Produktion und Tankstelle in Waiblingen geplant Rems-Murr-Kreis will Wasserstoffpionier werden

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Nächste Woche soll im Kreistag eine Grundsatzentscheidung zur Erprobung der emissionsarmen Technologie gefällt werden. In Waiblingen könnte dann künftig selbst erzeugter Wasserstoff getankt werden.

In Waiblingen ist eine Tankstelle mit selbst erzeugtem Wasserstoff geplant. Foto: Horst Rudel
In Waiblingen ist eine Tankstelle mit selbst erzeugtem Wasserstoff geplant. Foto: Horst Rudel

Rems-Murr-Kreis - Der Rems-Murr-Kreis will ein „Hy-Performer“ in Sachen Wasserstofftechnologie werden. Die Landkreisverwaltung soll gemeinsam mit der Stadt Waiblingen ein Konzept erarbeiten, wie die Zukunftstechnologie binnen zweieinhalb Jahren im öffentlichen Personennahverkehr zum Einsatz kommen kann. Dafür könnte man fünf Millionen Euro aus einem gleichnamigen Bundesförderprogramm abschöpfen. Das zumindest empfiehlt der Umwelt- und Verkehrsausschuss dem Kreistag. Die Vollversammlung muss dem Vorhaben allerdings in der kommenden Woche noch zustimmen.

Wasserstoffproduktion und -tankstelle in Waiblingen

Drei Millionen Euro der Fördergelder könnten bei einem positiven Beschluss für eine Anlage der Wasserstofferzeugung aus regenerativer Energie auf dem Areal der ehemaligen Ziegelei Hess in Waiblingen verwendet werden. Dort sollen die neun Wasserstoffbusse auch betankt werden, deren Anschaffung mit knapp zwei Millionen Euro bezuschusst werden könnte. Ursprünglich war vorgesehen, mit ihnen eine neue Schnellbuslinie (K3) zwischen Endersbach und dem Stuttgarter Bahnhof neu einzurichten. Doch dieser Plan wird wohl erst einmal ad acta gelegt. Nach Berechnungen der Esslinger Hochschule würde der Betrieb der Linie den Kreis bis zu 2,5 Millionen Euro kosten. Der Kreis muss den Verkehrsbetrieben schon jetzt kräftig unter die Arme greifen, weil deren Fahrgastzahlen coronabedingt stark zurückgegangen sind. Nun will man erst einmal prüfen, auf welchen Bestandslinien die Busse eingesetzt werden können.

Neun Busse für vier Millionen Euro

Und ganz zum Nulltarif ist das Projekt auch mit der „Hy-Performer“-Förderung nicht zu haben. Allein für die Anschaffung der neun Busse müsste der Kreis wohl noch rund vier Millionen Euro drauflegen. Hinzu kämen Mehrkosten beim Betrieb der Linien. Auch die in Waiblingen geplante Wasserstofferzeugungsanlage nebst -tankstelle ist nach bisherigen Erkenntnissen noch nicht wirtschaftlich zu betreiben. Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts rechnet über die kommenden 17 Jahre mit einem Defizit von bis zu 11,7 Millionen Euro. Über die Jahre hinweg sei für das Wasserstoffprojekt folglich mit einem Zuschussbedarf durch den Kreis von bis zu 1,1 Millionen Euro jährlich zu rechnen – wahrscheinlicher sei aber, dass das Defizit geringer ausfalle.

Diese „Investition in die Zukunft“ indes scheint die Mehrheit Fraktionen im Kreistag jedoch tätigen zu wollen. Ohne Gegenstimme sprachen sich die Räte nämlich im Umwelt- und Verkehrsausschuss dafür aus. Markus Dannenmann (Freie Wähler), Busunternehmer aus Weinstadt, warnte angesichts der angespannten Lage seiner Branche lediglich davor, dies zu Lasten anderer ÖPNV-Projekte zu tun. Klaus Riedl (SPD) betonte vor dem Hintergrund des Klimawandels: „Wir sind geradezu verdammt, solche Projekte in die Hand zu nehmen.“

Daimler will Wasserstoff-Motoren in Esslingen bauen

Das sieht offenkundig auch Ralf Wörner, der Leiter des Instituts für Nachhaltige Energietechnik und Mobilität an der Hochschule Esslingen, so. Die sogenannte „Clean Vehicles Directive“ der Europäischen Union schreibe schon von kommendem Jahr an einen immer größer werdenden Anteil an emissionsfreien Fahrzeugen im öffentlichen Bereich vor, sagt er. Gerade in Gegenden mit einer Typografie wie dem Rems-Murr-Kreis sei das nicht ausschließlich über Elektroantrieb zu schaffen, weil die Akkukapazitäten dafür nicht ausreichten. Der Kreis habe jetzt die einmalige Chance, mit Hilfe des Förderprojekts Erfahrungen bei einer Technologie zu sammeln, die offenkundig auch die Bundesregierung für zukunftsträchtig hält, und sich dabei einen Verfahrensvorsprung zu sichern.

Zudem gebe es ja künftig einen Brennstoffzellen-Hersteller direkt vor der Haustüre. Wie berichtet, hat Daimler angekündigt, in Esslingen ein Werk für Wasserstoff-Motoren für Lastwagen zu bauen. Und so spricht der Landrat Richard Sigel denn auch nicht von einem möglichen Rems-Murr-Prestigeobjekt sondern von einem Standortvorteil für die Region.

Weitere Wasserstoffprojekte in Planung

Schule
Mit zwei weiteren Projekten könnte sich der Kreis in die Thematik einbringen. So überlegt man, an der Gewerblichen Schule Backnang eine „Lernwerkstatt Zukunftstechnologie Wasserstoff und Brennstoffzelle“ einzurichten. An den verschiedenen Schularten sollen Unterrichtsinhalte zu alternativen Mobilitätskonzepten und zur Nutzung erneuerbarer Energien implementiert und in der Wasserstoffwerkstatt veranschaulicht werden.

Bahn
Auf der Wieslauftalbahn steht schon seit einiger Zeit die Beschaffung neuer Züge an. Derzeit wird gemeinsam mit der Hochschule Esslingen eine Umstellung auf wasserstoffbetriebene Fahrzeuge geprüft. Erste Ergebnisse sind laut Angaben aus dem Landratsamt „vielversprechend“ – insbesondere dann, wenn in Waiblingen hergestellter Wasserstoff verwendet werden könnte.




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