Probleme im Homeoffice Wenn sich Beruf und Freizeit mischen
Die Menschen sind laut einer Studie immer zufriedener im Homeoffice – auch im Kreis Esslingen. Doch es gibt ein Problem, das etwa jeden Zweiten betrifft.
Die Menschen sind laut einer Studie immer zufriedener im Homeoffice – auch im Kreis Esslingen. Doch es gibt ein Problem, das etwa jeden Zweiten betrifft.
Kreis Esslingen - Seit mehr als anderthalb Jahren arbeiten viele Menschen im Landkreis Esslingen bereits von Zuhause aus, im sogenannten Homeoffice. Alles begann mit dem Ausbruch der Coronapandemie. Wegen des Infektionsschutzes schickten viele Unternehmen ihre Mitarbeiter nach Hause, es folgte die Homeofficepflicht, die zwischenzeitlich ausgesetzt war, seit dem 24. November jedoch wieder gilt. Mittlerweile ist diese Arbeitsform so stark im Alltag angekommen, dass sie für die meisten Menschen nicht mehr wegzudenken ist. Doch wie zufrieden sind die Heimarbeiter im Kreis Esslingen im Homeoffice? Einen Eindruck vermittelt eine Online-Umfrage, an der knapp 700 Leserinnen und Leser unserer Zeitung teilgenommen haben. Außerdem geben ein Psychotherapeut und ein Psychiater Tipps, wie man eine Vermischung von Arbeit und Privatem verhindern kann.
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Etwa sechs Tage lang hatten die Besucher des Online-Portals unserer Zeitung die Möglichkeit, bei der Umfrage mitzumachen, 693 Personen stimmten ab. Gefragt wurde, wie die Arbeit im Homeoffice empfunden wird. Es gab drei Antwortmöglichkeiten: 28 Prozent der Befragten sagten, dass sie nicht gerne im Homeoffice arbeiteten, für zehn Prozent mache es keinen Unterschied, ob sie im Büro oder Zuhause vor dem Rechner sitzen. Die eindeutige Mehrheit, immerhin 62 Prozent, erklärte, dass sie lieber im Homeoffice arbeitete als im Büro.
Diese Tendenz passt zu dem, was eine Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung herausgefunden hat. Demnach ist die Zufriedenheit unter den Beschäftigten gestiegen. Von 80 Prozent Ende 2020 auf derzeit 88 Prozent. Grundsätzlich scheint das Homeoffice populärer zu werden und die Menschen erkennen die Vorteile dieser neuen Normalität. Doch das Ganze hat auch eine negative Seite: Denn die Forscher haben herausgefunden, dass etwa jeder Zweite bei der Heimarbeit Probleme hat, nach dem Tageswerk abzuschalten und das Berufliche vom Privaten zu trennen.
„Grundsätzlich ist das eine Lebensveränderung. Und jede Veränderung erfordert Anpassung“, erklärt der Psychotherapeut Rolf Wachendorf, der in Oberesslingen eine Praxis betreibt. Manchen Menschen gelinge es besser sich an diese neuen Begebenheiten zu gewöhnen, als anderen. Früher habe es eine klassische Trennung zwischen der Arbeit und der Freizeit gegeben. Man arbeitete ausschließlich im Büro, weil es keine Alternativen gab. Und wenn man Feierabend hatte, fuhr man nach Hause und zog seine Arbeitskleidung aus. Dann war klar: nun beginnt die Freizeit. Dies verschwimme jedoch immer mehr – besonders im Homeoffice. So sieht das auch der Psychiater Arif Najib von der Praxis Kollwitzstraße in Esslingen. Die Entgrenzung zwischen der Arbeit und dem Privatem gebe es nicht erst seit Corona und dem Homeoffice, sagt er. Sie begann schon in den Nuller-Jahren, als es möglich wurde, die Arbeit mit nach Hause nehmen. „Man kann seine Arbeit jetzt theoretisch von Zuhause aus fortsetzen“, sagt Najib. Deshalb sei es wichtig, sich Grenzen zu setzen. „Das Geschäftliche und das Private sollten sich nicht vermischen“, sagt der Psychiater.
