In Baden-Württemberg soll Homöopathie aus der Weiterbildungsordnung der Landesärztekammer gestrichen werden. Foto: Adobe Stock/ fotomania61
Ist Homöopathie Fakt oder Fake? In Baden-Württemberg schwelt ein heftiger Streit. Der Esslinger Arzt Jürgen de Laporte und die Heidelberger Ärztin Natalie Grams-Nobmann sind bezüglich Globuli und Co. völlig gegensätzlicher Meinung. Ein Pro und Kontra.
Das hätte sich Samuel Hahnemann wohl nicht träumen lassen: dass knapp 200 Jahre nach seinem Tod Politikerinnen und Ärzte seinetwegen so erbittert miteinander streiten. Samuel Hahnemann war ein deutscher Arzt – und der Begründer der Homöopathie. Dahinter steht das sogenannte Simile-Prinzip, was bedeutet: Man heilt Ähnliches mit Ähnlichem. So sollen auch Globuli funktionieren: Stark verdünnt enthalten sie einen Wirkstoff, der das Leiden eigentlich verstärken würde, doch durch die reine „Information“ des Stoffs soll das Immunsystem aktiviert werden – und die Krankheit geheilt.
Heute gilt Samuel Hahnemann bei manchen Menschen als Scharlatan, bei anderen als Rebell – in einem positiven Sinne. Und die Homöopathie spaltet momentan in Deutschland mehr denn je.
In den vergangenen Jahren haben bereits zwölf Bundesländer die Zusatzausbildung Homöopathie aus ihren Weiterbildungsordnungen gestrichen. Das bedeutet, dass die Ärztekammern dort keine Weiterbildungen in diesem Bereich mehr anbieten und Nachwuchsärzte sich auch nicht mehr Homöopathie auf ihr Praxisschild schreiben können.
In Baden-Württemberg hat die Vertreterversammlung der Ärztekammer ebenfalls für eine Streichung der Homöopathie aus der Weiterbildungsordnung gestimmt. Der Gesundheitsminister Manfred Lucha bezeichnete dies jedoch als „falsches Signal“. Bis zum 5. September können sich Bürger und Institutionen noch bei der Landesärztekammer zu dem Thema äußern; dies geht per Mail an juristische-stelle@laek-bw.de.
Pro Homöopathie: „Wer heilt, hat recht“
Von Jürgen de Laporte
In Baden-Württemberg machen wir uns gerade die Mühe, den Stellenwert der Homöopathie in der Medizin etwas genauer anzusehen – und nicht nur theoretisch zu verurteilen. Das Beteiligungsverfahren wird die Vielzahl von Studien ans Licht bringen, welche in den vergangenen Jahren gezeigt haben, dass Homöopathie wirkt. Deshalb nimmt Homöopathie bei den Menschen hier einen so breiten Platz in der Versorgungsrealität ein.
Jürgen de Laporte ist Arzt und Homöopath in Esslingen. Foto: privat
Viele Theoretiker und praxisferne Kritiker haben zuletzt mit Erfolg eine ungeheuerliche Kampagne gegen die Homöopathie geführt, während homöopathisch tätige Ärztinnen und Ärzte ihre Patienten behandelt haben und sich wenig um die Kritik kümmerten.
„Unglaubliche Herabsetzung“
Das ändert sich jetzt. Die unglaubliche Herabsetzung eines bedeutenden Teils ärztlicher Heilkunde geschieht aus einer isolierten theoretischen Wissenschaftsgläubigkeit von Menschen, denen im wahrsten Sinn des Wortes nichts mehr heilig ist. Manche Menschen meinen, die gesamte Welt der Medizin digital und mit Folgen aus 0 und 1 erschöpfend beschreiben zu können. Diese Kritiker erdreisten sich, einen Teil der ärztlichen Kunst zu diskreditieren und hatten bisher Erfolg und zu wenig Gegenwind.
Das Problem der Homöopathie ist: Die Erfahrungswelten von im Krankenhaus Tätigen und in der Praxis tätigen Ärzten unterscheiden sich stark, obwohl die in der Praxis Tätigen fast immer auch den Erfahrungsbereich der Klinik durchlaufen haben. Aber gerade jüngeren Ärzten in Krankenhäusern erscheint die Realität oft klar durchschaubar und durch Studien ausreichend beschrieben. Medizinische Studien untersuchen allerdings immer kürzere Zeiträume und gelten oft schon nach wenigen Jahren als veraltet.
