Schon in meiner Kindheit war die Vorfreude auf die närrischen Tage groß. Das ist kein Wunder, denn mein Papa war Elferrat und für meine Mama war der Rosenmontagsumzug in Mainz der Höhepunkt im Fernseh-Jahresprogramm. Während der Studienzeit in Tübingen lernte ich die schwäbisch-alemannische Fasnet kennen.
Der Schmotzige Donnerstag in der wenige Kilometer entfernten katholischen Hochburg Rottenburg war gesetzt. Das Historienspiel, wenn Gräfin Mechthild den Schlüssel übernimmt, war ein Muss. Die handgeschnitzten Holzmasken der teuflischen Ahlande haben mich fasziniert. Da wurde mir klar, dass Fasnetsbräuche ein unverzichtbarer Teil der Kultur sind. Nicht umsonst zählt die schwäbisch-alemannische Fasnet seit 2014 zum immateriellen Kulturerbe der Unesco. Seit 2020 ist auch der Narrenbund Neuhausen mit seinen 15 Maskengruppen dabei. Rotenhäne, Wappen-Löwen, Fleinsbach-Biber, Schellen-Peter und all die anderen Häs gehen auf Vorbilder oder Legenden in der katholisch geprägten Fildergemeinde zurück.
Nicht zuletzt schaffen die Narren eine schöne Gemeinschaft, wenn sie in ihren wilden Verkleidungen auf Umzügen in der Region unterwegs sind. Nach langer Corona-Isolation holt das manchen Menschen wieder ins Leben.
Wie viel kreatives Potenzial die närrische Zeit hat, zeigen mir Prunkfestsitzungen, der Berkheimer Nachtumzug, Fasnetsshows, der Neuhausener Hexentanz oder das legendäre Wernauer Narrengericht. Hunderte Mitwirkende gestalten – meist mit Talenten aus den eigenen Vereinen – großartige Programme. Nicht zuletzt liebe ich es als Theaterfan, mich zu verkleiden. Mal in eine andere Rolle schlüpfen, das macht Spaß. Deshalb bin ich als „der verrückte Hutmacher“ aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ unterwegs. Beim Umzug in Neuhausen und in der legendären Schlampenkapelle bin ich auch am Start. (eli)
Wenn alle die Sau rauslassen
Alle Jahre wieder ergeben sich Tausende Feierlustige dem Drang, verkleidet durch die Straßen zu ziehen. Unstillbar scheint das Bedürfnis zu sein, in der sogenannten fünften Jahreszeit mal so richtig die Sau rauszulassen. Generell habe ich natürlich nichts dagegen, wenn Leute begeistert Fasnet feiern – solange sie davon ablassen können, mich und andere, denen es ähnlich geht, dafür begeistern zu wollen.
Daran wie da unter Umständen die Sau rausgelassen wird, störe ich mich zuweilen: Wenn alkoholgeschwängerte Distanzlosigkeit keine Grenzen mehr kennt und für das Gegenüber zum Problem wird. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang aus meiner Sicht, wer da so die Sau rauslässt. Wenn zur Fasnet alles egal sein darf und auch all diejenigen, die häufig und gerne be- und verurteilen, beginnen, gesellschaftliche Konventionen und Zwänge zu überschreiten. Das kann einerseits grotesk wirken, andererseits drängt sich mir dann auch immer die Frage nach der Doppelmoral auf.
Ich kenne die Argumentation, dass es sich bei der Fasnet nicht nur ums Feiern dreht, sondern es sich um ein Kulturgut handelt. Ganz erschließt sich mir dieser hehre Anspruch allerdings nicht immer. Es ist nicht so, dass ich nichts für Kultur übrig hätte, die Begeisterung für die schwäbisch-alemannische Fasnet hält sich bei mir jedoch in Grenzen. Mir ist bewusst, dass die schwäbisch-alemannische Fastnet als immaterielles Unesco-Kulturerbe gilt. Attraktiver macht diese Tatsache die Fasnet für mich aber nicht. Natürlich unterscheiden sich die Veranstaltungen im Hinblick auf Qualität und Kultiviertheit. Dagegen, dass Narren und Hästräger durch die Straßen ziehen, spricht natürlich rein gar nichts. Und natürlich verstehe ich alle, die das Zusammengehörigkeitsgefühl im Rahmen der Fasnet von Kindesbeinen an schätzen. Dennoch: Fasnet besser ohne mich. (jas)