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Das gelinge zum Beispiel, indem man für die Arbeit einen separaten Raum nutze. Oder man überlegt sich Rituale, sagen Wachendorf und Najib. Ein kurzer Spaziergang am Feierabend, sich während der Arbeitszeit schick anziehen und im Anschluss in die bequeme Jogginghose schlüpfen – diese Rituale können sehr unterschiedlich sein. Doch sie helfen dabei, einen Schlusspunkt zu setzen. „Jede Gewohnheit spart Kraft“, sagt Wachendorf. „Sie denken beispielsweise morgens nicht darüber nach, ob Sie sich die Zähne putzen. Sie machen das einfach. Wenn neue Arbeitsgewohnheiten aber nicht aufgebaut sind, dann ist das anstrengend.“
Aus Arif Najibs Sicht muss man das Thema Homeoffice differenziert betrachten. Das heißt: entscheidend sind die Rahmenbedingungen. „Jemand, der Single ist und aus seiner Heimatstadt wegzieht, der wird das ganz anders bewerten, als jemand, der mit seinem Partner zusammenwohnt und noch viele soziale Kontakte hat.“ Die Reduzierung der Kontakte sei ein großes Problem, das viele Menschen unglücklich mache. „Das war in jedem einzelnen Gespräch in der letzten Zeit Thema“, sagt Najib. Zwar ist das ein allgemeiner Missstand dieser Pandemie, doch er wirkt sich stark auf das Homeoffice aus. So gibt es einige Menschen, die ihre sozialen Kontakte überwiegend bei der Arbeit haben. „Ich bin ein großer Unterstützer der Coronamaßnahmen, doch wir dürfen nicht jegliche Kontakte weglassen.“ Denn das wirke sich negativ auf die psychische Gesundheit aus.
Das Homeoffice birgt für diejenigen, die sich an die Situation erfolgreich angepasst haben, aber auch viele Vorteile. Das zeigt die Studie in gewisser Weiser auch, ansonsten wären sicherlich nicht so viele Teilnehmer so zufrieden. So spart man sich viel Zeit und Geld, denn der lästige Fahrtweg fällt weg. Und bestenfalls schaltet man nach getaner Arbeit den PC aus – und hat Feierabend.
Tipps für das Homeoffice
Rituale Der Psychiater Arif Najib und der Psychotherapeut Rolf Wachendorf aus Esslingen empfehlen, sich Rituale zu überlegen. Diese können ganz unterschiedlich sein. Ob es die Kleidung ist, die den Arbeitszeitraum markiert, oder eine Tasse Tee – wichtig ist nur, dass sie zur Angewohnheit werden. Denn eine Durchmischung von Privatem und Geschäftlichem führt dazu, dass man nur schwer abschalten kann.
Grenzen Ideal ist es, wenn man einen Raum zur Verfügung hat, den man ausschließlich für die Arbeit nutzt. Doch das ist bei vielen nicht gegeben. Um eine Mischung des Privaten und des Beruflichen zu vermeiden, sollte man beispielsweise nicht im Bett arbeiten oder auf der Couch. Schwierig wird es auch, wenn man dieselben Geräte für die beiden Lebensbereiche nutzt. Zuerst wird auf dem PC gearbeitet und danach werden Weihnachtsgeschenke eingekauft – dann kommt noch eine Mail herein.
Zeit nutzen Wer im Homeoffice arbeitet, der spart in der Regel viel Fahrzeit ein. Rolf Wachendorf empfiehlt deshalb, diese gesparte Zeit sinnvoll einzusetzen. Beispielsweise um die weggefallenen Kontakte aus dem Arbeitsalltag durch private auszugleichen. Auch Bewegung helfe.