Produktdesigner Die Dinge besser machen

Von Petra Mostbacher-Dix 

Sie machen weit mehr, als nur eine schöne Hülle für ein Gerät zu schaffen. Sie sind zunehmend Generalisten, die oft mit Spezialisten Hand in Hand arbeiten.

'Mich fasziniert das Spannungsfeld zwischen Kreativität, Funktion und Technik!' Leidenschaftlich spricht Tom Schönherr über Produktdesign. Der Mann ist trotz aller Erfolge seines Designbüros auf dem Boden geblieben: Phönix Design, das er vor 29 Jahren mit Andreas Haug in Stuttgart gründete, heimste weit über 700 Auszeichnungen ein. Im internationalen Ranking des iF Industrie Forum Design liegt es in Deutschland auf Platz eins, weltweit auf Rang sechs. Die Liste der Kunden des rund 60-köpfigen Teams liest sich wie das Who's who in der Investitionsgüterindustrie, Unterhaltungselektronik, Kommunikationselektronik, der Hausgerät- und Sanitärbranche. Phönix Design hat für sie Badarmaturen, Möbel, Navigationsgeräte, Fernseher, Schreibutensilien, Smartphones, Rechner, Laser-Maschinen, Saugroboter, Film-Objektive und mehr gestaltet.

Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA holte sie ins Boot, um den Service-Roboter 'Care-O-Bot' zu gestalten: Er erledigt Hol- und Bringdienste, wurde schon in Seniorenheimen getestet. 'Hier ging es auch darum, ein positives Grundbild dem Roboter gegenüber und Akzeptanz zu erzeugen', erläutert Schönherr, der an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Produkt- und Industriedesign studierte. Schon als Kind hatte den 61-Jährigen Technisches wie Kreatives gereizt. Eine Ausstellung mit Werken des Industriedesigners Dieter Rams im Design Center Baden-Württemberg, damals LGA-Zentrum Form, wies ihm den Weg. Und dessen zehn Thesen für gutes Design. Dieses müsse, so Rams, brauchbar, unaufdringlich, ästhetisch, ehrlich und umweltfreundlich sein.

Der große Bogen des Produktdesigns

Das Berufsbild des Produktdesigners hat sich seit damals erweitert. 'Während früher einzelne markentypische Produkte gestaltet wurden, ist heute der Bogen viel größer. Dazu gehört die Recherche über die Erfahrungen der Nutzer, deren Probleme und Wünsche, das Umfeld, bis hin zum Wissen um Umwelt, Entsorgung, Nachhaltigkeit.' Gutes Produktdesign sei ganzheitlich, so der Stuttgarter. Es gehe nicht nur um schöne Form und reibungslose Funktion, sondern auch um Strategien und Arbeitswelten: um die Positionierung eines Unternehmens, zukünftige Technologien, Produktionsbedingungen, Vertrieb, erklärt er. 'Entscheidend ist auch das Time-to-Market, wie schnell ein Produkt im Markt ist. Das gilt gerade in der Elektronik: Ist die nächsten Technologie da, lässt sich die alte kaum mehr absetzen.' Dass die Produktzyklen immer schneller werden, bestätigt Christiane Nicolaus, Produktdesignerin und Direktorin des Design Center Baden-Württemberg. 'Innovations-, Design- oder Produktmanager in Firmen müssen Neuerungen in der Technik und im Marketing vorantreiben. Die Krux: abhängig von der Branche sind Märkte übersättigt, es gibt viele ?Me-too-Produkte?', sagt sie. Diese Nachahmerwaren können und kosten oft das Gleiche.

'Gutes Design hat neben der Funktion eine emotionale Qualität und ist selbsterklärend.' Daher wird das sogenannte Interfacedesign zunehmend wichtiger, die Schnittstelle zwischen Nutzer und Gerät. Kunden erwarteten, dass die Produkte ästhetisch und intuitiv bedienbar seien. Hinzu kämen die Herausforderungen einer älter werdenden Gesellschaft: Es brauche spezielles Design, wie die vielfach prämierten Gehhilfen und Rollstühle von Stefan Lippert, Gründer der Stuttgarter ipdd Design Company. Oder aber Universelles Design, in diesem Konzept geht es um Geräte, Umgebungen und Systeme, die möglichst viele Menschen nutzen können. 'Wichtig bei allem ist, nicht in Produkten, sondern in Problemen zu denken', so Nicolaus. 'Wer eine Garderobe kreiert, darf sich nicht mit dem Schrank, sondern sollte sich mit dem Unterbringen von Kleidung beschäftigen - das eröffnet neue Lösungen.' Meist braucht es Spezialisten, die Hand in Hand arbeiten. 'Die frühere Idee des Autorendesigners, der eine Idee in ein Unternehmen trägt, gibt es heute kaum. Designer arbeiten in großen Teams wie Architekten, sie sind Generalisten, die größere Zusammenhänge erkennen müssen, da braucht es auch Managementqualitäten', so Schönherr. Produktdesigner müssten daher teamfähig und offen sein, technisches Verständnis haben, 'und ein Gefühl für Form und Harmonie, Empathie und die Fähigkeit vorauszudenken, was in drei Jahren wichtig ist. Wir gestalten für Menschen.'

Das Endprodukt in digitaler Form

Dabei hilft Computer-Aided Design (CAD), also rechnerunterstütztes Konstruieren. So erwarten Unternehmen, dass das Endprodukt nicht wie einst als Modell, sondern in digitaler Form als finale CAD-Daten abgeliefert wird, um deren Zuschnitt gleich in die Maschinen einlesen zu können. Ohne Handarbeit, sprich Modell, geht es dennoch nicht. Phönix Design hat eine Werkstatt, wo Prototypen gebaut werden. 'Was im Computer noch gut aussieht, kann dreidimensio nal ganz anders sein. Daher muss man unbedingt am Modell überprüfen, ob es funktioniert.' Doch die Phönix-Designer entwickeln nicht nur Neues, sondern arbeiten auch an vorhandenen Produktserien. 'Alle Aufgaben sind es wert, dass man sich derer sorgfältig annimmt', betont Schönherr. 'Auf den ersten Blick mag es weniger Freiheit und Gestaltungsräume geben, aber wenn man tief bohrt, kann man immer noch was herausholen.' Wie das geht, kann in Baden-Württemberg unter anderem an der Kunstakademie in Stuttgart studiert werden. An der Hochschule Reutlingen wird wiederum Transportation Design gelehrt, in Pforzheim Industrial Design und in Schwäbisch Gmünd Produktgestaltung. 'Das eine ist künstlerisch freier, das andere praxisorientierter - letztlich kommt es auf die Interessen an', so Schönherr.