschneiderten Kostüme nun doch noch vorführen – allerdings nicht, ohne vorab an diesen Änderungen vorzunehmen: „Den Mexikanern reicht der Poncho und die Asiatinnen werden moderner“, heißt es nach einem Gespräch mit allen Beteiligten.

Aber ist der Konflikt um die ethnifizierenden Kostüme, die vermeintlich kulturelle Stereotype bedienen, damit wirklich vom Tisch? Verletzt das Tragen von Sombreros in derlei Vorführungen die Gefühle anderer? Ein Thema, zwei Meinungen:

Pro: Stereotypen unterm Sombrero

Von Zoë Schäuble: Es steht außer Frage, dass es sich manchmal beschwingter tanzt, wenn man in einer anderen Haut steckt. Das dachten sich sicherlich auch die Seniorinnen, die ihre Kostüme von Hand fertigten. Aber es ist an der Zeit, zu verstehen, dass man mit solchen „Späßen“ anderen zu nahe treten kann, kulturelle Aneignung praktiziert und rassistische Vorurteile bedient. Ethnifizierende Kostüme, ob Sombreros, wallende Saris oder seidene Kimonos, sind so vielfältig, wie die Kulturen denen sie entlehnt sind. Egal, wie freundlich es der Kostümträger auch meint: Wenn Stammeskleidung zur Verkleidung wird, macht der Kostümierte mehr, als sich bloß zu verkleiden. Da werden Traditionen und Bräuche unterdrückter, rassistisch verfolgter Kulturen aus Spaß zur Schau gestellt. Bedenkt man, dass indigene Völker weltweit von weißen Menschen im Zuge von Kolonialisierung versklavt und ausgelöscht wurden, erscheint derlei Kostümierung als höhnisch. Zudem reproduziert sie Klischees über fremde Kulturen. Solche Verkleidungen ignorieren den Wert von Traditionen und indigener Geschichte und geben sie der Lächerlichkeit preis. An dieser Stelle mag es vielen zu weit gehen in Sachen politische Korrektheit: Man muss ja nicht überall Rassismus vermuten! Aber inwieweit schränkt man sich tatsächlich ein, wenn man auf ethnifizierende Verkleidung verzichtet? Gar nicht. Im Gegenteil. Man bezieht Stellung und hört auf, Menschen aufgrund ihres Aussehens und ihrer Kultur zu marginalisieren. Und dabei geht es nicht darum, den Seniorinnen böse Absichten zu unterstellen. Es geht darum, das Bewusstsein dafür zu schärfen, was mit Kostümen, mit dem „Sich Verkleiden“ ausgedrückt wird – und da ist schon ein Sombrero zu viel.

Kontra: Ein Hut mit Krempe verletzt sicher nicht

Von Christian Gottschalk: Das zweitgrößte Oktoberfest der Welt findet in Qingdao statt. Mehrere Millionen Chinesen pilgern dann in die Hafenstadt, Zehntausende von ihnen in Dirndl und mit Lederhose bekleidet. Bedeutet das, alle Deutschen tragen zu Hause auch diese modische Eleganz? Müssen sich nun all jene Deutschen in ihren Gefühlen verletzt sehen, die im täglichen Leben anders auftreten? Natürlich nicht. Das Ganze ist einfach ein gewaltiger Spaß.

Genau so ist es auch, wenn ein paar motivierte Seniorinnen auf der Gartenschau im Kimono oder mit Sombrero auf die Bühne treten. Niemand im Publikum wird glauben, dass alle Japanerinnen so durch Tokio schlendern oder dass die Mexikaner ausschließlich mit breiter Hutkrempe Siesta machen. Und doch sind alle Kleidungsstücke ein Symbol für die jeweiligen Länder. So wie auch Bauwerke ein Symbol sein können, ohne andere Gebäude zu desavouieren. Der Eiffelturm steht für Paris, Big Ben für London. Auch wenn es dort viel mehr gibt. Das alles ist nett gemeint und ganz bestimmt nicht diskriminierend.

Wer nun mit dem Vorschlaghammer der politischen Korrektheit auf Darbietungen haut, in denen solch nett gemeinte Symbole präsentiert werden, der zerstört mehr, als er mit seiner Aktion zu retten glaubt. Auch wenn es inzwischen zurückgenommen ist, so ist ein Auftrittsverbot doch so absurd und weltfremd, dass es den Blick auf das Wesentliche verstellt. Dass Menschen schwarzer Hautfarbe heute nicht mehr so bezeichnet werden wie vor wenigen Jahrzehnten, das ist richtig, denn diese Worte waren verletzend. Ein Hut mit einer breiten Krempe ist es sicher nicht.

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