Langfristige Erfahrungen, nicht nur kurzfristige Studien
Die Wirklichkeit der Menschen mit mehreren Erkrankungen, ihren Sorgen und Ängsten und vielen Medikamenten, lässt sich nicht so leicht in den sogenannten Doppelblindstudien abbilden (Studien, bei denen weder Prüfer noch Teilnehmer wissen, ob sie ein Medikament oder ein Placebo erhalten). Hier kommt es auf die Versorgungsrealität über längere Zeit an. Die noch recht neue Versorgungsforschung zeigt auch für die Homöopathie Wirksamkeit. Und: Wer heilt und begleitet, hat recht.
Menschen mit mehreren chronischen Krankheiten wollen individuell begleitet werden und so wenige Medikamente wie möglich einnehmen müssen. Sie wollen als ganze Individuen wahrgenommen und behandelt werden, ohne Kategorisierung in körperliche oder psychische Beschwerden.
Aktivierung der Selbstheilungskräfte
Die Homöopathie ist eine Reiz- und Regulationstherapie und aktiviert die Selbstheilungskräfte des Körpers: Wie kann die Selbstheilung mit dem kleinstmöglichen Impuls erreicht werden? Oder müssen andere Maßnahmen ergriffen werden?
In der Praxis ist leider nicht immer alles sofort klar, wie bei einem Beinbruch oder einem Blinddarm. Die Allgemeinmedizin kennt das abwartende Offenlassen. Dort setzt die Homöopathie ein und fragt weiter, um dann einen Heilungsimpuls zu setzen.
Patienten haben ein Recht auf freie Arzt- und Therapiewahl, sie sollten auch in Zukunft die Möglichkeit haben, Ärzte zu finden, bei denen sie qualitätsgesichert homöopathisch beraten und behandelt werden können. Eine stetige Weiterbildung zwischen Tradition und Moderne ist für homöopathisch tätige Ärzte unabdingbar.
Nicht nur Forschung zählt, auch Erfahrung
Zu einer gründlichen Entscheidungsfindung gehört der Blick auf alle drei Säulen der Evidenz basierten Medizin: Forschung, Erfahrung und Patientenwunsch. So wurde sie von ihrem Gründer David Sackett beschrieben. Zuletzt hatten hauptsächlich die Forschenden das Wort, jetzt sollen auch die aus Erfahrung Behandelnden und die Patienten zu Wort kommen. Für eine gute Versorgung und Betreuung brauchen wir alle drei Aspekte der evidenzbasierten Medizin.
Die Zusatzbezeichnung Homöopathie in der Weiterbildungsordnung der Landesärztekammer in Baden-Württemberg ist ein Qualitätsmerkmal ärztlicher Heilkunst, das seinen Platz behalten muss!
Jürgen de Laporte ist Facharzt für Innere Medizin und hat die Zusatzbezeichnung Homöopathie. Er hat seit mehr als 20 Jahren eine Hausarztpraxis in Esslingen, wo er auch psychosomatische Grundversorgung anbietet. Für ihn gehören diese drei Säulen zusammen.
Kontra Homöopathie: „Homöopathie ist ein fake-medizinisches Verfahren“
Von Natalie Grams-Nobmann
Bei der aktuellen Diskussion um die Abschaffung der Zusatzbezeichnung Homöopathie geht es vorrangig darum, dass die ärztliche Weiterbildungsordnung sich am Stand der Wissenschaft orientieren sollte, um eine bestmögliche Versorgung von Patientinnen und Patienten zu gewährleisten. Unwissenschaftliche Verfahren sollen demnach nicht länger Platz darin finden.
Welche Rolle spielt das „daran glauben“?
So hat es die Landesärztekammer beschlossen, denn sie sieht das Problem, dass in der Weiterbildungsordnung sonst mit zweierlei Maß gemessen wird. Auf der einen Seite sollen Ärzte bestmögliche Evidenz und neues Wissen lernen und anbieten, auf der anderen Seite soll ein Glaubenssystem als Grundlage einer offiziellen ärztlichen Zertifizierung ausreichen. Einen sicheren wissenschaftlichen Beleg für die Homöopathie gibt es – jenseits von Placeboeffekten – nicht.
