Probleme bei Belgiens AKWs Machtkämpfe“ und „toxisches Betriebsklima“ bei Belgiens Atomaufsicht

Es häufen sich die Störfälle und seltsamen Berichte aus der belgischen Atomindustrie. Diesseits und jenseits der Grenze sind die Menschen in Sorge. Foto: dpa
Es häufen sich die Störfälle und seltsamen Berichte aus der belgischen Atomindustrie. Diesseits und jenseits der Grenze sind die Menschen in Sorge. Foto: dpa

Die Bedenken gegen Belgiens Atomindustrie sind so groß, dass Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) das Nachbarland bat, die Reaktoren vom Netz zu nehmen. Die Regierung von Luxemburg hat sich der Forderung angeschlossen. Jetzt nährt noch ein interner Bericht die Zweifel an der Unabhängigkeit der belgischen Atomaufsicht.

Korrespondenten: Markus Grabitz (mgr)
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Brüssel - Das Betriebsklima soll toxisch sein, es gebe schwerwiegende Defizite bei der Personalführung. Von Machtkämpfen wird berichtet, von politischem und wirtschaftlichem Druck. Wenn es sich bei diesen Beschreibungen um die internen Zustände etwa bei den Brüsseler Verkehrsbetrieben (STIB) handelte, würden die Belgier vermutlich nur die Achseln zucken und zur Tagesordnung übergehen. Hier passiert es schon einmal, dass bei einer Fahrt mit der Tram die Glasscheibe herausbricht und den Fahrgästen vor die Füße fällt. Nach einer kleinen Schrecksekunde lachen alle, und es geht weiter.

Nein, viele Belgier sind hochgradig alarmiert, weil die Zuschreibungen nicht ein x-beliebiges Staatsunternehmen treffen, sondern die belgische föderale Atomaufsicht (AFCN). Diese Begriffe, die das Binnenklima in dieser nicht ganz unwichtigen Behörde kennzeichnen, stehen in einem Kontrollbericht, der am Freitag im Aufsichtsrat der Atomaufsicht vorgetragen werden soll. Die belgische Tageszeitung „Le Soir“ hat Auszüge aus dem Bericht Montag veröffentlicht. Für das Dokument sollen die Verfasser ausführliche Gespräche mit sechzig Beteiligten geführt haben, darunter vor allem Mitarbeiter der Behörde. Die Enthüllungen nähren alte Zweifel an der Unabhängigkeit der belgischen Atomaufsicht. Ihr wird schon lange unterstellt, dass sie eine zu große Nähe zum Betreiber der sieben Reaktorblöcke Belgiens hat: Electrabel. In diese Kerbe haut auch der Bericht. Dort heißt es etwa: „Es herrscht der Eindruck, dass sich die Unabhängigkeit der Kontrollbehörde gegenüber der Welt der Politik und der Wirtschaft Schritt für Schritt verringert.“ Die Mitarbeiter stellten sich immer drängender die Frage, ob „die Führung der Behörde nicht von außen unter Druck gesetzt werde, bei bestimmten Fragen Kompromisse zu machen.“

Der Chef der Behörde heißt Jan Bens. Laut Bericht geben ihm seine Mitarbeiter durchaus positive Noten. Er sei „warmherzig und zugänglich“. Zahlreiche andere Quellen aus dem Unternehmen kritisieren jedoch, seine Persönlichkeit sei zu konziliant. Bens hat, wie seine Vorgänger auch, zunächst Karriere bei der Betreiberfirma der Atomanlagen gemacht. Er leitete das Kraftwerk in Doel. Nach seinem Amtsantritt in der Kontrollbehörde sagte er gegenüber einer Zeitung: Er halte Windräder für gefährlicher als Atomkraftwerke. Wohl gemerkt: Das war bereits nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima.

Die Enthüllungen treffen Belgien ins Mark

Der belgische Grünen-Politiker Jean-Marc Nollet reagiert verärgert: „Das Dokument bestätigt schwarz auf weiß, was wir immer wieder angeprangert haben.“ Die Atomaufsicht sei anfällig für Einflussnahme von der Regierung und von der Betreiberfirma.

Die Berichte über das Innenleben der belgischen Atomaufsichtsbehörde dürften auch jenseits der belgischen Landesgrenze Beachtung finden. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hat wegen widerholten Störfällen in den belgischen Reaktoren so große Zweifel an der Sicherheit der Anlagen, dass sie vor wenigen Tagen die belgische Regierung bat, Doel 3 in der Nähe von Antwerpen und Tihange 2 wenige Kilometer von Aachen entfernt, vom Netz zu nehmen. Auch die Regierung Luxemburgs hat sich inzwischen dieser Forderung angeschlossen. Die belgische Regierung hat offiziell nicht auf dieses Ersuchen reagiert, vielmehr wurde erst am Sonntag einer der betroffenen Reaktoren nach einem vorherigen Zwischenfall wieder ans Netz genommen.

Die Enthüllungen treffen Belgien ins Mark: Ist doch das ohnehin gespaltene Land seit den Terroranschlägen vom März hochgradig verunsichert. Die Nation spürt, dass vor allem im Ausland die Regierungsfähigkeit und die Funktionstüchtigkeit von Behörden und Polizei bezweifelt werden. Sorgen um die Sicherheit der Reaktoren machen sich die Belgier noch aus einem anderen Grund. Im Zusammenhang mit den Ermittlungen bei den Terroranschlägen in Paris stießen Fahnder auf ein auffälliges Video. Es zeigt einen Mann, der Verbindungen zur belgischen Atomwirtschaft hat. Seitdem muss Belgiens Militär auch die Atomanlagen vor dem IS schützen.




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