Pro und Kontra Tanzverbot an Karfreitag – ja oder nein?

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Alle Jahre wieder entbrennt in der Karwoche eine Diskussion über das Tanzverbot an stillen Feiertagen. Die Ruhe ist gesetzlich geschützt. Doch ist das noch zeitgemäß? Ein Pro und Kontra.

Wer Musik nur mag, wenn sie laut ist, hat an Karfreitag Pech: Nur leise Hintergrundbeschallung ohne Tanz ist erlaubt.Foto:dpa Foto:  
Wer Musik nur mag, wenn sie laut ist, hat an Karfreitag Pech: Nur leise Hintergrundbeschallung ohne Tanz ist erlaubt.Foto:dpa

Stuttgart - Es ist still geworden um die Piratenpartei, und still treten deren Aktive auch am Karfreitag in Erscheinung: „Abzappeln gegen das Tanzverbot“ heißt die Veranstaltung, bei der sie nicht heimlich, sondern öffentlich, aber still und leise auf dem Schlossplatz tanzen werden. Mit Kopfhörern statt Ghettoblastern bitten die Piraten zum Tanz. Das Motto „Eure Religion, meine Musik“ hielten sie bei vergangenen Veranstaltungen auf Plakaten hoch.

Der Protest richtet sich gegen die Regelung des Sonn- und Feiertagsgesetzes des Landes Baden-Württemberg. In diesem ist festgeschrieben, dass der Karfreitag, wenn Christen des Leidens und Todes Christi gedenken, einer der stillen Feiertage im Jahr ist. Dazu zählen auch der Totengedenktag und der Volkstrauertag im November. An diesen Tagen sind 24 Stunden lang „Veranstaltungen in Räumen mit Schankbetrieb, die über den Schank- und Speisebetrieb hinausgehen“, verboten, ebenso Sportveranstaltungen. Erlaubt ist Hintergrundmusik, kein Tanz, und alles, was „der Würdigung des Feiertages oder einem höheren Interesse der Kunst, Wissenschaft oder der Volksbildung“ dient.

Sperrstundenregelung ist lockerer als das Tanzverbot

Nun hat eine Meldung die Runde gemacht, Baden-Württemberg wolle als eines der Bundesländer mit den schärfsten Gesetzen zum Schutz der Feiertage diese Bestimmungen etwas lockern. Was damit gemeint ist, verrät die Landesregierung gleichwohl noch nicht. Es liegt aber auf der Hand, dass nicht die hohen, sogenannten stillen Feiertage wie Karfreitag gemeint sind: Dieser gilt im Land weiterhin als schützenswert. Eher könnte es sich um die alte Regelung handeln, dass an normalen Sonntagen von drei Uhr an in der Nacht an nicht mehr getanzt werden darf. Das kollidiert mit einer jüngeren Regelung, die die Sperrstunden gelockert hat. „Man kann ja nicht einem Club oder einer Disco erlauben, bis um 5 Uhr geöffnet zu haben und dann ab drei verlangen, dass keiner mehr tanzt“, sagt Martin Treudler, Dienststellenleiter für Gastronomie im Ordnungsamt.

Auch wenn die Behörde darauf beharrt, dass die Club- und Discobetreiber das Verbot respektieren sollen, wird es keine großen Kontrollen in der Karwoche geben: „Das gibt die Beschwerdelage nicht her“, sagt Martin Treudler. Die Betreiber haben es ein Stück weit selbst in der Hand, was sie wagen: „Das ist wie mit einer roten Ampel: Da kann man schon mal drüberfahren, aber man wird halt auch mal erwischt“, erläutert Treudler das Risiko. Die Verstöße können mit Geldbußen von bis zu 1500 Euro geahndet werden.

Tanzverbot wird in der Karwoche nicht streng kontrolliert

„Mich hat es getroffen, zweimal im Club Stereo“, sagt Oskar Ayksel von der Mono Bar. Einmal habe er dann nur die Musik leiser machen müssen, ein anderes Mal musste er 200 Euro bezahlen. „Das ist für mich reine Geldmacherei, es stört ja keinen“, kommentiert Ayksel das Vorgehen der Behörde. Besonders regt er sich darüber auf, dass die Verstöße ihm nach Mitternacht am Karfreitag, also seiner Ansicht nach Ablauf des Tanzverbots vorgeworfen wurden. Da irrt der Gastwirt: Auch am Karsamstag gilt das Tanzverbot noch. „Ich wäre sehr für eine Lockerung der Regel“, sagt Oskar Ayksel. Jeder solle selbst entscheiden können, ob er tanzen oder still den Feiertag begehen möchte, argumentiert er.

„Mit einer Lockerung könnte ich leben“, sagt der evangelische Stadtdekan Søren Schwesig. Jedoch meint er andere Feiertage, und nicht ausgerechnet den Karfreitag. „Der ist nun mal besonders wichtig“, erläutert er. Man müsse akzeptieren, dass Christen an diesem Tag der Trauer Ruhe haben wollen. „Ich wundere mich auch, warum sich die Diskussion immer ausgerechnet am Karfreitag aufhängt“, fügt Schwesig hinzu. Der Volkstrauertag im Herbst sei ein staatlicher Feiertag, an dem ebenfalls ein Tanzverbot gelte. „Da gibt es nie irgendwelche Proteste“, stellt der Dekan fest. Überhaupt kein Verständnis hat der Kirchenmann für die Protestaktion der Piraten – ähnliche habe es auch schon von anderen politischen Organisationen gegeben. „Das dient doch nur der Provokation.“

Was Schwesig noch auffällt: Jahr für Jahr werde zwar in Frage gestellt, ob das Tanzverbot seine Berechtigung habe. „Aber die gleichen Kritiker nehmen das Verbot der Arbeit an den Feiertagen gerne hin und haben frei“, fügt er hinzu. Unterm Strich gehe es bei der Achtung der Feiertagsruhe darum, dass man in einer funktionierenden Gesellschaft Respekt vor einer Gruppe haben müsse – und eben auch mal einen Tag lang auf das Vergnügen verzichtet.

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