Natalie Grams-Nobmann ist Ärztin und ehemalige Homöopathin. Foto: privat
Um sie gut zu finden, müssen Behandelnde also an sie glauben. Glaube ist jedoch keine Qualifikation, sondern eher eine persönliche Haltung. Das zu vermischen ist Patienten gegenüber weder fair noch ethisch korrekt und schon gar nicht vereinbar mit einem wissenschaftlichen Anspruch.
Homöopathie als „Pseudowissenschaft“
Mit dem geplanten Aus der Zusatzbezeichnung fällt aber die Homöopathie nicht weg. Ärzte können sie weiterhin anbieten und müssen die bereits erworbene Zusatzbezeichnung weder abgeben noch von ihrem Praxisschild entfernen. Es ist also nicht zu befürchten, dass aktuell Praktizierende durch das zukünftige Aus beeinträchtigt werden. Das Aus der Weiterbildung betrifft die Zukunft: Jüngere Mediziner können Homöopathie als Zusatzoption der Behandlung immer noch anbieten, aber eben nicht als Zusatzqualifikation, die den wissenschaftlichen Kenntnisstand abbilden sollte.
In der Coronapandemie haben wir erlebt, wie wichtig es werden kann, die Wissenschaft hochzuhalten und Wissen von Glauben zu unterscheiden. Politisch und persönlich kann es gefährlich, sogar lebensbedrohlich werden, wenn Fakt und Fake vermischt oder gar verwechselt werden. Die Homöopathie ist nun aber ein klares fake-medizinisches Verfahren, eine Pseudowissenschaft.
Medizin sollte über Placeboeffekte hinausgehen
Viele Erkrankungen kann der Körper allein bewältigen, nicht immer braucht es Medikamente, ganz klar. Gute Medizin kann manchmal im Nichtstun und aus gemeinsamem Abwarten bestehen. Auch der Placeboeffekt ist wertvoll. Doch die Homöopathie hat ihn weder erfunden noch für sich gepachtet – er ist Teil und Pluspunkt jeder guten Behandlung. Die Wirksamkeit von Medizin sollte jedoch nachweislich über diesen Effekt hinausgehen. Und zu einer guten Behandlung gehören immer Ehrlichkeit und Vertrauen. Dies sollte sich auch in den Zusatzbezeichnungen widerspiegeln.
Diskussionen, ob Baden-Württemberg das „Land der Naturheilkunde“ ist, spielen keine Rolle. Erstens ist die Homöopathie keine Naturheilkunde, denn von der Natur ist wegen der großen Verdünnung meist nichts mehr enthalten, zweitens ist Baden-Württemberg auch das Land der Wissenschaft.
Politik soll sich heraushalten
Zwölf von 17 Ärztekammern haben sich aus guten Gründen für das Aus der Homöopathie als ärztliche Weiterbildung entschieden; man läge also auch im breiten Konsens. Es ist überfällig, die Weiterbildung auch in Baden-Württemberg auf wissenschaftlich belegte Verfahren zu beschränken. Dann handelt es sich beim Erlernten um wirkliche ärztliche Zusatzqualifikationen, Spezialwissen, eine besondere Expertise. Darauf sollten Patienten vertrauen können. Verfahren, an die man glauben möchte, können trotzdem angeboten werden, allerdings nur im Rahmen der individuellen Therapiefreiheit. Die Politik sollte sich aus dieser wissenschaftlichen und letztlich ethischen Diskussion der selbstverwalteten Ärzteschaft heraushalten.
Die „Zusatzbezeichnung Homöopathie“ auf dem Praxisschild hat letztlich nur noch einen Nutzen: Weiß man doch, dass es der oder die Behandelnde mit der Wissenschaft und der Evidenz in der Medizin nicht so genau nimmt – und kann sich rechtzeitig einen anderen Arzt suchen.
Natalie Grams-Nobmann ist Ärztin und ehemalige Homöopathin. Sie führte bis 2015 eine Praxis für Homöopathie in Heidelberg, bis ihr Zweifel an der Wissenschaftlichkeit und Wirksamkeit der Methode kamen. Heute setzt sie sich für die Aufklärung über Homöopathie ein.